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48/2013 - Recht auf Stille
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Ungelesen , 11:24
Recht auf Stille

Die Geschichte des Hörens ist exemplarisch für gesellschaftliche Entwicklungen – und wurde zur Herausforderung für unsere Ohren.

Von Peter Payer

Damals wie heute ist es die Großstadt, an der sich gesellschaftliche Entwicklungen und Trends paradigmatisch verdeutlichen. So auch in Fragen der Akustik und Lärmentwicklung im öffentlichen Raum, aus dem die Stille in den letzten Jahrhunderten sukzessive verbannt wurde. „Das Schwirren und Tuten zweier Automobile, die Sirenen aus mindestens drei verschiedenen Fabriken, das Rädergerassel und Bremsengekreisch eines Stadtbahnzuges, das Pfeifen und Pusten der Rangierlokomotiven, das Metallgeräusch der aneinanderstoßenden Puffer ...“
Die schriftliche Aufzeichnung derartiger Geräusche, 1907 von einem Wiener Zeitgenossen vorgenommen, verweist paradigmatisch auf die gestiegene Aufmerksamkeit, die die Menschen zur vorvorigen Jahrhundertwende ihrer akustischen Umgebung entgegenbrachten. Die rasanten sozialen, technischen und wirtschaftlichen Veränderungen, denen Städte wie Wien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgesetzt waren, hatten eine Flut an neuen Geräuschen mit sich gebracht.

„Großstadtwirbel“ und „Lärmplage“

Das hereinbrechende Maschinenzeitalter verdrängte die bis dahin dominierenden natürlichen Laute und ersetzte diese durch künstliche, maschinell erzeugte Geräusche. Es waren insbesondere die akustischen Emanationen der Fabriken und der neuen Verkehrsmittel Eisenbahn, Straßenbahn und Automobil, die sich rasch als Leitgeräusche der Moderne etablierten. In den Metropolen bildete sich ein typischer „Großstadtwirbel“ (Felix Salten) heraus, mit überdichten, sich ständig überlagernden Signalen und Geräuschen. Die gesamte auditive Kultur der Stadt war im Umbruch begriffen.
Mit der Generierung neuer administrativer Einheiten, dem großflächigen Ausbau der technischen Infrastruktur, der Erschließung und zunehmenden Verdichtung des öffentlichen Raumes wurde der Großstadtkörper neu geformt. Eine steinerne Stadtlandschaft entstand, mit zum Zentrum hin immer tiefer werdenden Straßenschluchten und einer eigenen Raumakustik, bei der sich die Schallimpulse von den Begrenzungswänden der Straßenräume vielfach brachen und reflektierten. So war neben dem Direktschall stets auch ein diffuses Schallfeld wahrnehmbar, dessen Intensität nach oben hin zunahm, ehe es über die Stadtoberkante entwich. Ein relativ hoher Grundgeräuschpegel und ein Verlust an akustischer Orientierung waren die Folgen. Die Stadt war „groß und laut“ geworden, das stellten immer mehr Zeitgenossen beunruhigt fest.
Der „Lärm“ geriet zum Inbegriff des urbanen Lebens, zur unüberhörbaren Signatur der modernen Zeit. Wenngleich es auch früher vereinzelte Klagen über Belästigung durch Lärm gegeben hatte, so wurde er nun zu einem beinahe allgegenwärtigen Phänomen, das sich im Wohnalltag genauso manifestierte wie in der Arbeitswelt oder im öffentlichen Raum der Stadt. Medizinische Fachblätter und führende Tageszeitungen brachten ausführliche Berichte über die „Lärmplage“. Ärzte und Psychiater sahen sich mit den Auswirkungen der Lärmausbreitung ebenso konfrontiert wie städtische Gesundheitsbeamte und Hygieneinspektoren, die eine deutliche Zunahme an diesbezüglichen Beschwerden registrierten.

Ruhe als Bürgerpflicht

Alfred Freiherr von Berger, Dramaturg und später Direktor des Wiener Burgtheaters, veröffentlichte 1907 einen Artikel, der den programmatischen Titel „Das Recht auf Stille“ trug. Darin wies er auf die steigende Bedeutung der Lärmfrage hin: „Bin ich verpflichtet, in meinem Bewußtsein beliebige Tonempfindungen, die ich nicht haben will, hervorbringen zu lassen? Gibt es kein Recht auf Stille?“
Berger hatte den dramatischen Wandel Wiens als Ohrenzeuge miterlebt und sich gerade in den vergangenen Jahren immer intensiver mit seiner akustischen Umgebung beschäftigt. Prophetisch mahnte er: „Die Geräuschfrage, das fühle ich an meinen Nerven, ist wichtiger als sie scheint.“
Bei weitem nicht alle Großstädter waren, wie manche es ausdrückten, „lärmhart“ geworden, und der Aufruf zur Bündelung der Kräfte im Kampf gegen den Lärm fand zunehmend auch in Österreich Gehör. In Wien rief der engagierte Sozialreporter Max Winter 1908 als einer der ersten zum Aktivismus auf: „Wir müssen dem Lärm begegnen wollen, wir müssen ihn als einen Schädiger der Großstadtmenschen erkennen und dann als solchen bekämpfen!“
In zahlreichen Städten der USA und später auch in Europa entstanden Lärmschutzbewegungen. In Deutschland gründete der Kulturphilosoph Theodor Lessing 1908 einen „Antilärmverein“ mit einer dazugehörigen Zeitschrift, die – nicht zufällig – den Titel „Recht auf Stille“ trug. Auch in Wien entstand eine eigene Gruppe. Ihr gehörten zahlreiche prominente Künstler und Intellektuelle an, wie Hugo von Hofmannsthal oder der spätere Friedensnobelpreisträger Alfred Hermann Fried. Die Reaktionen der Öffentlichkeit auf diese Initiativen waren allerdings ambivalent. Während die Befürworter es euphorisch begrüßten, dass endlich etwas gegen die „Lärmseuche“ unternommen werde, sahen die Gegner in den Anhängern der Bewegung schlicht übersensible Fanatiker, die sich dem Fortschritt der Zeit widersetzten.

Utopie der „Stadt ohne Lärm“

Die Auseinandersetzung mit dem Lärm wurde zum zentralen Bestandteil des zeitgenössischen Großstadtdiskurses, in dem sich Momente der Kultur- und Zivilisationskritik ebenso trafen wie jene des Klassenkampfes und der vielfach empfundenen Überreizung der Sinne. Eine urbane Wahrnehmungskultur bildete sich heraus, die „Ruhe“ zur sprichwörtlich ersten Bürgerpflicht erhob. Überlaute Signalgeräusche wie das nervende Peitschenknallen, das Schreien, Klingeln und Hupen wurden sukzessive eingeschränkt und schließlich verboten, das Verhalten im öffentlichen Raum generell reglementiert und diszipliniert, bis sich schließlich weite Bereiche der Stadt akustisch ebenso wie sozial „gereinigt“ präsentierten.
Auf der Ebene der Stadtplanung wurde das Konzept der funktionalen Trennung einzelner Stadtbereiche realisiert, mit dem geräuschintensive Betriebe vom Wohnbereich getrennt und an den Stadtrand verlagert werden sollten. Als eine der wirksamsten lärmdämpfenden Maßnahmen wurde in ganz Europa die Befestigung des Straßenuntergrundes mit „geräuschlosem Pflaster“ vorangetrieben, also Asphalt- bzw. Holzstöckelpflaster anstelle des holprigen und damit enorm lauten Kopfsteinpflasters.
Schließlich wurden auch individuell anwendbare Schutzmittel erfunden, wie die sogleich massenhaft Verbreitung findenden Ohrenstöpsel „Antiphon“ (1885) und „Ohropax“ (1907). Doch trotz all dieser Maßnahmen wurde eines immer deutlicher: Den Lärm konnte man bestenfalls verringern, keineswegs aber völlig ausschalten. Es waren vor allem die Verkehrsgeräusche, die mittlerweile von vielen als „ohrenbetäubend“ erlebt wurden, als unzumutbare Belastung für Verkehrsteilnehmer ebenso wie für Anrainer, deren Wohnungen zumeist zur Straße hin orientiert waren. Immer mehr entwickelte sich die Straße vom Lebens- zum Verkehrsraum, zur monofunktionalen Fahrbahn, die nur auf die Bedürfnisse des motorisierten Verkehrs ausgerichtet war – mit weit reichenden akustischen Folgen.
Die in der Zwischenkriegszeit und vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg voll einsetzende Motorisierungswelle verschärfte die Situation weiter. Die städtischen Behörden überlegten Maßnahmen für eine gezielte „Straßenentlärmung“, in den Medien tauchte gar die radikale Utopie von einer „Stadt ohne Lärm“ auf. Der „Österreichische Arbeitsring für Lärmbekämpfung“, 1958 gegründet und bis heute existent, rief eine „Lärmfreie Woche“ aus. Die legistischen Maßnahmen wurden verschärft. So trat in Wien 1966 ein allgemeines Hupverbot in Kraft. Der gesamte Stadtraum wurde damit akustisch neu definiert.

Neue „Soundscapes“

Seit den 1980er-Jahren kommt es zu einer nachhaltigen Neustrukturierung urbaner „Soundscapes“. Immer mehr entwickelt sich die Stadt zur „Entertainment City“, in der zahlreiche kleinere und größere Events inszeniert werden, Urbanität gleichsam exzessiv ausgestellt wird. Diskutierte man noch Mitte der 1990er-Jahre die brisante Frage „Wem gehört der öffentliche Raum?“, so scheint die Antwort heute klar: abgesehen vom Verkehr vor allem dem Kommerz und der Unterhaltungsindustrie. Eine im öffentlichen und halböffentlichen Raum immer häufiger anzutreffende Zwangsbeschallung ist die akustische Konsequenz dieser Entwicklung.
Dem entgegen steht eine extreme, vom technischen Fortschritt ermöglichte akustische Individualisierung. Walkman, iPod und Handy erlauben es nun erstmals in der Geschichte des Hörens, sich einen persönlichen „Soundtrack“ durch die Stadt zu legen, weitgehend abgekoppelt von der jeweiligen räumlichen Situation und den darin dominanten Geräuschen: völlig neue Rahmenbedingungen also, die erneut zu einer Belebung des Lärmdiskurses führen. So werden in manchen Städten bereits Forderungen nach einem Handyverbot in öffentlichen Verkehrsmitteln laut. Architektur und Stadtplanung beginnen sich zunehmend mit Fragen des akustischen Designs auch in seinen gesellschaftspolitischen Dimensionen zu beschäftigen.
Fest steht jedenfalls, dass die weitere Ausdifferenzierung der urbanen Freizeitgesellschaft sowie die zunehmende Verbreitung der computergesteuerten Mikroelektronik eine Herausforderung für unsere Ohren darstellen. Ob sie sich auch diesmal erfolgreich anzupassen vermögen, bleibt abzuwarten.


Der Autor ist Historiker und Stadtforscher sowie Kurator im Technischen Museum Wien.

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  00:01:33 07.19.2005