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48/2013 - Ganz schön ruhig hier!
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Ungelesen , 11:27
Ganz schön ruhig hier!

In vielen Schulen herrscht Höllenlärm, in der Privaten Neuen Mittelschule Dobl bei Graz eher angeregtes Flüstern. Eine Hörprobe.

Von Doris Helmberger

Etwa fünf Minuten dauert die anrührende „Méditation“ von Jules Massenet. Für pubertierende Zwölfjährige, die gerade aus einem prallen Wochenende kommen, eine gefühlte Ewigkeit. Doch die 21 Mädchen und Buben der 2c-Klasse sitzen fast andächtig im Rund, blicken auf die brennenden Kerzen in ihrer Mitte und lauschen den Violinenklängen. Gerade vorhin haben sie sich im „Morgenkreis“ mit ihren zwei Lehrerinnen darüber ausgetauscht, welche zwischenmenschliche Verhaltensweisen Dunkelheit spürbar machen. Im Anschluss an Massenet werden sie besprechen, wie sie einander Licht sein können – und abwechselnd je einem Klassenkollegen eine Kerze überreichen. Erst danach, beim gemeinsamen Wochenend-Rückblick, wird der Schallpegel etwas steigen: Doch coole Partys, wilde Perchtenläufe und zufällig im Internet entdeckte Horror-Schocker erfordern eben ein paar Zusatz-Dezibel.

Hektische Familie, ruhige Schule

„Viele Kinder erleben am Wochenende so viele Dinge, die sie gar nicht verarbeiten können“, sagt Maria Krestel-Leinholz, die beherzte Direktorin der Schule. „Wir versuchen sie am Montag im Morgenkreis durch Stilleübungen, Zeitreisen und Gespräche wieder etwas zur Ruhe zu bringen – und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie angenommen sind.“
Schule als stiller Gegenpol zum aufwühlenden Familien-Alltag? Für die 41 Lehrer und 400 Schüler der Privaten Neuen Mittelschule der Barmherzigen Schwestern in Dobl bei Graz eine reale Erfahrung; für die meisten anderen Menschen eine eher abwegige Vorstellung. Schule, das ist für viele eher gleichbedeutend mit „Lärm“.
Tatsächlich liegt der Schalldruckpegel an Österreichs Bildungsstätten ziemlich hoch. Durchschnittlich 70 bis 80 Dezibel werden hier gemessen. (Nur zum Vergleich: 70 db entspricht fließendem Autoverkehr, ab 80 db schreibt die EU das Tragen eines Hörschutzes vor.) Von jenen 50 Dezibel, die das Gesetz als Grenzwert für Räume angibt, „in denen überwiegend geistige Tätigkeiten ausgeführt werden“, ist man also meilenweit entfernt. In Pausenräumen und Turnhallen dröhnen sogar oft mehr als 85 Dezibel: Wer sich dieser Beschallung täglich stundenlang aussetzt, ruiniert irgendwann garantiert sein Gehör.
Wie sehr die Pädagogen unter diesem Karacho leiden, untermauert eine Befragung von 1460 österreichischen Pflichtschullehrerinnen und -lehrern, die 2007/08 von der steirischen „Arge Zuhören“ durchgeführt wurde: 35 Prozent der Pädagogen fühlten sich demnach vom Lärm in der Klasse „eher stark“ in ihrem Wohlbefinden beeinträchtigt; 19 Prozent sogar „sehr“. Der Krach erschwere zudem das Arbeiten: 34 Prozent meinten, dass sich der Lärm „eher stark“ oder „sehr stark“ auf ihren Unterricht auswirken würde.
Spätestens hier kommen auch die Schüler zum Handkuss: Um einen Lehrer verstehen zu können, muss sein Sprachpegel nämlich um rund 15 Dezibel höher sein als jener des Hintergrundlärms. Kinder und Jugendliche mit nicht deutscher Muttersprache bzw. mit einer leichten Hörbeeinträchtigung benötigen sogar 20 Dezibel Differenz, um dem Gesprochenen folgen zu können. Je lauter Klassen also sind, desto mehr müssen Lehrer (oder Schüler, die in Kleingruppen arbeiten wollen) ihre Stimme strapazieren – was wiederum den generellen Lärm erhöht. Ein gefürchtetes Phänomen namens „Lombard-Effekt“.

Lärm als Burnout-Motor

Die Folge dieser akustischen Aufschaukelung sind nicht nur Stimmprobleme, sondern auch Kopfschmerzen, Stress und Aggressionen. Manchmal kann es noch schlimmer kommen, weiß der Grazer Psychologe Erich Hotter: „Lehrer, die sich von Lärm belastet fühlen, landen vier Mal so häufig in der Burnout-Risikogruppe“, erklärt er. Um für dieses Problem zu sensibilisieren, hat er gemeinsam mit dem Grazer Kommunikationsexperten Bernd Chibici sowie dem Abteilungsleiter für Schulpsychologie im Landesschulrat Steiermark, Josef Zollneritsch, die „Arge Zuhören“ gegründet – und 2008 das Arbeitsbuch „Lärm in der Schule“ (Leykam) publiziert. Nicht nur die Ergebnisse der Lehrerbefragung sind darin enthalten, auch Tipps zur Lärmreduktion: von Hörclubs, wie sie die deutsche „Stiftung Zuhören“ entwickelt hat, bis zum Einsatz von schallmessenden Lärmampeln. Auf politische Unterstützung warte man freilich bis heute vergebens, klagt Hotter – und wirbt gerade angesichts der aufgeheizten Lehrerdienstrechtsdebatte um mehr Verständnis für die Pädagogen (vgl. ehotter.wordpress.com).
Fragt man diese selbst, so besteht der Königsweg in Richtung leiser Schule zuallererst in einer Senkung der Klassenschülerzahl. 26 Prozent der befragten Pflichtschullehrer sprachen sich gegenüber der „Arge Zuhören“ für diese Maßnahme aus, 23 Prozent erhofften sich weniger Lärm durch einen anderen Unterricht, zehn Prozent durch eine bessere Akustik.
Gerade hier liegt bislang viel im Argen. Optimalerweise liegt etwa die „Nachhallzeit“, bis ein Geräusch von der Umgebung geschluckt wird, zwischen 0,45 und 0,65 Sekunden. Tatsächlich haben manche Messungen Zeiten von bis zu einer Sekunde zutage gefördert, in manchen Turnhallen sogar bis zu drei Sekunden. Normales Sprechen und Zuhören ist in einem solchen Schall-Wirrwarr unmöglich.
Teppichböden oder Vorhänge können etwas helfen; deutliche Verbesserung bringt freilich nur eine akustische Sanierung mit abgehängten Decken oder aufgeklebten Absorbern. Kostenpunkt pro Klassenzimmer: Rund 4000 Euro. Am besten wäre es also, gleich beim Bau der Schule auf eine gute Akustik zu achten. Doch gerade in kleinen Gemeinden wird darauf allzu oft vergessen.
Ein fataler Lapsus, schließlich entscheidet die Raumakustik mit, wie Lehrer unterrichten können: Ist die Nachhallzeit groß, wird Gruppenunterricht quasi unmöglich. Schlucken Wände und Decken hingegen den Schall, wird diese Methode (durch den umgekehrten „Lombard-Effekt“) womöglich leiser als Frontalunterricht.
Damit so etwas gelingt, braucht es freilich auch eine entsprechende Schulkultur. Womit wir wieder zurück in Dobl wären: Seit Mitte der 1980er-Jahre beschreitet man hier den „Dobler Weg“, bei dem es nicht nur um größtmögliche Eigenverantwortung, sondern auch um ein achtsames Miteinander geht. Das zeigt sich nicht nur in den „Morgenkreisen“, das zeigt sich auch in den elf Stunden freier Stillarbeit, in denen die Jugendlichen allein oder in Gruppen, im Klassenzimmer oder am Gang an ihren Wochenplänen arbeiten. „Bewege dich möglichst geräuschlos in der Klasse“, lautet eine Grundregel: „Frage und erkläre nur im Flüsterton“ eine zweite. Benötigt ein Schüler Hilfe von einem Lehrer, schreibt er seinen Namen an die Tafel. Ist es ihm zu laut, kann er einmal die Triangel schlagen. Zweimal bedeutet: Ich will etwas durchsagen. Dreimal: Bitte die Materialen an ihren Platz räumen; in fünf Minuten ist Schluss.

Privatschule als Vorbild?

Selbst jetzt, nach dem dritten Gong, entsteht in der 1b nicht der klassische Pausenfuror. Kein Wunder, dass regelmäßig Vertreter anderer Schulen kommen, um den „Dobler Weg“ zu inspizieren. Doch ist eine ähnlich ruhige Atmosphäre auch an einer öffentlichen Schule möglich? „Ich glaube schon“, sagt Maria Krestel-Leinholz. Sie könne sich zwar ihre Lehrer selber aussuchen. Aber zwei Pädagogen pro Klasse gebe es auch an jeder anderen NMS; und weil nicht einmal die Hälfte der Kinder Schulgeld zahlen müssten (dank der Unterstützung der umliegenden Gemeinden), seien die Klassen auch ziemlich durchmischt. „Wir sind keine Eliteschule und haben auch nichts extra“, meint die engagierte Direktorin. „Worauf es ankommt, ist letztlich nur der Wille.“


Nähere Infos: www.pnms-dobl.at
  #2  
Ungelesen , 19:31
Apoll Onia Apoll Onia ist gerade online
 
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Gender????

Super Report
spiegelt (beinahe) wider, was Dobl ist:
ein Ort voller junger, neugieriger Buben UND Mädchen
ein Ort voller begeisterter Lehrer UND Lehrerinnen

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  11:50:42 07.13.2005