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42/2013 - Ein europäischer Mikro-Kosmos
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Ungelesen , 11:20
Ein europäischer Mikro-Kosmos

Wegen seiner zentralen Mittelmeer-Lage war Malta seit jeher heiß umkämpft. Viele
Kulturen prägen die Identität der Insel. Ein Streifzug durch die bunte Geschichte Maltas.


Von Friedrich Edelmayer

Der Archipel der maltesischen Inseln – Malta, Gozo, Comino sowie einige unbewohnte Felseilande – nahm wegen seiner Lage im Zentrum des Mittelmeerraums schon immer eine Brückenfunktion zwischen Nord und Süd ein. Eben aufgrund dieser Lage bildete Malta häufig ein Bollwerk zwischen dem westlichen und dem östlichen Bereich des Mittelmeers. Diese gleichzeitige Funktion als Brücke und Bollwerk prägte die Geschichte, Kultur, das gesamte Leben des Archipels seit dem Beginn seiner Besiedlung vor ungefähr 6000 Jahren. Aus dieser Zeit existieren bis heute die Reste großartiger Tempelanlagen der Megalithkultur. Wahrscheinlich wurden die Inseln damals von Menschen besiedelt, die aus dem nördlich gelegenen Sizilien kamen, doch gibt es durchaus Stimmen, die von einer ersten Einwanderung aus dem etwas weiter entfernten Afrika sprechen.

Seit jeher ein Bollwerk

Geologisch gehört Malta klar zu Afrika, liegt es doch auf der Afrikanischen Kontinentalplatte. Heute ist es wegen seines milden Mittelmeerklimas bei Touristen beliebt. Gleichzeitig ist es einer jener Staaten, die sehr arm an Wasser und Rohstoffressourcen sind.
Bevor die Inseln 218 v. Chr. in das Römische Reich eingegliedert wurden, bildeten sie einen wichtigen Stützpunkt für die Phöniker.In der Geschichte des Christentums nimmt der Archipel eine privilegierte Stellung ein, soll doch dort im Jahre 59 der Apostel Paulus Schiffbruch erlitten und mit der Verkündigung des neuen Glaubens begonnen haben. Über diese frühchristliche Zeit ist wenig bekannt.
Mehr dagegen wissen wir über Malta ab 870, dem Jahr der Erobe*rung durch die Araber. Diese brachten nicht nur ihre islamische Religion mit, der sich die Mehrheit der Bevölkerung anschloss, sondern auch ihre Sprache. Im Gegensatz zur religiösen sollte sich die sprachliche Assimilierung als nachhaltig herausstellen. Das heutige Maltesisch hat sich aus dem maghrebinischen Arabisch entwickelt und wird den semitischen Sprachen zugerechnet. Deutlich zeigt das schon ein Blick auf die Landkarte Maltas, dessen Ortsnamen mehrheitlich arabisch sind, so „Rabat“ oder „Mdina“. Die Besonderheit des Maltesischen besteht darin, dass es aber lateinische Schriftzeichen verwendet.
Nachdem die Araber im 11. Jahrhundert vertrieben worden waren, regierte eine Vielzahl von fremdem Völkern die Insel: Die Normannen, die Staufer, die französischen Anjous und schließlich die Herrscher der aragonesischen Krone. Nachdem die Osmanen 1453 Konstantinopel erobert hatten, begannen sie, auch ihre Seeherrschaft im östlichen Mittelmeerraum auszubauen. Das bekamen auch die Mitglieder des Ritterordens der Johanniter auf der Insel Rhodos zu spüren. Die Johanniter mussten sich 1523 gegenüber den Osmanen geschlagen geben und die Insel verlassen. Sie suchten einen neuen Stützpunkt: Das war der maltesische Archipel. Die Johanniter, die schon in Rhodos einen permanenten See- und Kaperkrieg gegen die Osmanen geführt hatten, setzten diese Tradition auf Malta fort. Jeder europäische Adelige, der in den ab jetzt so genannten Malteserorden eintrat, musste sich verpflichten, an diesen Piratenakten im Namen des christlichen Glaubens teilzunehmen. Malta war von höchster strategischer Bedeutung, da dessen Besitzer die Zufahrt in das westliche Mittelmeer kontrollierte.

Die Osmanen scheitern an Malta

Im Mai 1565 landeten schließlich osmanische Truppen auf der Insel und hofften, die knapp 10.000 Verteidiger rasch besiegen zu können. Es gelang ihnen nicht. Der Orden unter dem Oberbefehl des Großmeisters Jean Parisot de la Valette verteidigte sich tapfer. Begünstigt wurden die Verteidiger durch den Ausbruch von Typhus*epidemien unter den Angreifern, die durch die Vergiftung der Brunnen auf der Insel provoziert worden waren. Die Osmanen mussten sich zurückziehen.
Der Malteserorden konnte sich nach dem Sieg von 1565 endgültig auf der Insel etablieren, verteidigte er doch einen der wichtigsten christlichen Stützpunkte gegen die Osmanen. Sichtbar ist das heute noch an der Architektur, vor allem in Valetta, der Hauptstadt. Diese, so benannt nach dem erfolgreichen Großmeister des Jahres 1565, wurde nun als riesige Festungsanlage errichtet. Valetta galt mit seinen zahlreichen barocken Prunkbauten zeitweise als die prächtigste Stadt Europas. Der barocke Katholizismus drang immer mehr in alle Lebensbereiche vor. Noch heute dominiert die katholische Kirche, der um die 95 Prozent der Bevölkerung angehören, ganz wesentlich den maltesischen Alltag. Etwa ist der Schwangerschaftsabbruch auf Malta nicht erlaubt, genauso wenig wie das Zeigen nackter Brüste am Strand. Feierliche Prozessionen in der Karwoche erinnern noch heute an die andalusischen religiösen Umzüge vor Ostern. Denn viele Ordensritter kamen von der Iberischen Halbinsel und brachten ihre Gebräuche mit.
Die Herrlichkeit der Zeit unter dem Malteserorden sollte aber nicht ewig dauern. 1798 vertrieb ein napoleonisches Heer die Ordensritter von der Insel. Der Orden ist allerdings bis heute ein souveränes Völkerrechtssubjekt und unterhält diplomatische Beziehungen zu über hundert Staaten, darunter auch Malta.
Um 1800 mussten die Franzosen den Briten weichen. Malta wurde nun zu einem der bedeutenden Stützpunkte des British Empire ausgebaut, um die Verbindungen nach Indien zu stärken. Langsam konnte sich in der britischen Zeit auch die englische Sprache verbreiten. Bis heute ist Englisch neben Maltesisch eine offizielle Staatssprache des Archipels, während Italienisch, das vornehmlich von den Ordensrittern verwendet worden war, in den 1930er Jahren seinen offiziellen Charakter als Gerichtssprache verlor. Der Konflikt zwischen Großbritannien und dem faschistischen Italien, der in den Zweiten Weltkrieg münden sollte, warf seine Schatten voraus.

Die Briten ziehen ab

Gerade während des Zweiten Weltkrieges sollte Malta wieder einmal die Funktion eines Bollwerks übernehmen, dieses Mal gegen den europäischen Faschismus. Von Malta aus konnten die Briten die italienischen und deutschen Nachschublinien in die nord*afrikanischen Kriegsgebiete empfindlich stören. Malta wurde deshalb mehrmals massiv durch Flugzeuge der Achsenmächte angegriffen und empfindlich zerstört. Doch gelang es nicht, die Briten zu vertreiben. Die Malteser hielten tapfer gemeinsam mit den Briten den Angriffen stand. Nicht zuletzt deshalb wurde Malta 1964 ohne größere Probleme unabhängig von Großbritannien, noch allerdings mit der britischen Queen als Staatsoberhaupt. 1974 wurde Malta schließlich Republik.
Heute ist der kleine Inselstaat – seit 2004 Mitglied der Europäischen Union – wieder zum Bollwerk geworden. Dieses Mal zum Bollwerk der EU gegen die Flüchtlinge, die aus Afrika kommen. Bei der Bewältigung der anschwellenden Flüchtlingsströme wird Malta, wie auch die anderen mediterranen EU-Mitglieder, von den reichen Unionsstaaten im Norden allein gelassen. Dabei gehört der Archipel auch ohne Flüchtlinge zu den fünf am dichtesten bevölkerten Staaten der Erde.


Der Autor ist Professor für neuere Geschichte an der Uni Wien und Experte für den Mittelmeerraum

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