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47/2013 - Bildung, all inclusive now (Rudolf Mitlöhner)
  #1  
Ungelesen , 12:44
Bildung, all inclusive now

Von Rudolf Mitlöhner

Irgendetwas müssen die Lehrer falsch gemacht haben. Woher kommt es, dass ihnen – auch im Vergleich mit anderen Berufsgruppen – der Wind der öffentlichen Meinung doch recht heftig ins Gesicht bläst? Dass sich die mehrheitlich rotgrün-affinen Medien gern auf die schwarz dominierte Lehrergewerkschaft einschießen, stimmt zwar, greift aber doch wohl als Erklärung zu kurz. Wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass es bei diesem Thema so viele Betroffene gibt: Jeder war in der Schule, und jeder, der Kinder hat, besucht sie ein paar Jahrzehnte später gewissermaßen nocheinmal. In einer Zeit aber, in der persönliche Betroffenheit als ultimativer Ausweis von Legitimation gilt, wird jeder Betroffene gleichsam zum Experten (was nicht den Umkehrschluss zulässt, die sogenannten Bildungsexperten hätten das Ei des Columbus entdeckt).
Ganz sicher liegt es auch daran, dass die Schule neben der Familie das bevorzugte Objekt soziotechnokratischer Experimente zur Verbesserung des Menschengeschlechts darstellt. Mit anderen Worten: kaum etwas wurde über Jahre und Jahrzehnte so schlecht geredet. Das ist zum Teil gewiss die Schuld mancher sturer, überforderter, autoritärer Lehrerinnen und Lehrer sowie teilweise überholter Lehr- und Unterrichtspläne. Aber eben nicht nur.

Warum nicht gleich vom Kindergarten bis zur Uni?

Das neue Lehrerdienstrecht fügt sich da ins Bild und schreibt die Entwicklung recht nahtlos fort. Deren Leitmotiv ist jenes Verständnis von Gerechtigkeit, welches diese mit Gleichheit in eins setzt. Folgerichtig jubelte Beamtenministerin Gabriele Heinisch-Hosek auch in der ZIB2, „dass hier eine Gleichstellung passiert“ und die Ungleichbehandlung der Pädagogen (die Ministerin hat sich natürlich genderkorrekt ausgedrückt) von „Volksschulen, Mittelschulen, AHSsen (sic!)“ endlich ein Ende hat. Warum eigentlich nicht auch noch Kindergartenpädagogen und Universitätsprofessoren miteinbeziehen? Und natürlich „ist uns auch jede Unterrichtsstunde gleich viel wert“ – was bedeutet, dass der Turn- oder Zeichenlehrer genauso viel unterrichten muss, wie die Latein- oder Deutschlehrerin. Die Formulierung der Ministerin ist im übrigen eine wunderbare Paraphrase des (im Prinzip gegen Mehrkindfamilien gerichteten) SPÖ-Uraltschlagers „jedes Kind ist uns gleich viel wert“. In sich ist das natürlich alles stimmig und schlüssig, denn wo jede Unterscheidung mit dem Verdikt „Diskriminierung“ bedacht wird, muss alles „gleich viel wert“ sein. Das nennt man auch gerne Inklusion, und so sind wir – nicht nur in der Bildung – auf dem besten Weg zu einer „All inclusive“-Gesellschaft.

Gesellschaftlich-kultureller Wandel nötig

Das heißt nun alles nicht, dass im System Schule kein Änderungsbedarf bestünde, dass nicht etwa moderne Technologien oder Wirtschaft strukturell viel stärker in den Lehrplänen verankert sein sollten (ohne deswegen alles dem Nützlichkeitsdogma und der Berufsorientierung zu unterwerfen), oder dass es nicht nach wie vor schrecklich ungeeignete, unwillige Lehrer gäbe, die sich ihres Arbeitsplatzes genauso wenig sicher sein dürften, wie ungeeignete, unwillige Mitarbeiter in anderen Branchen auch (was einschlägige Befugnisse der Direktoren – und natürlich entsprechende Führungsqualitäten – bedingen würde).
Aber um all das ging es ja gar nicht. Wobei man freilich auch nicht den Eindruck gewinnen konnte, dass es den Lehrervertretern einzig und allein um die Zukunft des Schulsystems zu tun gewesen wäre. Die wird nur zu gewinnen sein, wenn es einen gesellschaftlich-kulturellen Wandel gibt, wenn Schule, Leistungsbereitschaft, Lust an geistiger Auseinandersetzung wieder einen höheren Stellenwert haben, als die möglichst störungsfreie Planung diverser (verlängerter) Wochenenden.
Im übrigen hat die ÖVP das Lehrerdienstrecht mitbeschlossen. Sie wird wissen, warum. Bei so hohem Wählerzuspruch kann man sich’s ja ruhig mit ein paar Leuten verscherzen …
  #2  
Ungelesen , 11:01
Johann Wutzlhofer Johann Wutzlhofer ist gerade online
 
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Keller und dann weiter Stockwerke

„Irgendetwas müssen die Lehrer falsch gemacht haben.“ Natürlich ist „die Lehrer“ eine Verallgemeinerung wie „die Politiker“, „die Polizisten“ oder gleich „die Beamten“. Allerdings liegt in die Vermutung nahe es handle bei der im Eingangssatz verwendeten Diktion in der aktuellen Situation um eine Assoziation von Lehrervertretern mit den Lehrern allgemein. Die Vertretung der Lehrer hat durch einen zu starken Hang zur Eigenprofilierung gemeinsam mit – eher aber gegen - offensichtlich in der Sache nicht sehr kundigen und nicht wirklich professionell agierenden PolitikerInnen in den vergangenen Jahren beinahe alle „schlafenden Hunde“ gegen das Schulsystem geweckt, die es zu wecken gab. Den Missbrauch der Schule als Spielwiese für Parteifunktionäre und Parteisekretäre will ich hier „aussen vor lassen“ obwohl dem System Schule durch diesen Missbrauch über Jahrzehnte viel „angetan“ wurde.

Innerhalb einiger Jahrzehnte hat es einen gesellschaftlichen Wandel gegeben, der das Familienbild der konservativen Kräfte stark ins Wanken brachte und den sogenannten progressiven – also sich als „die Fortschrittlichen wähnenden“ – Kräfte starken Auftrieb gegeben hat. Die Reformen von Justizminister Broda mit Mitwirkung einiger liberalen Kräfte in der ÖVP, Feminismus und Emanzipation sind Entwicklungen und Begriffe, die in diesem Zusammenhang besonders zu beachten sind. Jenes Familienbild aus dem katholischen Bereich – ÖVP - das die eine Koalitionspartei weiter gepflegt wissen wollte, war nicht mehr zu halten. Der anderen Koalitionspartei – der SPÖ - kamen diese Entwicklungen – Feminismus und Emanzipation der Frau – aufgrund der dort vorherrschenden ideologischen Grundlagen jedoch sehr entgegen. Allerdings konnten die aus SPÖ - Sicht notwendigen „flankierenden Maßnahmen“ im Kindergarten und der Schule aufgrund der gegebenen Machtverhältnisse und den föderalen Strukturen, die für diese „wünschenswerte“ gesellschaftliche Entwicklung durch den – wiederum aus der Sicht der SPÖ - „bremsenden“ Koalitionspartner, der noch immer auf das vorwiegend römisch katholisch geprägte Familienbild pochte, nicht umgesetzt werden.

Der Auszug aus den Familien der immer mehr „flügge“ werdenden Frauen in ihrer Funktion als Mütter, wurde – jedenfalls nicht im notwendigen Ausmaß - durch den Einzug der Väter in das gemeinsame Nest ersetzt. Vielmehr kam es durch die Zunahme der Trennungen von Paaren zu immer mehr „Patchwork Situationen“ und damit Problemlagen für Kinder- und Jugendliche in entwicklungsbedingten schwierigen Gefühlslagen. Daneben kam es durch die technische Entwicklung zu einer massiven Erweiterung von Verhaltensoptionen – natürlich auch Ablenkungen - für Kinder- und Jugendliche durch neue Medien. Um dieser Entwicklung wirklich Rechnung zu tragen, wurden Kindergarten und Schule – vor allem der Grundschule – nicht ausreichend Kräfte verliehen, vielmehr wurde diese Entwicklung von Strukturkonservativen Kräften eher bejammert, während man auf die konservativen Werte auch dort nicht selten „gern verzichtete“. Der Fokus der Diskussionen lag über Jahre auf „Gesamtschule“ (SPÖ) versus „Einheitsbrei“(ÖVP). Prestigeduelle auf den Ebenen des „ersten und zweiten“ Stockwerke des Systems Schule bis hin zur angeblichen Bildungsbarriere Studiengebühren wurden geführt. Nunmehr wird aber die angebliche mangelhafte Lesekompetenz angeprangert, deren Grundlagen aber im „Keller“ des Bauwerkes Schule geschaffen werden, die aber in den weiteren „Stockwerken des Systems“ nur mehr schwer kompensiert werden kann. Diese Sprach- und Lesekompetenz ist aber die Grundlage für weiteren Bildungserwerb und auch den Willen und die Möglichkeit, zu der nun als notwendig erkannten lebenslangen Weiterbildung. Gerade diese Kompetenz sollte aber auch den etwas „langsameren“, in diesem Sektor vielleicht etwas weniger Begabten, vor allem aber auch aus sozial schwierigen oder gar devastierten Familien kommenden Kindern vermittelt werden. Andernfalls besteht die Gefahr einen nicht zu unterschätzenden sozialen Sprengstoff anwachsen zu lassen. Sowohl auf Kindergarten - der vielerorts und für sehr viele Kinder – bereits ganztags geführt wird und auf der Volksschule muss zunächst der Fokus liegen. Kleine Gruppen und mehr Unterstützung für Sprache und das Lesen, sowie einem Einkommen das auch interessierte Männer wieder für diese Schulstufen anlockt. Pflichtanwesenheit der LehrerInnen mit ausreichend Arbeitsplatz bei annähernd gleicher Unterrichtszeit.

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