ro ro

Themen-Optionen Ansicht

46/2013 - Durch Singen die Schrift auslegen
  #1  
Ungelesen , 12:20
Durch Singen die Schrift auslegen

König David & Co – die biblischen Dichter sind sein Vorbild. Der Niederländer Huub Oosterhuis, 80, hat die liturgische Sprache und das Lied im Gottesdienst revolutioniert.


Die Fragen stellte Otto Friedrich

Am 1. November feierte er seinen 80. Geburtstag. In den Niederlanden ist Huub Oosterhuis für alle christlichen Konfessionen der Erneuerer der Sprache im Gottesdienst und Textdichter zahlloser Lieder. Einige davon sind auch im deutschen Sprachraum allgemeines Liedgut geworden. Auch im neuen Gotteslob finden sich Oosterhuislieder wie „Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr“ oder „Solang es Menschen gibt auf Erden“. Der ehemalige Jesuit hat seit Jahrzehnten seine kirchliche Heimat in der außerhalb traditioneller Institutionen angesiedelten „Amsterdamer Studentenekklesia“ gefunden.

DIE FURCHE: Sie sind im deutschen Sprachraum als Dichter von Liedern bekannt geworden. Warum spielt das Singen im Gottesdienst eine so wichtige Rolle?
Huub Oosterhuis: Zusammen singen ist das Ritual schlechthin: Die meisten „geistverwandten“ Kirchgängerinnen und Kirchgänger kennen einander nicht oder nur oberflächlich, aber sie haben doch so viel miteinander gemein, dass ihnen Umgangsformen für das Gemeinschaftliche dargereicht werden müssen. Eine gesungene Liturgie ist eine solche: Zuhören und singen, das ist es, was wir in einer Gemeinde zusammen zu tun vermögen. Singen bietet mehr Raum als zum Beispiel Tanzen; es lässt Menschen mehr bei sich selber bleiben, wenn sie das wollen. Beim Tanzen muss man mitmachen. Was mich betrifft, werden unsere kirchlichen Zusammenkünfte fortan ohne Prunk, Prozessionen und all die vielen Vergoldungen auskommen müssen. Nur das gemeinsame Singen – wie es der kleine Dichter in dem Roman des niederländischen Schriftstellers Nescio erlebte: „Und sie sangen überschwänglich und schmerzlich. Alles zerrann ...“ – das sollte bleiben.
DIE FURCHE: Warum haben Sie vor mehr als 50 Jahren begonnen, Liedtexte zu schreiben?
Oosterhuis: Bis etwa 1958 kam kein niederländischer Dichter auf die Idee, zur Gestaltung der römisch-katholischen Liturgie etwas beitragen zu wollen. Ich studierte damals Sprach- und Literaturwissenschaft in Groningen und wurde gefragt, mir für die sonntägliche Abend-Andacht mit Aussetzung des Allerheiligsten auf einem Jesuiteninternat „um Gottes willen“ etwas Neues auszudenken, etwas Niederländisches, „etwas mit der Bibel“. So hat es angefangen. 1959 schrieb ich mein ein erstes Lied für die Liturgie, auch bekannt auf Deutsch: „So lang es Menschen gibt auf Erden“.
DIE FURCHE: Was hat sich seither in Bezug aufs Singen in der Liturgie verändert?
Oosterhuis: Beim Singen ist der Text wieder wichtig geworden. Lange war er unter unverstehbarem Latein und polyphoner Musik begraben, eingefroren. In den Niederlanden gab es fast keine für die Liturgie brauchbaren Lieder in der Landessprache. Die Textquelle der Liturgie und des liturgischen Gesangs ist die Schrift, die ganze, jüdische und christliche, die ursprünglich auch eine jüdische ist. Ich schreibe meine Texte und Lieder für die Liturgie der Amsterdamer Studentenekklesia. Das sind inner- und außerkirchliche Gläubige, kirchlich Eingeschriebene und Nie-Getaufte, Menschen mit katholischer oder reformatorischer Herkunft, mehr oder weniger vertraut mit der „Sprache Kanaans“ oder einem anderen religiösen Sprachspiel; aber wohl alle so fragmentarisch geschult, dass wir kaum wissen, wie wir zu unseren Quellen hindurchdringen können. Wir müssen von vorne beginnen, damit wir das, „was geschrieben steht“, in seiner ursprünglichen Bedeutung verstehen und erfahren lernen, dass es aufgeschrieben wurde, „damit wir Ausdauer und Tröstung daraus schöpfen und in Zuversicht leben werden“, wie der Autor des Hebräerbriefes schreibt. Singen ist so eine effektive Art von Schriftauslegung, vielleicht die wirksamste. Es hat also eine integriert liturgische Funktion bekommen, wo es früher eher eine Begleitungs- und Verzierungsrolle spielte.
DIE FURCHE: Ihr zweiter wichtiger Zugang ist die Sprache. Sie sagen, dass Sie sich an der Sprache der biblischen Dichterinnen und Dichter orientieren. Was macht diese „biblische“ Sprache aus?
Oosterhuis: Elias Canetti schrieb 1944 in „Die Provinz des Menschen“: „Es ist sonderbar, für das, was heute geschieht, ist nur die Bibel stark genug, und es ist ihre Furchtbarkeit, die tröstet.“ Die Heilige Schrift ist für unsichere, wankelmütige Menschen bestimmt. Für jene, die durch das banale, unbedeutende Heute nicht getragen werden. Wer im Hier und Jetzt zufrieden ist, wer gut in dieser Welt wohnt, wird die Schrift nicht verstehen. Aber wer des Wohnens entbehrt, heimatlos ist, selber ein Fremder, der wird das Wort über den Fremden verstehen. Wer am Jetzt verzweifelt, wird Trost suchen in einem Wort, das ihn führt. Für ihn, für sie, im Durcheinander ihrer Situation in dieser Welt, ist dieser rote Faden bestimmt, der Faden von Worten und Lebensberichten über Menschen, die bis an die Grenze des Möglichen gegangen sind und es durchgestanden und dennoch das Licht nicht gehasst haben:
Abraham, Isaak und Jakob, Mose und die Propheten, Jesus von Nazaret und all die andern bis heute, die auf „die Stimme“ gehört und danach gelebt haben und im Tun der Gerechtigkeit immer tiefer erfahren haben, dass die Stimme zuverlässig ist.
DIE FURCHE: Hat sich Ihre Sprache seit den 1960er-Jahren verändert?
Oosterhuis: Sie ist biblischer, und konzentrierter geworden, hat sich „verdichtet“. „Biblischer“‚ heißt vor allem „jüdischer“, weniger kirchlich. Und damit auch politischer, weltlicher. Und fragender. Bestimmte Namen und Worte verwende ich weniger. Statt „Christus“
lieber „Messias“, wegen der ursprünglichen Bedeutung. Mehr „Du, Gott“ als „Er, Gott“. Ich versuche, die althergebrachte kirchlich-liturgische Sprache auseinanderzulegen und damit auszulegen.
DIE FURCHE: In den Niederlanden stammt ein großer Teil der Texte liturgischer Lieder von Ihnen. Allerdings haben einige katholische Bischöfe versucht, Ihr Liedgut zu verbannen. Diesen Versuch gab es im deutschen Sprachraum auch bei der Neuauflage des Gotteslobs – dort sind zumindest die „alten“ Oosterhuis-Lieder geblieben.
Oosterhuis: Ich bin dankbar für die Leidenschaft derer, die sich für die Erhaltung meiner Lieder im neuen Gotteslob eingesetzt haben. Es handelt sich dabei aber um wenige und ältere Lieder, und inzwischen gibt es auf Deutsch viel mehr aus unserem Repertoire, so wie das Liederbuch mit 100, auch neueren Liedern, „Du Atem meiner Lieder“ (siehe oben). Ich hoffe, dass meine Lieder zu einer besseren, inhaltsreicheren Liturgie beitragen, und dadurch fürs Leben der Einzelnen und der jeweiligen Gemeinschaft hilfreich und tröstlich sind.
DIE FURCHE: Wieweit waren Sie durch das II. Vatikanum geprägt – und was ist davon übrig geblieben?
Oosterhuis: Mein erstes Lied habe ich im selben Jahr geschrieben, als Johannes XXIII. das Konzil ankündigte. Das waren Zeiten großer Hoffnung auf Erneuerung. Mein Weg ist seitdem immer weiter vom römischen abgewichen ... und der Weg, den Rom gegangen ist, immer weiter vom Aggiornamento-Gedanken Johannes’ XXIII. Das ist eine lange, komplizierte und traurige Geschichte. Vom Konzil ist wenig übrig geblieben.
DIE FURCHE: Weht in der katholischen Kirche durch Papst Franziskus wieder ein frischerer Wind?
Oosterhuis: Die Frage ist, ob der frische Franziskus-Wind, den es sicher gibt, kräftig genug ist, um die Kirche wieder in Bewegung zu setzen, auf die Spur, die Franziskus weist: mehr Gerechtigkeit für Arme und Flüchtlinge (Lampedusa!). Es wäre schön, wenn dieser biblische Wind auch in der katholischen Liturgie wehen würde. Und wenn meine Texte und Lieder dazu beitragen könnten. Ob das aber möglich sein wird, kann ich nicht sagen.

Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung
  09:49:36 07.19.2005