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41/2013 - Gottes großes I-Phone und die vielen Ichs
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Ungelesen , 12:26
Gottes großes I-Phone und die vielen Ichs

Es darf – auch in der Kirche – nicht als obszön gelten, „ich“ zu sagen. Das Glaubensbekenntnis heißt immer noch
„Credo“, nicht „Credimus“.


Von Michael Köck

Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ lautet der Titel eines Buches des Philosophen Richard David Precht. Gibt es „(m)ich“ überhaupt? In welchen Netzen ist der einzelne gefangen – bzw. von welchen Netzen wird er getragen? Es sollen hier erste Schritte einer theologischen Egologie skizziert werden – einer Rede vom kleinen Geheimnis „Ich“ in Hinsicht auf das große Geheimnis „Gott“.
(1) In der Uroffenbarung Gottes am Berg Sinai, wie sie bis heute im Selbstverständnis des Judentums, das die Wurzel des Christentums wie des Islams ist, gesehen und tradiert wird, offenbarte sich Gott als ICH. „ICH bin Adonai, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat …“ (Ex 20,2). Der hebräische Ausdruck lautet „anochí“ – die feierliche Langform von „aní“ („ich“). Man beachte: Hebräisch – eine Sprache, in der es zwei Worte für „ich“ gibt! Gott sagt also, bevor er irgendetwas anderes offenbart, „ICH“. Auch in anderen Offenbarungsgeschichten der Tora taucht dieser Begriff auf (Gen 15,1; Gen 26,24; Gen 31,13, Ex 3,6).

„Du wirst“ statt „Du sollst“

Gott präsentiert hier ein I-Phone in einem archaischen Sinn des Wortes, lässt sein „Ich“ (englisch „I“) für Mose vernehmlich „ertönen“ (griechisch „phonein“) und beginnt so auf ganz neuer Basis ein Zwiegespräch (um nicht zu sagen: Telefonat) mit dem Menschen. Erst in der Folge davon ergeht der zehnfache Zuspruch an den Menschen, im Sinne von: „Weil ICH eben ICH für dich bin, wirst du sicher keinen Gott neben mir haben, den Sabbat halten, Vater und Mutter ehren, nicht töten …“ Die uns geläufigen Worte „Zehn Gebote“ und das damit verbundene „Du sollst/sollst nicht“ geben das im Urtext Gesagte nur sehr verdünnt wieder.
Gott ist also ein ICH, nein: das ICH schlechthin – und der Mensch ist Abbild Gottes, insofern auch er „ich“ sagen kann. Gott sagt „ICH“ – und wird so zum großen DU des Menschen. Der Mensch ist Bild Gottes, insofern er „ich“ sagen kann. Daraus ergibt sich dann ein Ich-Du-Verhältnis, ein Verhältnis der Intimität – der Mensch ist Gott verwandter als alle anderen Geschöpfe dieser Welt.
(2) Im Christentum bekommt dieses Ich-sagen-Können des Menschen eine besondere Note im Sinne einer Vertiefung: Der einzelne als einzelner, als unverwechselbares Individuum wird noch mehr betont und hervorgehoben. So heißt es beispielsweise in dem Gleichnis von den „Hundert Schafen“ im Evangelium (Lk 15,3–7): Der Hirt, also Gott, geht dem EINEN verlorenen Schaf nach und lässt die neunundneunzig anderen zurück. Der einzelne gilt demnach vor Gott mehr als man denkt, nicht weil er Jude, Christ, Generaldirektor, Künstler, Papst oder sonst irgendein „Könner“ oder „Experte“ ist, nein, im Gegenteil: Obwohl er sich „verirrt“ hat, also in der totalen Selbstentfremdung lebt, ein Nichts in den Augen der anderen ist, wendet sich Gott ihm zu – dem einzelnen als einzelnen. Es wird hier ein Personkern thematisiert, der eigentlich gar nicht thematisiert werden kann, der ein Unsagbares bildet. Denn sobald ich zu sagen versuche, was dieser einzelne nun ist, ordne ich ein, versuche ich auf den Begriff zu bringen, was nur von seiner Schale her begreifbar ist und sich im innersten Kern dem verstandesmäßigen Erfassen entzieht: das Individuum, der Mensch als „Original“.
Ich gestehe, dass ich gerade in Bezug auf meine priesterliche Tätigkeit aus dieser schlichten narrativen Metapher wichtige Schlussfolgerungen ziehen darf:
(a) Jeder Mensch ist primär in seinem Ichkern ein unauslotbares, originelles Geheimnis – unabhängig von allen sekundären Adjektiven, die man ihm verleiht (neurotisch, gläubig, agnostisch, afrikanisch, europäisch, dick, dünn, männlich, weiblich, gut, böse …) – dementsprechend versuche ich, jedem Menschen mit einer Mischung aus Neugierde und Ehrfurcht zu begegnen.
(b) Die Seelsorge für das Individuum (Beichtstuhlpastoral) hat für mich einen Vorrang gegenüber der – auch berechtigten, aber nachgeordneten – Betreuung des Kollektivs (Bierzeltpastoral).

Das Gewissen, der „geheimste Kern“

(3) Fazit: Es darf in der Kirche nicht als obszön gelten, „ich“ zu sagen, sondern im Gegenteil: Die Kirche sollte der Ort sein, wo der Mensch „ich“ zu sagen lernt, d. h. unverwechselbares Original sein darf – und nur so wird die Kirche zum „Wir“, zur Gemeinschaft der Glaubenden. Jene Wertschätzung des „Ich“ kommt für mich zum Ausdruck, wo etwa das Zweite Vatikanische Konzil vom Gewissen als „verborgenster Mitte“ des einzelnen spricht – das Gewissen ist der Ort, wo der Mensch ganz und gar Ich ist und sein darf und sogar sein muss.
Ein entsprechender Konzilstext beschreibt das Ich des Menschen in geradezu romantischer Bildsprache, bei der ich immer an eine chinesische Pagode mit Einsiedler denken muss, die inmitten eines Bergsees uneinnehmbar ruht: „Das Gewissen ist der geheimste Kern (nucleus secretissimus) und das Heiligtum (sacrarium) des Menschen, in dem der Mensch alleine ist mit Gott, dessen Stimme in seinem Innersten ertönt“ (Gaudium et spes 16). Die Entscheidung für das Gute kann dem Menschen niemand abnehmen – diesbezüglich ist jeder Mensch ein Einsiedler.
(4) Und doch ist der einzelne auch verwoben in „Netze“ – was nicht nur negativ ist. Das Netz, in welches sich der einzelne negativ verstricken kann bzw. in welches er sich verstrickt findet, heißt theologisch „(Erb-) Sünde“. Das Netz, von dem der einzelne positiv getragen wird – ein social network im ureigentlichen Sinn des Wortes – heißt theologisch „Kirche“, die Gemeinschaft der an Gott Glaubenden.

Wer ist Gott – und wenn ja, wie viele?

Die Kirche ist der Ort, wo der Mensch, eingebunden in ein Wir, trotzdem laut und selbstbewusst „ich“ sagt im Glaubensbekenntnis, das folglich nicht „Credimus“ sondern bezeichnenderweise „Credo“ heißt. Auch wenn es von einem Wir der Glaubenden im Gottesdienst gebetet wird, sagen alle „ich glaube“ und nicht „wir glauben“.
(5) Dieses Ich ist nicht einschichtig, sondern vielfältig. Jene Vielfalt, die im Zuge der postmodernen Dekonstruktion des Ich betont und immer wieder hervorgehoben wird, mag bisweilen ein wenig ratlos machen – was bleibt denn von mir noch übrig, wenn „ich“ nur eine Illusion bin? Der anfangs genannte Philosoph Precht spricht in Gefolgschaft der modernen Gehirnforschung von gar acht(!) Ichs des menschlichen Subjekts (Körperich, Verortungsich, Perspektivisches Ich, Erlebnisich, Autorschaftsich, Autobiografisches Ich, Selbstreflexives Ich, Moralisches Ich). Kann von theologischer Perspektive aus zu diesem geradezu babylonischen Ich-Wirrwarr irgendetwas Tröstliches gesagt werden?
Ich will es bei einer Andeutung belassen: Die Juden feiern 50 Tage nach Pessach am Schawuotfest die Offenbarung Gottes am Sinai, wo Gott sich in seinem ersten Ich gezeigt hat – die Christen feiern genau zum selben Zeitpunkt jedes Jahr ihr Pfingstfest, wo Gott in seinem dritten(!) Ich, im „Heiligen Geist“, auftritt. Von dieser Facette der theologischen Egologie aus betrachtet könnte man es heiter bis entspannt registrieren, wenn auf dem Hintergrund der modernen Gehirnforschung eben das eine Ich in viele Ichs zersplittert. Denn auch Gott sprach: „Ich wollte euch nur sagen, wer ICH bin und wenn ja, wie viele …“


Der Autor ist Benediktiner der Erzabtei St. Peter in Salzburg

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