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43/2013 - Wer bin ich – und wenn nein, woher?
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Ungelesen , 11:15
Wer bin ich – und wenn nein, woher?

Die nationale Identität ist eine komplexe Sache. Eine Reflexion über die scheinbar 
entscheidenden Faktoren dafür, wer am Nationalfeiertag mitfeiern darf – und wer nicht.

Von Aga Trnka-Kwiecinski

Vor gar nicht allzu langer Zeit habe ich eine idyllische Szene von heimatfilmartiger Qualität im 5. Wiener Gemeindebezirk mitverfolgt, als am 26. Oktober vielerorts die rot-weiß-roten Flaggen hervorgeholt, gewaschen und gebügelt an den Hausfassaden montiert wurden, und die Menschen in diesen Häusern voller Stolz auf ihren Fensterbrettern in die Margaretener Welt hinausgelehnt den Nationalfeiertag begangen haben. Ich wurde dabei Zeugin etlicher Gespräche, die quasi von der Fensterbank aus in einwandfreiem Tschechisch, Kroatisch oder auch Chinesisch geführt wurden.
Dabei hat mich die Tatsache amüsiert, mit welcher Selbstverständlichkeit dies geschieht. Es steht ja schließlich in keinem Widerspruch, wenn Menschen mit vielfältigen (wie auch immer ausgeprägten) Sprachkenntnissen einen solchen Feiertag begehen.
Viele sind an diesem Tag auch am Heldenplatz gewesen, um nach 364 Tagen Kritik am Österreichischen Bundesheer einen Tag lang mit kindlicher Begeisterung in den Augen auf einen Panzer zu klettern oder ehrfürchtig ihren Blick über einen Hubschrauber streifen zu lassen. Aber selbst in der durchschnittlichsten Ehe heißt es doch: In guten wie in schlechten Zeiten. Wenn Österreich den 26. Oktober begeht, wer darf also freudigen Herzens mitfeiern?

Vom Namen zur Staatsangehörigkeit

Bei mir selbst sind mir in den letzten Jahren Zweifel aufgekommen, mit welcher Berechtigung ich inbrünstig die Nationalhymne singen dürfte. Als ich in den 1970er Jahren auf die Welt kam, war es noch relativ überschaubar. Ich hatte einen österreichischen Pass mit einem zugegeben wenig österreichischen Namen. Ich sprach akzentfreies Deutsch – mit der nötigen Sprachfärbung Österreichisch. Dreißig Jahre später bin ich auf einmal eine Person mit Migrationshintergrund, und den Medien entnehme ich regelmäßig mit großem Erstaunen, dass eine nicht-österreichische Muttersprache für mich einen erhöhten Bedarf an Sprachförderung impliziert. Das irritiert mich. Ich verstehe schon, dass es Menschen gibt, die in Österreich leben, und die sprachliche Förderung in Anspruch nehmen würden, sollten oder möchten. Wenn man aber der politischen Korrektheit wegen mit solchen Forderungen alle adressiert, dann kann das schon für Verwirrung sorgen. Ich freue mich bis heute, wenn mich jemand beim Kennenlernen aufgrund meines Namens für meine exzellenten Deutschkenntnisse lobt. Komplimente hört jeder gerne, und den Unterton, den man von Seiten der Rassismus-Aufsicht hineininterpretieren könnte, möchte ich dabei ignorieren. Andererseits lobe ich in diesen Situationen gerne zurück. (Der Effekt ist zugegeben ungleich größer, wenn mein Gegenüber selbst mit einem Namen beschenkt ist, der keine jahrhundertealte Herkunft aus einem salzburgerischen Bergdorf vermuten lässt.) Überraschung, Empörung, teilweise sogar Betroffenheit machen sich da bisweilen bemerkbar. Wie konnte ich nur einen unangebrachten Rückschluss aus einem Namen ziehen?!
Die Eingangsfrage „Wer bin ich – und wenn nein woher?“ habe ich kurzerhand bei Richard David Precht abgeschaut und sie variiert. (Precht fragt sich in einem seiner (populär)-philosophischen Bücher „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“) Denn nach 35 Jahren als Österreicherin in Österreich mit Österreichischen Papieren, sogar einer österreichischen Urgroßmutter und der unleugbaren Neigung zu Sentimentalitäten bei manchem musikalischem Erbe aus der goldenen Ära des Austro-Pop, stelle ich mir heute und hier – erstmals öffentlich – die Frage.
Als Kind kann ich mich noch gut daran erinnern, dass andere bereitwillig für mich geantwortet haben. Natürlich sei ich Österreicherin (im Unterton hörte ich „keine Sorge“ heraus). Aber mir erschien die Antwort heute noch mehr als damals zu kurz gegriffen. Freilich, da ist schon ein großes Stück Sachertorte in meinem Herzen, aber da ist auch so viel mehr, was die Erinnerung, den Geschmack und den Geruch an eine andere Kultur, andere Bräuche und andere Emotionen bereithält. Wenn Österreicherin sein heißt, all dem entsagen zu müssen, oder es verleugnen zu müssen, dann wird es ein Problem für mich. Denn meine Identität ist nicht nur rot-weiß-rot, da ist auch Platz für mehr Farbe.
Wenn dann eines Tages die nächste Generation auftritt, und man sich bemüht, einen möglichst integrierten Vornamen zu wählen, weil die Erfahrungen mit einem fremd klingenden Vornamen durchaus durchwachsen gewesen sind, dann wird diese Frage nach der Identität noch brennender. Es ist ohnehin schon schwer genug für die Jugend von heute, aus all den Rollenbildern und Stereo-typen jene Mischung auszuwählen, die der eigenen Persönlichkeit ein höchstmögliches Potential an Individualität inmitten all der Konformität zusichert. Wenn dann auch noch entschieden werden soll, welche kulturelle Identität einzunehmen ist, dann wird das ganze ungleich komplexer. Doch wer entscheidet darüber? Angenommen ich wäre heute Teenager, dann wäre es relativ klar: Über meine ideale Physiognomie entscheidet Germany’s Next Topmodel. Für meine stilsichere Kleidung sorgt H&M. Meine Wohnungseinrichtung steht bei IKEA, und meine altersadäquate Musik höre ich auf Ö3.

Eine unbeantwortbare Frage

Musste ich mich in den 1980ern noch entscheiden, ob ich Umweltspürnase oder (skrupelloser) Wirtschaftsmogul werden wollte, wobei die Wahl quasi vorgegeben war, so ist heute klar, dass ich mich politisch nicht interessieren und schon gar nicht engagieren muss. Wozu auch, ich hänge sowieso nur ständig auf Youporn und Youtube herum. Und dann stellt mir jemand die unangenehme Frage, die mich tief im inneren peinlich berührt: Woher kommst Du eigentlich? Und auch mit 35 Jahren muss ich zugeben: Was kann ich auf so eine Frage (sinnvoll) antworten?!
Ist für die fragende Person relevant, wo meine Mutter dereinst in den Wehen lag, als ich das Licht der Welt erblickte? Geht es um den Standort der Behörde, die meine ersten Papiere ausgestellt hat? (Und wenn manche schon zwischen Wien und den Bundesländern eine große Kluft ausmachen möchten, was bedeutet es dann, weder Wien noch eines der Bundesländer in diesen Papieren stehen zu haben?) Geht es um die Sprache, die meine Mutter mit mir sprach, oder geht es um die Sprache, die ich zuhause oder in der Schule gesprochen habe? Auch da ergeben sich doch schon viele Unterschiede.
Oder geht es darum, wo ich aufgewachsen bin? Und ist dann jemand, der als Österreicher oder Österreicherin im Ausland aufwächst plötzlich nicht mehr österreichisch? Wer entscheidet darüber, wer ich bin, und mit welchem Recht und welchen Konsequenzen? Und nach wie vielen Jahren ist man wo fremd oder zuhause? Und ist jemand, der heimlich oder auch öffentlich zugibt, nicht der National-Elf die Daumen zu drücken, sofort weniger patriotisch?
Manchmal erscheint es mir fast zu einfach, anzunehmen, dass es darauf ankommt, wo man geliebt wird, wo man sich wohl fühlt, und wo man gerne ist. Doch auch das ist bereits eine Variable, die individuelle Züge haben kann. Letztlich stelle ich mir immer wieder dieselbe Frage: Wer bin ich – und wenn ich aus welchen Gründen auch immer nicht sein kann wer ich bin, woher nehmen sich andere das Recht heraus, darüber zu entscheiden?


Die Autorin ist Kommunikationswissenschafterin und Lehrgangsleiterin für Provokationspädagogik an der Donau-Universität Krems

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