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47/2013 - Der Terror der Transparenz
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Ungelesen , 12:26
Der Terror der Transparenz

Überall ertönen die Rufe nach mehr Transparenz. Doch das politische Salonvokabel muss spätestens seit „Prism“ und der NSA-Affäre auf den Prüfstand gestellt werden.


Von Björn Hayer

Gläsern soll die neue Welt sein, ein Paradies, wo jeder mit jedem vernetzt sein kann. Im Internet scheint der Traum von der Menschheitsfamilie lebbar. Wo Skeptiker einst noch den Schutz der Privatsphäre beschworen, werden heutzutage fleißig Profile gepflegt. Mit allerhand persönlichem Fundus nährt der Homo Cyber das große Google. Der moderne Online-Mensch ist eben transparent und – wie man ihm vermittelt – damit der Vorzeigedemokrat der Zukunft.
Bis zuletzt kam dabei auch keine Partei mehr umhin, sich das Primat der umfassenden Transparenz nicht in irgendeiner Form auf die Fahnen zu schreiben. Die Apologeten der Demokratie 2.0. predigen euphorisch: Transparenz sei ein Bürgerrecht.
Erst die Debatte um „Prism“, abgehörte Regierungschefs und die Sammelwut der Black Box NSA ließen die Unkenrufe nach Transparenz ein wenig leiser werden. Denn zu viel des Guten kann, so zeigt die jüngste Datenaffäre, vom Ziel der Grundrechtswahrung schnell ins Gegenteil umschlagen. Zwar mag man den amerikanischen Geheimdiensten bestenfalls noch zugute halten, dass sie Daten sammeln, um wiederum ihre nötigen Pflichten zu erfüllen – nämlich Terrorismus und Sicherheitslücken vorzubeugen. Aber nicht jeder Zweck heiligt bekanntermaßen alle Mittel. Und selbst die scharfzüngigen Ankläger der Datenkrake, die ansonsten stets auf mehr Transparenz in allen Fragen politischer Prozesse pochen, um dem Bürger zu seiner Kontrollfähigkeit gegenüber dem Staat zu verhelfen, geraten nun in die Defensive. Die Forderungen nach umfassender Einsicht in sämtliche Winkel des politischen Alltags dürften sich nun als Vorstufe der weltweiten Ausspähungen entpuppen.

Eine Atmosphäre der Denunziation

Erst allmählich scheint sich zu bewahrheiten: Jedem Ruf nach Transparenz haftet – selbst in Demokratien – ein diktatorischer Unterton an. Wer auf Durchsichtigkeit in allen politischen und sozialen Kontexten insistiert, der strebt – gewollt oder ungewollt – eine Gesellschaftsform allseitiger Observation an. Denn auch eine strengere Überwachung, wie sie doch oftmals vehement für Gehaltslisten von Parteifunktionären und Abgeordneten eingefordert wird, schlägt potenziell in eine Atmosphäre der Denunziation um. Gleichzeitig bilden sich aus der Blickdisposition des bürgerlichen Wächters Kategorien heraus, welche letztlich zur Einebnung von Individualität beitragen. Wenn wir auf Missstände ein Auge werfen wollen, doch nur, um zu prüfen, ob die Geschehnisse tatsächlich unserem Wertekanon entsprechen.
So benötigt die Transparenzlogik unentwegt objektive Kriterien, anhand deren sie uns vorspiegelt, die Wirklichkeit messen zu können. Aber wer soll sie bestimmen? Und was folgt daraus beispielsweise für das hohe Prinzip des freien Mandats des Abgeordneten? Natürlich, jeder gewählte Parlamentarier ist dem Souverän Rechenschaft schuldig. Dennoch ist er kein bloßer Prozessor, dessen Verhalten technisch determiniert wird, sondern ein Subjekt mit persönlichen Einstellungen, die gerade in Gewissensfragen keiner Kontrolle unterliegen. Indem manch einer für allumfassende Transparenz der Emanzipation wegen plädiert, schafft er in dieser Rigorosität zugleich, wie der viel gelobte Band „Transparenzgesellschaft“ (2012) von Byung-Chul Han eindrucksvoll belegt, ein neues Gefängnis. Dieses ist ein inneres, das von außen auf uns starrt und uns allzeit die Keule eines Rousseau’schen Volonté générale vor Augen führt.
Die externe Überwachungsmaschinerie, die allen voran durch soziale Netzwerke in Gang gehalten wird, zieht sodann in unseren Denkkosmos ein und kristallisiert sich in einer inneren Stasi, in der Obsession uns ständig selbst kontrollieren zu müssen, heraus.

Geschützte Zonen für Experimente

Der Umkehrschluss aus einer wünschenswerten Transparenzskepsis läuft hingegen auf eine Gesellschaft mit Schattierungen und bewussten Graubereichen hinaus. Diese Diversität kann eine neue Stärke sein. Sie beherbergt Freigeister, Provokateure wie Mainstreamer gleichermaßen. Nur dort, wo auch im Stillen – das gilt für das politische, wirtschaftliche wie private Leben unisono – noch Gedankengänge erprobt werden können, ohne sofort durch die Evaluierungsscanner von „Like-“ oder „Dislike-Buttons“ genudelt und abgeschliffen worden zu sein, kann Innovation entstehen. Ohne die Möglichkeit eines privaten Rückzugs hätten Garagentüftler und öffentlichkeitsscheue Genies wohl nie eine Chance gehabt.
Im Verborgenen lag und liegt immer schon ein Inspirationsquell, weil es Melancholie und Aktivismus gleichermaßen beherbergt. Ein wenig Intransparenz macht das Leben überhaupt erst spannend und vielschichtig. Gleichzeitig bietet sie eine geschützte Zone des Austestens jenseits von Sanktion und Ausschluss.
Selbst wenn wir es nicht gern hören, aber auch für die Politik erscheint ein solches Terrain trotz des NSA-Schocks unumgänglich. Insbesondere die Diplomatie und die bilateralen Staatenbeziehungen sind auf Verhandlungsspielräume angewiesen. Im Angesicht einer stets beäugenden Öffentlichkeit würde jeder Gesprächspartner alles dafür tun, sich keine Blöße zu geben. Die Fronten wären damit verhärtet und unbeweglich. Die Transparenz würde nichts außer dauerhaften Stillstand bewirken.
Je mehr sich aber auch der Fortschritt unter der Maske von Fürsorge und Prävention der Idee der omnipräsenten Anwesenheit des Überwachers und der Nachvollziehbarkeit von Wegen und Handlungen des Überwachten verschreibt, desto enger wächst ein Korsett um unsere Entfaltung. Zu viel Transparenz verschließt die Türen nötiger Ab- und Umwege. Irgendwann werden Kinder, die in ihren Mini-Handys GPS-Chips haben werden, wohlmöglich kein Suchen nach Piratenschätzen oder geheimen Indianersiedlungen mehr unternehmen können. Denn „big mother is watching you“ und weiß über ihre transportablen Flachbildschirme verbotene Abbiegungen frühzeitig zu erkennen.

Kleine Inseln der Intransparenz

Klar, auch die Verheimlichung von Affären und sonstigen Tabus wird schwieriger, wenn alle Wege allen bekannt sind. Aber wollen wir das tatsächlich? Dass wir mehr Transparenz in einigen demokratischen Strukturen, vor allem was die Entscheidungsgänge auf EU-Ebene anbelangt, brauchen, ist unbestritten. Doch um welchen Preis fordern dies die Anwälte der Transparenzgesellschaft ein? In jedem Fall um den des Geheimnisses – einen Wert, den gerade die digitale Revolution aus unserem Gedächtnis verschwinden lässt. Viele stellen ihre innersten Daten aus, posten überall Bilder von ihren Urlauben, lassen die Community ihre sexuellen Vorlieben wissen. Vielleicht erwächst aus eben dieser Inflation des Privaten jene Mentalität der Preisgabe.
Doch darüber sollten wir nachdenken. Einige aber wollen derzeit nicht nur reines und zwar astreines Wissen, sondern sie streben danach, es völlig zu kontrollieren. Trotz „Prism“ klingt Transparenz für einige noch immer zu verlockend. Aus deren Sicht darf niemand sich dem die Gesellschaft vor Heimlichtuerei schützenden Drang der Offenbarung widersetzen. Transparenz gilt für alle oder keinen, für alles oder nichts. Sich dem zu entziehen, heißt zukünftig schlimmstenfalls, das Misstrauen anderer auf sich zu ziehen.
Das Netz hat schon vieles in dieser Hinsicht möglich gemacht, und es wird auch morgen die Welt noch gläserner machen, als sie ohnehin schon geworden ist. Dagegen kleine Inseln der Intrasparenz zu fordern, bedeutet somit wohl zunehmend das Attribut des Kulturpessimisten mit sich herumzutragen. Doch diese Haltung ist keine genuin reaktionäre. Denn sie verurteilt keinen Fortschritt in welcher Hinsicht auch immer. Im Gegenteil: Sie weiß um die Bedingungen, die Fortschritt überhaupt erst möglich machen.


Der Autor ist Philosoph und Politologe und arbeitet als Literaturkritiker in Deutschland

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