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41/2013 - „Selbstverschuldet unmündig“
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Ungelesen , 12:23
„Selbstverschuldet unmündig“

Es hat keinen Sinn, „das Internet“ zu dämonisieren – aber wir müssen erst eine Kultur des Umgangs damit entwickeln, meint Roland Reuß.


Das Gespräch führte Wolfgang Ölz


Roland Reuß, Professor für neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Heidelberg, hat in seinem Buch „Ende der Hypnose. Vom Netz und zum Buch“ eine scharfsinnige Analyse der (Internet-)Gegenwart vorgelegt. Die FURCHE traf ihn am Rande des Philosophicums zum Gespräch.

DIE FURCHE: Sie sprechen von den technokratischen Grundzügen des heutigen Zeitalters. Was meinen Sie damit genau?
Roland Reuß: Es gab immer schon Bürokratien, die Anfang des 20. Jahrhunderts im Werk von Kafka und Canetti beschrieben worden sind, und diese Bürokratien haben schon damals ganz massiv auf Menschen, besonders auf Subjekte, eingewirkt, die irgendwie abweichend waren. Jetzt, da wir eine Technik haben, in Gestalt einer Computertechnik, und das Internet, wo wir einen fast universalen Zugriff auf Personen haben, sind gerade Bürokratien ganz besonders daran interessiert, mithilfe dieser Technik die Personen, die sie potentiell kontrollieren wollen, auch damit zu kontrollieren. Das ist eine technokratische Machtergreifung, weil mithilfe der Technik versucht wird, auf alle Prozesse innerhalb der Gesellschaft Einfluss zu nehmen.
DIE FURCHE: Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang den Datenskandal um die National Security Agency (NSA) der USA?
Reuß: Ich habe in meinem Buch darüber geschrieben, als davon noch keine Rede war, dass es für mich sonnenklar ist, dass, wenn es die Verteidigungsinteressen der USA „notwendig machen“, selbstverständlich Google seine Daten zur Verfügung stellt – und jeder andere in Amerika ansässige Serviceprovider auch. Ich bin in gewisser Weise froh, dass die Sachen jetzt klar vorliegen, weil das bei Leuten, die normalerweise nicht dazu neigen, sich mit dieser Medialität zu beschäftigen, zu Nachdenkprozessen führt. Muss man sich unentwegt im Netz dokumentieren, muss man jeden Tag kundtun, wie gut oder wie schlecht es einem geht usw.? Das lesen eben nicht nur die Sympathisanten einer Person, sondern es gibt immer andere Leute, die das mitlesen. Bei so praktischen Dingen wie Bewerbungen ist es doch klar, dass man, bevor man jemanden einstellt, im Netz nachschaut, ob jemand im Netz irgendwie auffällig geworden ist. Es ist etwas anderes, ob ich privat ein Foto mache, das entwickeln lasse und dann ins Fotoalbum klebe, oder ob ich es ins Netz stelle. Dann ist es eine Publikation. Wenn beispielsweise Bilder von Kindern publiziert werden, dann ist das auch rechtlich sehr problematisch. Es gibt ja Leute, die behandeln ihren Twitter-Account wie ein persönliches Tagebuch. Wenn sich nun jemand bei der Allianz-Versicherung versichern will, dann schauen die Allianzversicherer zunächst im Internet nach, ob der Betreffende krankheitsanfällig ist, und dementsprechend wird dann die Versicherungssumme festgelegt.
DIE FURCHE: Was für eine Geisteshaltung steht da dahinter?
Reuß: Da geht es auch um Auflösungserscheinungen von solidarischen Systemen. Wo Leute, denen es besser geht, Leuten, denen es schlechter geht, helfen. Das ist ja auch eine christliche Tradition, die allerdings in Erosion begriffen ist. Insgesamt bin ich aber optimistisch, dass die Menschen einen guten Umgang mit dem Internet lernen. In den 60er-Jahren, als das Fernsehen aufkam, gab es Familien, die zwölf Stunden pro Tag vor dem Fernseher gesessen sind, und erst nach einer öffentlichen Diskussion wurde klar, dass zwei Stunden genug sind. Genau so eine Diskussion braucht es heute in Bezug auf den Internetkonsum, und dann wird sich das auch wieder zu verändern beginnen.
DIE FURCHE: Warum problematisieren Sie die Selbstbewerbung?
Reuß: Der Mensch ist auch ein Geisteswesen und hat eine Spiritualität. Diese Spiritualität, das Offen-Sein für andere, steht im Gegensatz zu dem, was im Internet ständig praktiziert wird: Da geht es darum, sich immer stärker einzuzementieren, sich selbst als Ding mit Eigenschaften zu beschreiben. Das glaubende Subjekt wird so immer mehr seiner Freiheit beraubt, weil es mit seinen Eigenschaften identifiziert wird. Der Mensch ist aber mehr als das, was er sich als Eigenschaft zuschreibt. Der Mensch ist eine selbständige Entität, die nicht Dingform hat. Wenn es nur noch darum geht, wie viel jemand kostet, dann haben wir letztlich ein System universaler Korruption installiert. Dann geht es darum: Sind wir bereit, für unseren Wohlstand alles aufzugeben, unsere Grundüberzeugungen, unseren Glauben, unsere Vorstellung von bestimmten Dingen, oder sagen wir: gut, ab einem gewissen Punkt lass ich mich nicht kaufen, da bin ich nicht korrumpierbar? Da haben die Kirchen einzubringen, dass der Mensch eben keine Ware ist.
DIE FURCHE: Halten Sie das Internet per se für problematisch?
Reuß: Es geht nicht darum, dieses Medium zu dämonisieren, so als ob ich sagen würde, wir müssen es abschalten und die Festplatten zertrümmern. Es geht darum, wer entscheidet, was abgespeichert wird. Da muss es politische und nicht-kommerzielle Fragen geben. Die zweite Frage ist, welche Bedeutung messen wir dem bei? Da gibt es die Internetabhängigen, die dem die allergrößte Bedeutung zumessen, die hat es aber faktisch nicht. Wenn sie mich fragen, dann sage ich, zweimal am Tag die E-Mails abrufen, das wäre das Notwendige. Universal vor dem Computer zu sitzen ist Ausdruck der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Das wirkt sich so aus, dass die Leute, die sich so apathisieren lassen, gesellschaftlich nicht mehr positiv wirken können. Sie haben dann keine Zeit mehr sich ehrenamtlich zu engagieren, sei es nun beim Roten Kreuz, in einer Kirche oder bei der Einwanderer-Integration.
DIE FURCHE: Was meint jemand, wenn er heute im Internet „Ich“ sagt?
Reuß: Die Leute, die sehr häufig im Netz „Ich“ sagen, meinen damit das von sich in die Öffentlichkeit projizierte Bild, so wie sie gerne gesehen werden wollen. Das ist aber nichts anderes als eine Projektion. In dem Moment, wo jemand versucht, das Ich als Substanz darzustellen, stellt er sich selbst eben als käufliche Ware dar.
DIE FURCHE: Warum sprechen Sie von der Verlogenheit von Google?
Reuß: Google ist von außen betrachtet nur eine Suchmaschine. Das Auffallende ist, dass es auf der Seite von Google überhaupt keine Werbung gibt, gleichzeitig macht aber Google sein ganzes Geld nur mit Werbung. Weil man bei jeder Suche rechts angezeigt bekommt, was man alles kaufen kann, und das sind ja alles Werbekunden. Es wird zunächst der Eindruck erweckt, hier gibt es keine Werbung, aber finanziert wird alles durch Werbung, und das hat den Status einer riesengroßen Lüge.
DIE FURCHE: Wie lässt es sich mit dem Internet leben, ohne dadurch geschädigt zu werden?
Reuß: Es wäre schon sehr viel gewonnen, wenn jeder für sich die richtigen Entscheidungen treffen würde. Ich selbst mache meine ganze tägliche Arbeit mit Linux als Betriebssystem. Im Gegensatz zu Microsoft werden die ganzen Daten nicht ständig auf irgendeinem amerikanischen Server gespiegelt. Dann ist die Frage: Braucht man einen Twitter-Account oder nicht? Eine mittelständische Firma, die ihre Kunden betreut, soll einen Twitter-Account haben. Eine Privatperson braucht diesen Account nicht unbedingt. Eine Privatperson sollte sich auch genau überlegen, ob sie auf Facebook vertreten sein muss. Statt Google verwende ich ixquick.com, eine europäische Suchmaschine, die keine Cookies setzt. Hier ist ganz stark der Appell an die einzelnen Personen: Wenn Sie einen Freiheitsspielraum behalten wollen, dann müssen sie sich besser informieren und sich fragen, will ich das überhaupt oder will ich das nicht. Das ist im Grunde auch eine Frage der Selbsterziehung.


BUCHTIPP
Ende der Hypnose
Vom Netz und zum Buch. Von Roland Reuß
Stroemfeld 2013, 125 S., kart., € 13,20

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