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42/2013 - „Auf uns lastet die Kolonialzeit“
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Ungelesen , 11:26
„Auf uns lastet die Kolonialzeit“

Was hat sich seit Maltas EU-Beitritt 2004 getan? Was beschäftigt die jungen Malteser? Die Künstlerin Simone Spiteri schildert ihre Sicht.

Von Sylvia Einöder

Ich bin 30 Jahre alt und habe zwei Jobs: Einerseits arbeite ich als Schauspielerin und Autorin, andererseits als Lehrerin. Am Vormittag unterrichte ich 11- bis 17-Jährigen Theaterwissenschaften und Schauspiel, nachmittags bin ich oft mit Proben beschäftigt und abends stehe ich selbst auf der Bühne. Außerdem schreibe ich Stücke. Letztes Jahr durfte ich eines für das „International Festival for Children and Young People“ in Valletta inszenieren. Weil ich viel mit Jugendlichen arbeite, beschäftige ich mich vor allem damit, was es heißt, ein junger Mensch im 21. Jahrhundert zu sein. Die westlichen Jugendlichen ticken heute ja alle sehr ähnlich.
Wir Malteser sind seit dem EU-Beitritt 2004 sicher europäischer geworden, enger verbunden mit dem Kontinent. Das hat aber auch stark mit den neuen Informationstechnologien zu tun, die für uns besonders bedeutsam sind. Weil wir ein kleiner Inselstaat sind, war es hier bis vor kurzem sehr schwierig, herauszufinden, was in anderen Ländern geschieht.
Wir sind durch die EU mobiler geworden. Vor zehn Jahren konnte man nicht einfach nach Österreich ziehen, wenn man nicht einen offiziellen Grund wie etwa einen Job hatte. Nun können wir uns frei in Europa bewegen. Als Künstlerin stehen mir heute mehr EU-finanzierte Stipendienprogramme und Reisemöglichkeiten, mehr internationale Kontakte zur Verfügung.

Viele Nationalitäten auf Malta

Mittlerweile studieren viele junge Malteser, viele machen auch ein Auslandssemes*ter. Und natürlich kommen sehr viele Ausländer für einen Studienaufenthalt nach Malta. Wir sind es aber gewohnt, dass das ganze Jahr über eine Menge verschiedener Nationalitäten hier sind. Im Winter kommen viele Pensionisten, die hier überwintern. Und im Sommer kommen viele jungen Leute für Englischkurse nach Malta.
Wie es sich anfühlt, in einem Zwergstaat am Rande Europas zu leben? Auf jeden Fall sehr eklektisch. Manchmal kann es sich klaustrophobisch anfühlen. Gerade wenn man jung ist und einmal etwas anderes sehen möchte, kann es einem hier schnell zu eng werden. Ich brauche es, permanent zu reisen. Fünf Mal pro Jahr bin ich im Ausland unterwegs. Viele gehen auch für ein Jahr nach London oder bleiben sogar dort, wenn sie einen Job finden. Durch die gemeinsame Sprache – wir sind ja bilingual, sprechen Englisch und Maltesisch - bietet es sich natürlich an, nach England zu gehen.
Den kolonialen Einfluss konnten wir nie ganz abschütteln, obwohl die Briten schon in den Sechziger Jahren die Insel verlassen haben. Aber wir sprechen noch immer ihre Sprache. Für die Malteser war es immer sehr wichtig, diese weltweit dominierende Sprache zu beherrschen und mit den uns übergeordneten Briten kommunizieren zu können. Auch ältere Menschen sprechen gut Englisch, selbst in den Dörfern. Wir sind sehr kommunikativ und offen, sprechen mit jedem. Im Gegensatz zu anderen südlichen Ländern können wir mit allen Fremden kommunizieren, das macht einen riesigen Unterschied.
In der maltesischen Seele gibt es noch immer diesen wunden Punkt: „Die anderen“ sind besser als wir. Wir denken noch immer, dass alles, was weit weg ist, was fremd ist, automatisch auch besser ist. Das ist ein Erbe der jahrtausendelangen Kolonialisierung. Wir hatten immer andere Kulturen auf der Insel, die uns erklärt haben, dass wir ihnen untergeordnet sind. Das sitzt tief.

Die EU als „die anderen“

Nun verkörpert die EU unser Konzept von „den anderen“. Manchmal habe ich den Eindruck, dass die EU uns nun kolonialisiert. Manche Malteser wollen so unbedingt europäisch sein, dass sie vergessen, was es bedeutet, maltesisch zu sein. Anderen wiederum ist gar nicht bewusst, dass wir Teil der EU sind, obwohl sie den europäischen Lebensstil anstreben.
Die Finanzkrise ist in Malta schon ein Thema, auch wenn es uns nicht so hart getroffen hat wie andere südeuropäische Staaten. Jugendarbeitslosigkeit ist hier kein großes Problem. Die Frage ist eher: Können die Leute die Arbeit machen, für die sie ausgebildet wurden, die sie interessiert, oder müssen sie kellnern? Das Leben in Malta ist in den letzten Jahren schon spürbar teurer geworden, aber die Leute verdienen nicht mehr. Ich habe keine Ahnung, wie manche mit ihrem Mindestlohn zurechtkommen. Zum Glück gibt es in Malta Sozialleistung wie gratis Gesundheitsversorgung und gratis Bildung. Ich kenne auch Studierende, die aus ärmlichen Verhältnissen kommen.
Wenn ich vergleiche, wie meine Mutter in meinem Alter lebte, liegen Welten zwischen uns. Ich fühle keine Einschränkungen, weil ich eine Frau bin. Meine Mutter wurde noch ganz anders erzogen. Sie hatte wenig Möglichkeiten, eine Ausbildung zu machen, weniger berufliche Chancen. Mit 21 Jahren war sie schon verheiratet. Das bin ich mit 30 noch nicht. In meinem Alter hatte sie schon drei Kinder. Die Erwartungen an sie waren einfach, sich um die Kinder zu kümmern. Diese Ideologie, dass sich die Frauen für die Kinder aufopfern müssen, gibt es auch heute noch. Die Betreuungseinrichtungen für Kinder werden mehr, aber es ist noch immer sehr gängig, dass die Mütter und Großmütter die Kinder betreuen. Die maltesischen Männer bis 35 oder 40 Jahre sind moderner und internationaler ausgerichtet. Sie sind andere Väter, übernehmen auch Verantwortung für ihre Kinder. Trotzdem sind manche Teile der Gesellschaft noch immer sehr patriarchal geprägt: Der Mann ist der Vorstand der Familie. Auch manche junge Leute denken noch so, was mit deren Sozialisierung und Bildungsgrad zu tun hat.
Weil Malta so klein ist, ist für uns jedes kleine Ereignis auf der Insel eine große Sache. So ist es mit allem, mit den guten und den schlechten Dingen. Die Haltung gegenüber den Migranten ist unverändert, seit wir Teil der EU sind. Im Sommer ist die Lage angespannter als im
Winter, weil dann mehr Boote ankommen. Derzeit ist die Stimmung sehr angespannt.
Viele Leute sind nicht ausreichend informiert, woher die Immigranten kommen und warum sie aus ihrer Heimat flüchten mussten. In unseren Medien wird immer nur berichtet, wenn wieder ein Boot gesunken ist und wie viele Leute dabei gestorben sind. Aber wir erfahren nicht die Vorgeschichte dieser Menschen. Dabei sind die Malteser selbst ein Volk von Immigranten – man muss bedenken, dass es in Australien mehr Malteser gibt als auf Malta.
Es herrscht viel irrationale Angst, dass die Migranten den Maltesern die Arbeit wegnehmen würden. Aber die Migranten arbeiten nicht als Ärzte oder Anwälte. Viele Leute aus Nord- und Westeuropa sind hier in hohen Positionen. Warum sagt man über diese Leute nicht, dass sie uns die Jobs wegnehmen, aber über die Afrikaner schon? Es gibt auch viel Wut gegenüber der EU, dass sie uns mit diesem Problem alleine lässt. Es ist eine komplizierte Situation, aber Menschenrechte sind Menschenrechte. Leider gibt es unter den Maltesern auch extreme Auffassungen zur Flüchtlingsproblematik. Eben weil unser Land so klein und reich an Geschichte ist, ist es auch ein sehr kompliziertes und widersprüchliches Land.

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