ro ro

Themen-Optionen Ansicht

43/2013 - Zwischen Tempel und Fußballplatz
  #1  
Ungelesen , 11:33
Zwischen Tempel und Fußballplatz

Die 23-jährige Kurri D. wurde in Österreich geboren und wuchs in einem indischen Elternhaus auf. Trotz traditioneller Werte des Sikhismus fühlt sie sich als Österreicherin.

Von Julia Theresa Ortner

„Wenn der Film ‚Kick it like Beckham‘ läuft, dann rufen mich meine Freundinnen oft an und sagen ‚Hey Kurri, du bist wieder im Fernsehen‘“, erzählt Kurri D. (Name von der Redaktion geändert) und lacht. Der Film handelt von einem in England geborenen Mädchen mit indischem Elternhaus. Sehr auf die traditionellen Werte der indischen Kultur bedacht, wollen die Eltern der jungen Frau nicht, dass sie Fußball spielt, denn so würde sie gleichzeitig mit jungen Männern in Berührung kommen. Auch wenn sich Kurri rein äußerlich deutlich von der Filmfigur unterscheidet – sie trägt enge Jeans, eine schwarze Lederjacke und hat ihre Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden – verlief ihre Jugendzeit ähnlich: Schon immer versteht sie sich besser mit Burschen als mit Mädchen und bald beginnt sie in der Schule Fußball zu spielen. Eines Tages sieht sie ihr Vater beim Training und verbietet ihr ihren Lieblingssport. „Er hat mir gedroht, zu kontrollieren, ob ich das wieder mache“, sagt sie. Abhalten konnte sie das aber nicht. Statt auf dem außenliegenden Sportplatz zu spielen, sei sie eben auf die Turnhalle ausgewichen. „Ich bin immer sehr eingeschränkt worden, meine Eltern sind eben wirklich sehr indisch“, meint Kurri.

Ungleichheiten in vielen Bereichen

Obwohl die junge Frau sieht, wie ihre Klassenkameradinnen zu Schulzeiten ihre Freizeit verbringen, hat sie nie das Gefühl, dass sie und ihre Geschwister von ihren Eltern benachteiligt werden: „Wenn du etwas nie wolltest oder durftest, dann weißt du auch nicht, wie es ist, ohne dieses bestimmte Etwas zu leben“.
Ein Wendepunkt im Leben der indischen Wienerin war der Tod ihres Vaters im Jahr 2006. Die Beziehung zu ihm war sehr schlecht. „Trotzdem haben meine Geschwister und ich uns dann nicht gedacht ‚Juhu, jetzt können wir Party machen‘, sondern wir haben in diesem System von Dingen, die wir machen durften oder nicht, weiter gemacht“. Immer öfter hat sie sich aber mit ihrer Mutter über die Ungleichheit zwischen Mann und Frau in der indischen Kultur gestritten: „Bei uns sind Jungs mehr Wert als Mädchen. Die Burschen werden eher als Götter angesehen. Das ist in unserer Familie genauso“, klagt sie. Oft hört sie von ihrer Mutter, dass es schwer sei, sie zu verheiraten, weil sie nicht einmal richtig Tee kochen könne. „Ich sage dann immer scherzhalber, dass ich eine österreichische Staatsbürgerschaft habe und das vollkommen ausreicht“, lacht sie und erklärt, dass viele Inder darin eine Art Freifahrtsschein in eine bessere Welt sähen. Schon seit ihrem siebzehnten Geburtstag trudeln Hochzeitsangebote für Kurri ein. Ihre Mutter hat auf diese Anfragen immer geantwortet, dass ihre Tochter zuerst die Schule abschließen muss. Seit zwei Jahren studiert die 23-Jährige Publizistik sowie Mathematik und Psychologie auf Lehramt auf der Universität Wien. „Ich glaube das ist auch der Grund, warum ich mir mit der Uni Zeit lasse. Dann habe ich diesen Zwang zu heiraten nicht“, erklärt sie nachdenklich.

Trugbild Bollywood

Wenn indisch geheiratet wird, müssen drei Faktoren erfüllt sein: Der Partner muss indische Wurzeln haben, der gleichen Religion und der gleichen Kaste angehören. „Bevor man heiratet, schaut die gesamte Familie, ob auch wirklich alles passt. Egal, ob du dich mit dem anderen verstehst oder nicht: Wenn alles stimmt, wird geheiratet“. Ein Ehepaar, das aus Liebe geheiratet hat, kennt Kurri nicht. „Es gibt so viele Bollywood-Filme mit Liebe und allem, was dazu gehört. Das kommt aus der Flucht vor dem, was wir nicht dürfen. Das sind Fantasiefilme.“ Die junge Frau hat es schon oft erlebt, dass indische Familien ihre Töchter wegen der falschen Wahl ihres Ehemannes verstoßen haben. Für ihre eigene Hochzeit hat sie deshalb eine Entscheidung getroffen: „Wenn es ein Inder wird, wird es ein Inder, wenn es kein Inder wird und meine Familie mich deshalb verstößt, dann würde ich das auch in Kauf nehmen“, sagt sie ohne zu zögern. Angst, dass ihre Mutter, zu der sie ein sehr enges Verhältnis hat, sie deshalb wirklich verstoßen könnte, hat sie aber nicht: „Ich bin immer ihre erste Ansprechpartnerin. Von der kaputten Fernbedienung bis hin zum Einzahlen eines Erlagscheines. Ich frage meine Mutter oft ‚Warum redest du vom heiraten? Du würdest keine Minute ohne mich zurechtkommen‘“, meint sie kopfschüttelnd.
Problematisch ist es für sie nach wie vor, ihre Privatsphäre zu erhalten. Die indische Gemeinschaft in Wien ist sehr gut vernetzt, deshalb ist es kaum möglich, sich unbeobachtet in der Stadt zu bewegen. Durch die Besuche im Tempel kennt man sich untereinander. Diese ständige Kontrolle hat auch dazu geführt, dass sie zwei verschiedene Profile im sozialen Netzwerk Facebook hat. „Alle meine Verwandten haben mir Freundschaftsanfragen geschickt, da musste ich mir auch einen zweiten, privaten Zugang anlegen“, erklärt sie. Doch das Auge der indischen Gemeinschaft reicht noch weiter: Wenn Kurri abends mit ihren Freunden in Diskotheken unterwegs ist, müssen ihre Begleiter beim Nachhausefahren mit dem Taxi zuerst überprüfen, ob der Fahrer auch kein Inder ist: „Die würden dann wieder meinen Onkel anrufen und ihm sagen, dass ich spät unterwegs war“.

Indisch- österreichische Werte

„Von den Bräuchen und Traditionen her fühle ich mich indisch. Wegen der Freiheit, die ich hier genießen kann, bin ich aber gleichzeitig Österreicherin. Ich bin eine indische Wienerin“, sagt die Studentin und beginnt zu lachen. Nach Indien reist die Studentin alle vier Jahre. „Ich liebe es , dort zu sein. Du hast kein Internet, kein Fernsehen und kein Handy. Und ich kann dort Motorrad fahren“, erzählt sie begeistert. Die vielen Hochzeitsfeiern ihrer Verwandten, die meistens in Indien stattfinden, genießt sie besonders. „Ich liebe es zu tanzen. Auf Partys und Hochzeiten ist es erlaubt, sich ein bisschen gehen zu lassen. Da ist es egal, ob man ein Mädchen oder ein Bursche ist“, sagt sie.
Ihre Zukunft stellt sich Kurri als AHS-Professorin mit Ehemann, Kindern und eigenem Haus vor. „Und ich möchte, dass die Entscheidungen, die ich treffe, von meiner Familie akzeptiert werden“, ergänzt sie. Im Moment macht sie sich aber noch nicht allzu viele Gedanken über ihre Zukunft. Sie lebt im Hier und Jetzt: „Ich bin glücklich so wie ich lebe, weil ich auch weiß, dass es schlechter geht.“

Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung
  06:44:18 07.18.2005