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45/2013 - Die Kultur des Flüchtigen
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Ungelesen , 11:08
Die Kultur des Flüchtigen

Vom Baum der Reichtümer auf Indonesien bis zum neuen iPhone 5S: Eine kleine Geschichte der herrschenden Wegwerfgesellschaft.

Von Martina Heßler

Der Ethnologe Karl-Heinz Kohl erzählt in seiner Monographie „Die Macht der Dinge“, wie er in den 1980er Jahren mit seiner Familie zu Forschungszwecken auf eine indonesische Insel reiste und dort mit drei großen Aluminiumkisten und sechs tropenfesten Koffern eintraf. Die Dorfbewohner beobachteten dies mit Staunen. Ihrem Empfinden nach stopfte der Fremde sein Haus mit einer Unzahl von Dingen voll. Ihre Räume waren dagegen recht leer. Ihren geringen Besitz horteten die Dorfbewohner auf einem Speicher über dem Schlafraum; viele Dinge wurden nur zu Zeremonialanlässen gezeigt, was ihren besonderen Wert unterstrich. Das, was der Fremde hinter seinem Haus in die Abfallgrube warf, wurde von den Dorfbewohnern sogleich genutzt. Für sie hatte es nicht an Wert verloren. Vielmehr irritierte sie die Fülle der Dinge und das Wegwerfen. Zudem erinnerte sie der sorglose Umgang mit den Dingen an eine alte Überlieferung: Demnach ging der Reichtum der Menschen aus dem Westen auf einen Raub zurück. Einst hatte ein Mädchen in der Gegend einen Baum gepflanzt, der alle Reichtümer dieser Erde trug. Seefahrer aus dem Westen, so die Überlieferung, hatten diese aus weiter Ferne funkeln sehen, den Baum ausgegraben und gestohlen.

Westliche Schiffswracks in Pakistan

Diese Geschichte vom Raub des Baums der Reichtümer könnte man als Urmythos der Konsum- und Wegwerfgesellschaft bezeichnen. Der Ursprung dieser Gesellschaft liegt in der westlichen Moderne. Der Begriff „Wegwerfgesellschaft“ selbst entstand erst in den 1970er Jahren, als diese Form des Ding-Umgangs zunehmend problematisiert wurde. Heute ist er ein gängiger Begriff zur Beschreibung einer Ressourcen verschwendenden Konsumgesellschaft. Metaphorisch gesprochen kehrte der Baum der Reichtümer allerdings zu den Dorfbewohnern zurück: Längst hat sich die Wegwerfgesellschaft globalisiert – nicht nur hinsichtlich des Wegwerfens, der Kurzlebigkeit und der Austauschbarkeit von Dingen, sondern auch hinsichtlich des Entsorgens von westlichem Müll. Schiffswracks werden in Pakistan, Indien oder Bangladesh, Elektroschrott in Drittweltländern entsorgt, Sondermüll in Schwellen- oder Entwicklungsländer exportiert.
Das Wegwerfen, das heute eine globale Dimension erreicht hat, musste allerdings auch im Westen erst eingeübt, ja geradezu erlernt werden. Jahrhundertelang war das Wiederverwerten, das Sammeln von Altstoffen, von Lumpen oder Eisen, das Neumachen aus dem Alten selbstverständlich. Die Historikerin Susan Strasser sprach in Anlehnung an Claude Lévi-Strauss für vormoderne Zeiten von einer „bricolage“. Die Menschen nutzten das Vorhandene, flickten, reparierten es, fügten es zu neuen Dingen zusammen. Weggeworfen wurde nicht. Alles konnte eine neue Funktion, eine neue Nutzung erhalten. In Zeiten des Mangels war dieses Verhalten typisch.

Eigentümlich sterbliche Dinge

Die Kriegsgeneration ist teils bis heute vom Mangel geprägt. Viele können noch erzählen, wie die Eltern oder Großeltern Reste wiederverwerteten, Dinge sorgsam pflegten, große, für das Leben gemachte Möbel im Wohnzimmer stehen hatten, teils bedrückend schwer und dunkel, aber lebenslänglich haltbar. Großmütter horteten die ersten Konservendosen oder die Verpackungen, die für das Wegwerfen gemacht waren, fischten gar die verwertbaren Dinge aus dem Hausmüll – bis die Regale, Schränke und Vorratskammern voll waren. In Zeiten der Wegwerfgesellschaft konnte man gar nicht mehr alles wiederverwerten, es verstopfte die Wohnungen und ging ohnehin schnell kaputt. Wie der österreichische Philosoph Günther Anders formulierte, eignete den Dingen eine eigentümliche Sterblichkeit. Er prangerte das „schonungslose Verbrauchen“ an, sprach gar von einem „Appell zur Zerstörung“.
Tatsächlich etablierte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Westen eine neue Praxis des Ding-Umgangs. Verschwendung war ein Symbol für Wohlstand; Reparieren, Wiederverwerten, Sparsamkeit standen dagegen für den überwundenen Mangel. Wer wegwarf, konnte es sich leisten. Wegwerfen meinte dabei nicht nur das simple Entsorgen der Dinge, derer man überdrüssig geworden war. Vielmehr bezeichnet es einen Umgang mit Dingen, der durch kurze Gebrauchsdauer, Orientierung an Modischem, durch Austauschbarkeit der Dinge und häufig ihre Geringschätzung gekennzeichnet ist. Die typischen Dinge der Wegwerfgesellschaft selbst sind massenproduziert, aus billigem Material und verschleißen schnell. Wie eine Zeitschrift in den 1920er Jahren feststellte: „Ein Artikel, der sich nicht abnutzt, ist schlecht für das Geschäft“.
Einwegartikel sind der Inbegriff dieser kulturellen Praxis des Wegwerfens, sie etablierten eine Kultur des Flüchtigen. Die ersten Einwegprodukte finden sich bereits seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und waren aus Papier. Seitdem der Papierpreis in den 1860er Jahren in den USA gesunken war, suchte die Papierindustrie neue Absatzmärkte. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts fand Toilettenpapier Verbreitung, seit den 1870er Jahren Papiertaschentücher, Pappbecher und Papiergeschirr. Sie standen für ein komfortables, hygienisches und modernes Lebens. Allerdings leuchtete damals vielen Menschen nicht ein, warum sie diese Dinge nutzen sollten. Sie bevorzugten beispielsweise ihren eigenen Trinkbecher, den sie mit sich führten, wenn sie unterwegs waren. Um 1900 nahm die Zahl der Einwegartikel zu. Beispielsweise kamen Einweg-Rasierklingen und -kugelschreiber auf den Markt. Aber erst mit dem Plastik erhielt die Kultur der Flüchtigkeit ein neues Material, das zum Symbol der Wegwerfgesellschaft wurde.

Einmalkleider aus Synthetik

Plastik etablierte das Wegwerfen, denn man konnte Dinge aus diesem Material in der Regel nicht reparieren, eine Zweitverwertung war lange ausgeschlossen. In den 1950er und 1960er Jahren wucherten heute absurd erscheinende Visionen der neuen Plastik- und Wegwerfwelt, die die positive Bedeutung des Verschwendens verdeutlichen. Verschmutzte Kleidung aus Synthetik sollte genauso weggeworfen werden wie Plastikteller, die man nur für eine Mahlzeit nutzte. Auch die Pfanne könne man nach dem Kochen in den Mülleimer werfen – so die Vorstellungen der Plastikgesellschaft. Auch wenn sich diese Ideen nicht durchsetzten, so etablierte sich doch eine Kultur, in der Dinge hergestellt und gekauft wurden, von denen man selbstverständlich davon ausging, dass sie bald wertlos, überflüssig, kaputt oder unmodisch seien – also ersetzt werden mussten. In den 1970er war folglich von der „Plastik-Haltung“ die Rede.
Allerdings blieb diese Haltung nie unkritisiert. Letztlich geriet die Wegwerfgesellschaft, kaum, dass sie zu einer wirkmächtigen kulturellen Praxis geworden war, in die Kritik – und vor allem an ihre eigenen Grenzen. Die Müllberge führten zu einem neuen Mangel, nämlich dem Mangel an Platz für den Müll. Die Ressourcenknappheit, prominent prophezeit mit dem Bericht „Grenzen des Wachstums“ 1972, setzte eine weitere Grenze, genauso wie die Verschmutzung der Umwelt. „Meere erbrechen sich“ lautete eine Schlagzeile angesichts des sich in den Meeren sammelnden Plastikmülls.
Trotz des billigen Massenkonsums, der Ein-Euro-Artikel und des Massenwohlstands gibt es auch in der Wegwerfgesellschaft diejenigen, die nicht wegwerfen, sondern vom Weggeworfenen leben: Urban mining, das Fischen von Plastikflaschen aus öffentlichen Mülleimern, das Einsammeln weggeworfener Lebensmittel verweisen auf diejenigen, die wie in der Vormoderne Reste verwerten und den Dingen ihren Wert zurückgeben.
Schließlich lässt sich in jüngster Zeit auch eine Ohnmacht gegenüber dem Überfluss der Dinge beobachten. Nicht nur der Messie, der nichts wegwerfen kann und in seinen gehorteten Dingen verschwindet, schmale Wege durch angesammelte Papierstapel, Flaschen oder Souveniers bahnt, hat zu viele Dinge. „Entrümpelungsberater“ ist inzwischen ein Beruf; Ratgeber wie „Simplify your life“ oder „Minimalismus in der Wegwerfgesellschaft“ finden Absatz bei denjenigen, die sich ohnmächtig gegenüber den Dingen fühlen, sie aber gleichwohl nicht loslassen können. Andere entscheiden sich für ein Leben möglichst ohne Dinge. Sie verlagern ihren Besitz möglichst in die digitale Welt des Internets, weil sie die Bindung an die Dinge scheuen, sich unflexibel und immobil fühlen. Offene Werkstätten und „Repair Cafés“ (wie es sie u.a. auch in Salzburg oder Graz gibt, Anm.) verweisen auf das Bedürfnis, Dinge nicht wegzuwerfen, sondern sie zu reparieren, neu zu gestalten, sie länger zu nutzen. Ist die Wegwerfgesellschaft also ein Auslaufmodell?

Reisen mit eigenem Becher – wie anno dazumal

Doch machen wir uns keine Illusionen: Die Wegwerfgesellschaft hat uns fest im Griff. Der Markt der Wegwerf-Artikel expandiert, die Kultur der Flüchtigkeit hat ihre Dinge etabliert und in unsere alltäglichen Praktiken eingeschrieben. Es gibt Wegwerf-
E-mails, Mailadressen, die nur 60 Minuten existieren, Wegwerf-Handys, -Fotoapparate, Einweggrills und und und. Rund ein Drittel aller Lebensmittel landet weltweit im Müll. Ein Fünftel aller gekauften Medikamente werden weggeworfen. Mit allen Coffee-to-go-Bechern, die weltweit jährlich weggeschmissen werden, könnte man 57 Mal die Erde umrunden. Ein Artikel im Magazin fit for fun empfiehlt daher den eigenen Thermosbecher, ähnlich dem eigenen Becher, den mitzuführen selbstverständlich war, bevor der Papierbecher zur Selbstverständlichkeit wurde.
Und, Hand aufs Herz: Wie viele haben wohl das neue iPhone 5S, das gerade in Österreich auf den Markt gekommen ist, gekauft und das alte in der Schublade oder gar im Müll verschwinden lassen?


Die Autorin ist Professorin für Neuere Sozial-, Wirtschafts- und Technikgeschichte an der
Helmut-Schmidt-Universität (Universität der Bundeswehr) in Hamburg

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  03:13:14 07.21.2005