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45/2013 - Unser täglich Brot im Mistkübel
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Ungelesen , 11:25
Unser täglich Brot im Mistkübel

Felicitas Schneider von der BOKU Wien über die Lebensmittelmassen im Müll, das verloren gegangene Gespür der Konsumenten – und ihr Rezept zur Abfallvermeidung.

Früher galt es als Frevel, auch nur ein kleines Stück Brot wegzuwerfen. Heute landet die Hälfte aller Lebensmittel im Müll, behaupten zumindest Valentin Thurn und Stefan Kreutzberger im Vorwort ihres Buches „Die Essensvernichter“ (Verlag Kiepenheuer & Witsch), das im Zuge des Kinofilms „Taste the Waste“ 2011 erschienen ist. Felicitas Schneider beschäftigt sich seit Jahren an der Universität für Bodenkultur in Wien mit Lebensmittelabfällen. DIE FURCHE hat mit ihr über die Ursachen dieser ungeheuren Verschwendung – und mögliche Gegenstrategien – gesprochen.


DIE FURCHE: Frau Schneider, laut der Welternährungsorganisation FAO werden jährlich ein Drittel aller produzierten Lebensmittel – vom Feld bis zum Teller – weggeworfen. Valentin Thurn spricht gar von der Hälfte. Was stimmt?
Felicitas Schneider: Die Datenlage ist international verbesserungsbedürftig. Bis jetzt gibt es keine einheitliche Definition dessen, was Lebensmittelabfall überhaupt ist: Zählen etwa auch Schalen oder Knochen dazu – oder sind nur genießbare Lebensmittel gemeint? Zudem fehlt in Österreich die Datengrundlage für andere Entsorgungswege als den Restmüll. Was Leute etwa in den Kanal schütten, kann man schwer messen. Und wenn man Befragungen macht oder Haushaltstagebücher führen lässt, kommt es schon zur Beeinflussung. Deshalb weigern wir uns auch, für Österreich eine Hochrechnung über die gesamte Wertschöpfungskette zu machen. Aber meine Schätzungen liegen zwischen 30 und 40 Prozent.
DIE FURCHE: Dank Restmüllanalysen haben Sie zumindest das Verhalten der Konsumenten im Blick. Wieviele Lebensmittel werfen Österreichs Haushalte weg?
Schneider: Rund 158.000 Tonnen an ursprünglich genießbaren Lebensmitteln. Ein Viertel davon sind original verpackt, bei der Hälfte ist die Packung angebrochen und ein Viertel sind Speisereste. Vielen ist diese Menge an Lebensmitteln gar nicht bewusst. Nicht wenige jener Leute, die für uns Tagebuch geführt haben, waren geschockt und peinlich berührt darüber, was bei ihnen so anfällt. Aber dank der Aufzeichnungen sind sie auch draufgekommen, woran es liegt.
DIE FURCHE: Nämlich?
Schneider: Sehr oft fehlt der Überblick darüber, was überhaupt zuhause ist. Oft läuft man einfach auf dem Nachhausweg schnell in ein Geschäft und rafft alles zusammen, worauf man gerade Gus*to hat. Auch die Einkaufsplanung ist schwieriger geworden: Meist essen wir nicht mehr alle gemeinsam, manche essen unterwegs oder gehen spontan weg. Und schließlich fehlt vielen die Kompetenz, das, was da ist, zu etwas Schmackhaftem zu verarbeiten.
DIE FURCHE: Mittlerweile gibt es immerhin Homepages zur Restlverwertung (vgl. rechts unten)…
Schneider: Ja. Aber es gibt auch noch jene Leute, die ein Produkt sofort wegwerfen, sobald das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht ist – ohne auch nur zu prüfen, ob es ausschaut wie immer, riecht wie immer und schmeckt wie immer. Die Leute haben einfach das Gespür verloren. Sie trauen sich nicht mehr selbst zu entscheiden: Kann ich das noch essen?
DIE FURCHE: Wie seriös ist das Mindesthaltbarkeitsdatum überhaupt?
Schneider: Ich sage meinen Studierenden immer: Überlegen Sie, wie lange das Salz im Berg gelegen ist und ob dieses Datum – das ja nur die Rieselfähigkeit garantiert – einen Sinn hat! Manches hält Monate, ja Jahre länger als dieses Datum, zu dem man leider umgangssprachlich noch immer „Ablaufdatum“ sagt. An das Verbrauchsdatum, das auf Fleisch- und Wurstwaren angegeben ist, würde ich mich aber halten.
DIE FURCHE: Welche Rolle spielen Sonderangebote für die Zunahme der Lebensmittelabfälle?
Schneider: Es geht hier um die Kompetenz des Konsumenten: Wenn er die Lebensmittel innerhalb der Familie oder mit Freunden teilt, kann er das ruhig kaufen. Aber manche schmeißen angebrochene Packungen einfach weg, weil sie ihnen im Weg sind – oder weil sie alles frisch haben wollen. Das gilt im deutschsprachigen Raum vor allem für Brot und Gebäck. Entsprechend werben manche Supermärkte damit, dreimal täglich beliefert zu werden.
DIE FURCHE: Doch viele setzen auch Initiativen zur Abfallreduktion …
Schneider: Es hat sich natürlich schon einiges verändert. Man denke etwa an die neuen „Wunderlinge“ von REWE, die den Konsumenten wieder bewusst machen sollen, dass Produke, die am Feld oder am Baum wachsen, nicht alle gleich ausschauen. Auch die strikten Vorgaben, dass das Brotregal bis zum Geschäftsschluss voll sein muss, gibt es meist nicht mehr. Viele selbständige Bäcker haben sich ebenfalls Maßnahmen einfallen lassen. Aber trotzdem fallen im Handel noch immer große Mengen an Brot und Gebäck an.
DIE FURCHE: Führen Kooperationen mit Sozialmärkten zu substanzieller Abfallreduktion – oder ist das nur Augenauswischerei?
Schneider: Man kann hier natürlich drei Vorteile verbinden: geringere Abfallmengen, Einsparungen bei den Entsorgungskosten und einen sozialen Nutzen. Aber es gibt viel mehr Brot, als soziale Einrichtungen nehmen können. Das primäre Ziel bleibt also die Reduktion der Menge. Und dazu braucht es eine bessere Kommunikation.
DIE FURCHE: Darum geht es auch im EU-Projekt FUSIONS, bei dem Sie tätig sind. Es soll mithelfen, die Lebensmittelabfälle auf EU-Ebene bis 2020 um 50 Prozent zu reduzieren. Halten Sie das für realistisch?
Schneider: Ich frage mich eher, wie man das bei dem fehlenden Datenmaterial überhaupt feststellen will. Uns geht es eher darum, durch einheitliche Definitionen eine gewisse Vergleichbarkeit herzustellen und dann gezielt Maßnahmen zu setzen – etwa einen besseren Dialog zwischen allen Stakeholdern in der Wertschöpfungskette. Denn mittlerweile haben immer mehr Akteure begriffen: So kann es nicht weitergehen!
DIE FURCHE: Wie sehen eigentlich Ihre eigenen Maßnahmen gegen Lebensmittelverschwendung aus?
Schneider: Bei mir bleibt nichts übrig! Wenn ich etwa Sonderangebote kaufe, dann habe ich im Hinterkopf: Das esse ich gleich – und das koche ich mir, um es einzufrieren und später ins Büro mitzunehmen. Das heißt nicht, dass ich deswegen mehr Zeit als andere in der Küche verbringe – ich nutze sie nur effektiver.

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