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46/2013 - Vom Chor ins Kinderzimmer
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Ungelesen , 12:23
Vom Chor ins Kinderzimmer

Auch die Musikkultur wurde wesentlich von der Religionskultur geprägt. Verschwindet
daher die Kulturtechnik des Singens, weil die traditionelle Religiosität so stark abnimmt?


Von Julia Ortner

Es ist Montagmittag, genau 12 Uhr 10. In der Volksschule Gaming im niederösterreichischen Mostviertel läutet die Pausenglocke. Die meisten Kinder haben ihren Schultag bereits hinter sich gebracht, 16 Mädchen und drei Burschen marschieren aber nicht nach Hause, sondern geradewegs in die Chorklasse der Schule. Der stellvertretende Chorleiter und Schuldirektor Martin Hörmer wartet schon mit seiner Gitarre auf die Kinder. Noch zwei Proben liegen vor ihrem nächsten Auftritt bei der Eröffnung des Weihnachtsmarktes. Und so werden das „Nikolauslied“, „Engel gucken schon um’s Eck“ und „Die kleine Keksemaus“, die nachts ganz heimlich durch das Haus schleicht, besonders intensiv geübt. Die Kinder sitzen im Kreis am Boden, über ihnen hängen gebastelte Noten, in denen ihre Namen stehen, von der Decke. Der stellvertretende Chorleiter spricht die Liedtexte vor, die Kinder wiederholen sie und anschließend wird gemeinsam gesungen. Für besondere Freude sorgt das „Nikolauslied“, bei dem auch zwei Triangeln zum Einsatz kommen: „Jeder kommt einmal dran. Ihr gebt sie dann bitte einfach im Kreis weiter“, schlichtet Hörmer die Diskussionen darüber, wer die Instrumente spielen darf.
Zu Spitzenzeiten setzte sich der Volksschulchor aus bis zu 44 jungen Sängern zusammen – bei einer Gesamtschülerzahl von 110 Kindern. Heuer habe man aber Mühe gehabt, überhaupt ein Ensemble zustande zu bringen. 19 Kinder haben sich letztendlich angemeldet, 15 Kinder waren die Mindestanforderung für den Chor. „Besonders im Vergleich zum Vorjahr haben wir einen enormen Bruch gehabt, denn ein starker Jahrgang des Chores ist jetzt in der Hauptschule“, erklärt Hörmer den Rückgang der Mitglieder. Generell merke er, dass die Bereitschaft der Kinder, sich in ihrer Freizeit in einem Verein oder einer Gemeinschaft zu engagieren, nachlasse. Dabei wirke sich das Mitwirken im Chor besonders positiv auf die Persönlichkeit der Kinder aus: „Die Kinder lernen, Rücksicht aufeinander zu nehmen und die Leistung anderer anzuerkennen. Wenn wir Volkstänze lernen, dann muss jeder mit jedem einmal tanzen – so knüpfen sie auch Kontakte zu anderen Schülern“, weiß der stellvertretende Chorleiter. „Außerdem ist es natürlich gut für das Selbstbewusstsein, wenn man die Möglichkeit hat, in einer Gruppe aufzutreten und dann auch noch eine positive Rückmeldung erhält“, ergänzt er. Drei derartige Möglichkeiten bieten sich dem Gaminger Volksschulchor jährlich: Die Eröffnung des Weihnachtsmarktes, die Kindermette am Heiligen Abend und die Erstkommunion wird von den Sängern musikalisch umrahmt.

Lieber allein statt in Gesellschaft

Obwohl die Mitgliedszahlen des Chorverbandes Österreich (ehemals „Österreichischer Sängerbund“) vom Jahr 2010 mit 1893 Mitgliedern auf das Jahr 2011 mit 2102 Mitgliedern sogar zunahm, ist vor allem im Bereich der Kinder- und Jugendchöre eine Veränderung spürbar. „Das hat mit einem generellen Wandel der Gesellschaft zu tun, denn Singen ist an bestimmte soziale Zusammenhänge geknüpft und hatte bis in die 1960er Jahre noch mehr Platz im sozialen Leben“, sagt Markus Pfandler-Pöcksteiner, Leiter der Altenburger Sängerknaben, des Stiftschores im Waldviertler Altenburg sowie des Kammerchores studiovocale. Heute hingegen finde das gesellschaftliche Leben eher im einzelnen oder in der Familie statt.
Zudem sei Musik jederzeit über das Radio oder über den Computer greifbar, somit sei man auch nicht mehr gezwungen, selbst zu musizieren. Das sieht Johann Bucher, Leiter der Musikschule Floridsdorf, einer Musik- und Singschule der Stadt Wien, ähnlich: „Eltern singen heute weniger mit ihren Kindern, und es gibt generell weniger Gelegenheiten dazu als früher. Ein Aspekt ist auch die fehlende Funktionalität des Singens, also dass man einfach singt, weil es der Anlass erfordert.“ Dieser Rückgang hätte vor allem mit der abnehmenden Religiosität der Menschen zu tun: „Immer weniger Menschen gehen in die Kirche, wo es völlig normal ist zu singen, und wo das auch niemand in Frage stellt. Dort hat man keine Wertkriterien im Sinne von ‚Singe ich auch richtig?‘“, erklärt Bucher.

Singen von Beginn an


Schon in der frühen Kindheit wird der Grundstein für die spätere Freude am Singen gelegt: „Ein Kind wird zu singen beginnen, wenn die Eltern singen, oder wenn es einen Kindergartenpädagogen hat, der gut singt und es mit dieser Freude ansteckt. Wenn man es schafft, im Kindergarten dieses Feuer bei den Kindern zu entfachen, dann ist sehr viel getan“, weiß Markus Pfandler-Pöcksteiner.
Auf dieser Erkenntnis fußend hat man in der Musikschule Floridsdorf Eltern-Kind-Gruppen geschaffen: „Ich habe beobachtet, dass sich Mütter nicht mehr zu singen trauen. Mit den Gruppen wollen wir dieses Manko ausgleichen und den Eltern Mut machen, diese Musizierform auch zuhause auszuüben“, erzählt Johann Bucher. Schuld an der zunehmenden Furcht zu singen, ist laut Bucher ein Perfektionsdrang, der vor allem durch die kommerzielle Musikbranche vorgegeben wird: „Wir hören alles immer nur perfekt. Dabei wird für eine CD so lange aufgenommen, bis alles stimmt. Wenn man versucht, das in dieser Perfektion nachzumachen, dann wird man scheitern.“
Möglicherweise ist es auch dieser Leistungsdruck, der dazu geführt hat, dass hierzulande in Alltagssituationen kaum mehr gemeinsam gesungen wird. „Lehrerinnen bemühen sich zwar, dass man bei Schulausflügen einmal singt, aber das gemeinsame Singen ist verloren gegangen“, meint Bucher. Das Singen habe sich in eine andere, nicht mehr so kommunikative Richtung entwickelt: „Es ist erstaunlich, bis in welches Detail hinein Kinder und Jugendliche Phrasierungen aus der Popmusik nachsingen können. Sie machen das eben nicht mehr in Gesellschaft, sondern zu Hause bei sich im Kinderzimmer. Das zeigt, dass das Potenzial auf jeden Fall da ist, und das sollte man auch nicht außer Acht lassen“, betont Bucher.
Auch für Markus Pfandler-Pöcksteiner, dem Leiter dreier Chöre, ist ein Wandel in Richtung „Projektchor“ spürbar: „Es ist nicht mehr so, dass man einem Verein beitritt und dann die nächsten 20 Jahre dort mitsingt. Heute geht es rein um das persönliche Vergnügen: Wenn es nicht mehr Spaß macht, geht man einfach nicht mehr hin“, spricht er aus Erfahrung. Auch in den Erwachsenenchören, die er leitet, sei es beinahe unmöglich, eine Verbindlichkeit zur Teilnahme herzustellen. „Wenn man früher in einem Gesangsverein mitgesungen hat, war es ganz klar, dass man zum Bezirkssingen mitfahren muss oder dass beim Osterhochamt alle da sein müssen, weil das sonst nichts wird. Das hat sich verändert“, sagt er.

Singen wirkt auf die Seele

Dass das gemeinschaftliche Singen vor allem für die Persönlichkeit der Sänger von großem Nutzen ist, ist sich Pfandler-Pöcksteiner sicher: „Die schönsten Erlebnisse mit meinen Erwachsenenchören sind jene, die außerhalb der Probe geschehen sind. Es geht darum, dass man gemeinsam durch das Leben geht und nach der Probe zusammensitzt und sich austauscht“, meint er. Durch seine Ausbildung zum Psychotherapeuten habe er zudem erlebt, wie stark das Singen auf die menschliche Seele wirkt: „Man merkt, dass man mit dem Körper und mit dem, wie man klingt, etwas auslösen kann. Sobald man die Grundlagen hat, um an einer Melodie und einem Text zu arbeiten, entfacht man ein enormes Assoziationsfeuer im Gehirn“, weiß Pfandler-Pöcksteiner. Diese Verbindung aus „etwas bewirken und selbst etwas mit sich geschehen lassen“ sei für die Seele gesund.
Weil das Singen dadurch zur fundamentalen Ausdrucksmöglichkeit des Menschen wird, ist Pfandler-Pöcksteiner auch der Meinung, dass es immer bestehen bleiben wird. Offen sei aber, in welcher Form künftig gesungen würde: „Die Frage wird sein, in welchem sozialen Zusammenhang es passiert. Um das Chorsingen mache ich mir keine Sorgen, aber es wird eben nur noch das übrig bleiben, was wirklich eine soziale Funktion besitzt“, meint er. Damit diese Form des Musizierens in unserer Kultur auch weiterhin einen Platz findet, müssten laut Johann Bucher zuerst die Eltern bewegt werden, mehr zu singen: „Man muss ihnen die Sicherheit geben, dass es nicht wichtig ist, alles perfekt zu machen und dass es egal ist, wenn sie zwei falsche Töne singen“, meint er. Vor allem regelmäßiges Singen und das bewusste Schaffen neuer Anlässe, wären wichtige Ansätze. „Es müssen einfach Situationen geschaffen werden, die diese fehlende Musikkultur, die bisher meist von der Religionskultur getragen wurde, ausgleichen können“, so Bucher.

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