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45/2013 - Eingebaute Schwachstellen: Alles Erfindung?
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Ungelesen , 11:17
Eingebaute Schwachstellen: Alles Erfindung?

Die Lebensdauer von Geräten nimmt stetig ab. Liegt es an der Nachfrage nach Billigprodukten – oder werden die Konsumenten betrogen? Über das Phänomen „geplante Obsoleszenz“.

Von Susanne Wolf

Fernsehgeräte, die nach Ablauf der Garantie ihr Leben aushauchen oder Drucker, die nach einer gewissen Anzahl von Aufträgen ins Nirvana gleiten: Alles nur Zufall? Oder steckt böse Absicht dahinter? Seit Jahren wird über das Phänomen der „geplanten Obsoleszenz“, also der bewussten Reduktion der Produktlebensdauer durch den Hersteller selbst, gestritten. Während die Wirtschaft von einem Mythos spricht, sammeln Fachleute und Konsumenten(schützer) massenweise Belege für vorzeitigen Verschleiß.
Das Phänomen selbst ist jedenfalls nicht neu: Es war 1921, als das für seine hohe Qualität gerühmte „Model T“ des Autoherstellers Ford noch den US-Markt beherrschte. Der Hauptkonkurrent General Motors hingegen verfolgte bereits die Strategie von schnellem Modellwechsel – und verkürzte bewusst die Haltbarkeit: „Our big job is to hasten obsolescence“, erklärte Harley Earl, einer der führenden Manager von GM – und steigerte damit die Absätze enorm. Ein weiteres Beispiel war jenes des so genannten „Phoebius-Kartells“, bei dem sich die großen Glühlampenhersteller 1924 darauf einigten, die Soll-Lebensdauer von Glühbirnen auf maximal tausend Stunden zu beschränken, obwohl damals schon eine Lebensdauer von 2500 Stunden technisch möglich war.

Immer Ärger mit Handys und Druckern

Solche Schachzüge der Industrie wurden ursprünglich als durchaus positiv betrachtet, da sie in Zeiten der großen Depression die Wirtschaft ankurbeln sollte. Heute jedoch sieht die Sache anders aus: Kritische Konsumenten sind zunehmend unzufrieden mit dem frühen Ablaufdatum vieler Geräte. In einer Umfrage der Zeitschrift Konsument etwa meinten 57 Prozent, geplante Obsoleszenz sei der Normalfall, weitere 37 Prozent glaubten, zumindest in manchen Branchen sei dies üblich. Nur ein Prozent der Befragten hielten die Obsoleszenz-Debatte für übertrieben. Eine Mehrheit von rund 60 Prozent sprach sich für strenge Auflagen und Strafen für die Übeltäter aus, gleichzeitig wünscht man sich Gütesiegel für haltbare Produkte. Den meisten Ärger bei den Befragten gab es mit Handys, Druckern und Waschmaschinen. Doch auch Schuhe, Bekleidung, Spielzeug und Heimwerkergeräte kamen nicht ungeschoren davon.
Auf der deutschen Plattform „Murks? Nein Danke!“ finden sich zahllose weitere Beispiele von verärgerten Konsumenten. Initiator Stefan Schridde hat zudem kürzlich im Auftrag der deutschen Grünen eine Studie über geplante Obsoleszenz erstellt und unterscheidet darin – je nach Grad des Vorsatzes – verschiedene Arten von Verschleiß: erstens jenen à la Phoebus-Kartell, bei dem Kunden praktisch keine Chance haben, sich zu wehren, und der nur dann nachweisbar ist, wenn Insider auspacken (in diese Kategorie fallen auch die nicht austauschbaren Akkus mit begrenzter Lebensdauer, die Apple Anfang der 2000er Jahre in seine iPods steckte); zweitens jenen, bei dem die Kunden durch Mode- oder Modellzyklen sowie fehlende oder überteuerte Ersatzteile zu einem Neukauf gedrängt werden – heute längst ein Massenphänomen; und drittens jenen, bei dem der Einbau qualitativ minderwertiger Teile in Kauf genommen wird, um kostengünstig produzieren zu können. Anhand zahlreicher Beispiele macht Schridde deutlich, „dass die Varianten geplanter Obsoleszenz stetig zunehmen“ und es zu einer Übertragung bestimmter Vorgehensweisen (etwa eingebauter Zähler) auf andere Branchen komme. „Wirklicher Vorsatz“ sei freilich „nur sehr schwer nachweisbar“.
In dieses Bild passt jene aktuelle Studie der deutschen „Stiftung Warentest“, der zufolge es „keine Hinweise“ darauf gebe, „dass Hersteller den Murks gezielt zusammenbauen, um Verbraucher übers Ohr zu hauen“, wie es in der September-Ausgabe der Zeitschrift test heißt. Ingenieure würden bei der Konstruktion einfach eine bestimmte Gebrauchsdauer einplanen und mehr oder weniger hochwertige Teile verwenden. „Natürlich ist es schwierig, Herstellern eine bewusste Betrugsabsicht zu unterstellen“, kontert Peter Blazek, Nachhaltigkeitsexperte des Vereins für Konsumenteninformation (VKI). „Aber es handelt sich um glaubwürdige Fakten und wenn ein Fernseher nur drei Jahre hält, kann etwas nicht stimmen.“ Davon ist auch Sepp Eisenriegler, Geschäftsführer des Wiener Reparatur- und Sevicezentrums R.U.S.Z., überzeugt. Sein liebstes Beispiel sind Waschmaschinen, bei denen das Lager in einem Plastik- statt in einem Metallbottich eingepresst ist: „Durch zu schwache Stoßdämpfer geht das Lager kaputt und kann nicht mehr getauscht werden“, erklärt Eisenriegler, der gerade im Auftrag des Lebensministeriums an einer Positivliste für langlebige und reparaturfreundliche Elektrogeräte arbeitet. Bereits Mitte 2014 wird es ein Gütezeichen für Haushaltsgeräte geben, im Jahr darauf eines für Unterhaltungselektronik. Bis dahin empfiehlt er, auf den Preis zu schauen: „Je teurer die Produkte, desto hochwertiger und langlebiger sind sie im allgemeinen auch.“
Stefan Schridde ist hier etwas skeptischer: Ein hoher Preis oder der Kauf von Premiumprodukten würde ihm zufolge nicht zwingend bessere Qualität garantieren. Für die Haltbarkeit eines Handmixers etwa sei oft nur ein Teil entscheidend: nicht das coole Design des Gehäuses, nicht der gute Motor, nicht die Besen, sondern nur das Zahnradgetriebe – und diese Schwachstelle würde oft als Erstes kaputtgehen. Man könne folglich nicht sagen, dass die Kunden zu gierig seien, um für gute Qualität mehr zu zahlen.
Was also tun? Peter Blazek vom VKI empfiehlt, sich vor einem Neukauf bei verschiedenen Quellen (Testberichte, Internet-Foren, Bekannte) zu informieren – und sich nicht zuletzt auch des Phänomens der „psychologischen Obsoleszenz“ bewusster zu werden: „Den Konsumenten wird von der mächtigen Werbeindustrie suggeriert, immer das neueste Produkt haben zu müssen, um dem Vergleich mit anderen standhalten zu können“, so Blazek. „Womit die Wirtschaft auch gleich ihr bestes Argument hat, um munter weiterzumachen wie bisher: Die Leute sind ja selbst schuld, die wollen das so.“
Hier gegenzusteuern wird nicht leicht, denn wie heißt es so schön: Menschen geben Geld aus, das sie nicht besitzen, für Dinge, die sie nicht brauchen, um damit Menschen, die ihnen nichts bedeuten, zu beeindrucken.


Nähere Infos: www.murks-nein-danke.de

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