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46/2013 - Klingende Funken Lichts
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Ungelesen , 12:13
Klingende Funken Lichts

Singen im Gottesdienst transformiert die alltägliche Wirklichkeit. Ein Gottesdienst ohne Gesang wäre arm an Ausdruck, Emotion, Glaubenskraft – und an Festlichkeit.

Von Peter Ebenbauer

Was wäre ein Gottesdienst ohne Gesang und Musik? Er wäre arm an Ausdruck, an Emotion und Glaubenskraft, auch arm an Festlichkeit. Sowohl im jüdischen als auch im christlichen Gottesdienst gehört Gesang von Anfang an zu den zentralen Ausdrucksformen des gefeierten Glaubens. Vom Rettungslied nach der Befreiung Israels
aus der Sklaverei (Ex 15,1-21) über das Buch der Psalmen bis hin zu den Gesängen in der Liturgie des Himmlischen Jerusalem (Offb 5,9-14; 19,1-8): die Bibel ist von starken musikalischen Spuren durchzogen.

„Tief im Schoß meiner Mutter gewoben, / als ein Wunder vollbracht und dem Licht zugedacht: / Deine Liebe durchformte mein Leben.“

Einer der großen jüdischen Gelehrten des 20. Jahrhunderts, Abraham Joschua Heschel, hat die immense Bedeutung des Singens im Kontext jüdischen und christlichen Glaubens folgendermaßen zusammengefasst: „Es ist Aufgabe des Menschen, zu enthüllen, was verborgen ist, Stimme der Herrlichkeit zu sein, ihr Schweigen zu singen, gleichsam auszusprechen, was im Herzen der Dinge ruht. ... Es ist der Mensch, der Kantor des Universums ist und in dessen Leben das Geheimnis des kosmischen Geistes enthüllt wird. Singen heißt: fühlen und bestätigen, dass der Geist eine Realität und die Herrlichkeit gegenwärtig ist.“

Gesang erlaubt ein tieferes Hören

Es muss als eines der schönsten und wirksamsten ökumenischen Signale anerkannt werden, wenn Glaubensgemeinschaften miteinander singen oder Schätze ihrer musikalischen Traditionen miteinander teilen. Ob in konfessioneller Eigenständigkeit oder in ökumenischer Gemeinschaft: gottesdienstliches Singen eröffnet eine besondere Weise symbolischer Erfahrung, die den Eintritt in die Welt des Glaubens auf akustische Weise ermöglicht. Der Glaube kommt von Hören (Röm 10,17) – und Gesang bzw. Musik erlauben ein tieferes und umfassenderes Hören und Horchen als alle anderen Formen der Kommunikation.

„Eh ein Wort ich von dir wissen konnte, / eh der Tag mir begann und das Dunkel verrann, / warst du Licht, das mein Leben besonnte.“

Gottesdienstliches Singen und Musizieren transformiert die alltägliche Wirklichkeit: Wenn eine Gemeinde ihr Vertrauen auf Gott und ihre Hoffnung auf seine Nähe singend bekräftigt; wenn sie sich durch Musik getröstet, geborgen, lebensmutig und solidarisch erfährt; wenn durch ihren Gesang eine Erfahrung der letzten Sinnbestimmung der Wirklichkeit ausgelöst wird; oder wenn sie in existenziell unmittelbar berührender Weise die Licht- und Schattenseiten des Lebens besingt. In solcher Entfaltung
liturgischer Klang-Wort-Kunst kann sich die Sinngestalt des Glaubens jeweils neu und wirksam offenbaren. Der Reformator Martin Luther, einer der großen Impulsgeber für das deutsche Kirchenlied und seinen gottesdienstlichen Stellenwert, sagte: „So sie’s nicht singen, so glauben sie’s nicht!“ und erhob damit das muttersprachliche Singen der Gemeinde zu einer tragenden Säule gottesdienstlicher und individueller Glaubenspraxis.

„So sie’s nicht singen, so glauben sie’s nicht!“

Nicht nur in der Tradition Luthers, sondern für alle liturgischen Traditionen gilt: Der „Klangleib des Wortes“ (Godehard Joppich) ist – noch vor aller visuellen Symbolik! – das Hauptmedium liturgischer Kommunikation, der Gottesdienst lebt und entfaltet sich also in vorzüglicher Weise durch das (musikalisch) erklingende Wort.
Im Lauf der Kirchengeschichte haben sich umfangreiche Repertoires und ganz unterschiedliche Stile des gemeindlichen Singens in der Liturgie herausgebildet. Sie reichen von der frühchristlichen Praxis des charismatischen und hymnischen Singens über den sogenannten Gregorianischen
Choral bis hin zur reichen Kirchenliedtradition, die in den letzten Jahrzehnten mit einer Fülle an Neuen geistlichen Liedern noch einmal zu neuen Ufern aufgebrochen ist.
Durch umfangreiche Einheitsgesangbücher – wie etwa durch das Evangelische Gesangbuch oder das katholische Gotteslob – wurden diese Stile und Repertoires in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stärker als je zuvor kirchlich und ökumenisch kanalisiert und in die liturgische Praxis der einzelnen Gemeinden hineingetragen. Dies
wäre auf katholischer Seite nicht möglich gewesen, hätte nicht das Zweite Vatikanische Konzil in seiner Liturgiekonstitution den Gesang der Gemeinde ausdrücklich als unverzichtbaren und integralen Teil der Liturgie wiederentdeckt und mit entsprechendem Nachdruck eingefordert. Das neue Gotteslob, das Ende 2013 in Deutschland, Österreich und Südtirol erscheinen wird, setzt diese Linie bruchlos fort: Es ist noch reicher an Liedern und Gesängen aus allen Epochen der Kirchengeschichte bis in die unmittelbare Gegenwart, und zugleich reicher an Formen und Stilen gottesdienstlichen Feierns und Singens als das bisherige Gotteslob.

„In den Mund, der kaum wusste zu sprechen, / ist der Ton schon gesenkt, ist das Lied mir geschenkt, / das auf immer das Schweigen kann brechen.“

In unserer Gesellschaft droht heute das nicht-professionelle gemeinschaftliche Singen als Kulturtechnik zu verkümmern. Bei allen Fragen, die den gottesdienstlichen Gemeindegesang betreffen, gilt es deshalb immer mit zu bedenken, ob und wie überhaupt die einzelnen Gläubigen und die Gottesdienstgemeinden ihrer Berufung zum Singen auch weiterhin nachkommen können. In erster Linie scheint mir angesichts dieser kulturell kritischen Situation eine neue Konzentration auf das emotionale und spirituelle Potenzial gemeinsamen Singens wichtig zu sein. Durch ihren Gesang erzeugt die Gemeinde im Gottesdienst kollektiv getragene religiöse Klangskulpturen. Die darin frei werdenden Herzensregungen sind keine bedeutungslosen Nebenwirkungen, sondern gehören zur Substanz liturgischer Kommunikation. Es ist alles andere als selbstverständlich, dass die Mitglieder einer Gemeinde sich aus freien Stücken und in existentieller Angelegenheit zu gemeinsamem Gesang zusammenschließen. Wo dies geschieht, ereignet sich fühlbar ein kleines Wunder des Glaubens. Dazu bedarf es aber keiner elitären Klangkunst im Sinn hoch professionalisierter Kirchenmusik – wenngleich diese neben oder auch in Interaktion mit dem gemeinsamen Singen der Gemeinde unverzichtbar bleibt.
Aufgrund dieser Überlegungen liegt es im Blick auf die konkrete gottesdienstliche Praxis nahe, ein quantitativ eher kleines, aber im Sinn der gesamten Bandbreite liturgischer und existentieller Ausdrucksbedürfnisse facettenreiches Repertoire an Liedern und Gesängen für die Liturgie zu erarbeiten und zu kultivieren, das von der jeweiligen Kerngemeinde teilweise auch spontan und ohne Gesangbuch, dafür aber umso authentischer by heart angestimmt werden kann. Komplementär dazu sind alle Bemühungen um ein organisches Mit- und Zueinander aller Trägerinnen und Träger liturgischer Kommunikation und liturgischer Musik, also die Integration von Kantor/inn/en- und Chorgesang sowie aller anderen musikalischen Akteure zu fördern.

„Der du wirkst, dass die Kleinen dir singen: / Gib mir, Gott, lebenslang deines Namens Gesang, / um die drohende Nacht zu bezwingen.“

Zwischen den beiden Polen des Schweigens und des Schreiens liegen Gesang und Musik. Wie die wirklich bedeutsamen Worte aus dem Schweigen geboren werden, so erhebt sich der gottesdienstliche Gesang einerseits aus dem Hören und Schweigen des Menschen, der nach Gott Ausschau hält, und andererseits aus dem Rufen und Schreien angesichts von Realitäten, in denen Gott und seine Gerechtigkeit schmerzlich abgehen.
Liturgien sind Orte religiöser „Poetisierung der Welt“ (Rudolf Bohren) mittels der Inspiration göttlicher Weisheit. Durch die singende Teilnahme an der liturgischen Glaubens- und Gottesdichtung kann und soll nicht zuletzt vernehmbar werden, welch ungeahnte Möglichkeiten an Leben und Zukunft unter der lärmenden und rauschenden Oberfläche des sogenannten Weltgeschehens schlummern. Woher sollte sonst der hilfreiche Funke kommen, „um die drohende Nacht zu bezwingen“ und in den dunklen Seiten des Lebens Neues zu entdecken?


Der Autor ist Professor für Liturgiewissenschaft an der Kath.-Theol. Fakultät der Universität Graz

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