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48/2013 - Die Stimme eines dünnen Schweigens
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Ungelesen , 11:33
Die Stimme eines dünnen Schweigens

Ein Aspekt der Religion wird auch in säkularer Zeit und Welt nicht bestritten: Sie eröffnet und schützt den Raum der Stille. Schon in den biblischen Texten findet sich Stille als außergewöhnliche Gottesbegegnung und tiefe Menschenerfahrung.

Von Otto Friedrich

Ich bin nicht hochmütig, Gott. / Ich schau nicht auf die andern hinab. Mit diesen Worten beginnt der 131. Psalm. Und einen Vers später dichtet der biblische Liedermacher: Ich ließ meine Seele ruhig werden und still; / wie ein Kind, das getrunken hat und nun ruht an der Brust der Mutter, ist meine Seele still in mir. Worte, die das Herz treffen – wahrscheinlich einer der intimsten Texte, den die Schrift zu bieten hat. Und dabei: die Stille als Ausdruck größter Gottesnähe.
Die Religion gilt gemeinhin als Expertin für Stille. Neben Antworten auf Urfragen des Menschen – Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was ist Leben? Was ist Tod? Und was kommt danach? … – traut man der Religion auch in allen säkularen Anfechtungen zu, Orte und Räume zu öffnen, um zu sich zu kommen. Die Stille und das still Werden gehören genuin dazu.

Gewollte Einsamkeit. In die Wüste gehen

Dem Lärm der Tage zu entkommen, bei sich zu sein und den anderen, Religiöse würden sagen: Gott zu spüren und zu begegnen, dazu ist Stille vonnöten. Eine heilsame Erfahrung der Einsamkeit. Das Gehen in die Wüste – buchstäblich oder metaphorisch. In Antoine de Saint-Exupérys „Stadt in der Wüste“ findet sich auch eine „Hymne auf die Stille“, ein literarisches Zeugnis ersten Ranges – und ein spirtuelles obendrein: Stille, du Musikantin der Früchte! Die du die Keller und Speicher bewohnst! Du Gefäß voller Honig, den der Fleiß der Bienen ansammelt! Du Ruhe des Meeres in seiner Fülle!
So beginnt der Text, der in der Mitte des 20. Jahrhunderts entstanden ist.
Auch diese Worte fußen auf den alten Erfahrungen wie denen der Wüstenväter, Einsiedler der ersten nachchristlichen Jahrhunderte, die als Ahnen des christlichen Mönchtums gelten. Von Nilius, einem dieser Eremiten, ist der Ausspruch überliefert: Die Bögen des Feindes können jemanden, der die Stille liebt, nicht erreichen; aber derjenige, der sich in der Menge bewegt, wird häufig verwundet.
Die Stille ist fortan und bis zum heutigen Tag ein konstitutiver Bestandteil des monastischen Lebens – in vielen Abstufungen und Schattierungen. Nur wenige, wie die Kartäuser, verbringen den weitaus größten Teil ihrer Tage in absoluter Stille, um möglichst nahe bei Gott zu sein. Aber ohne Kontemplation, die stille Versenkung, ist intensives christliches Leben nicht denkbar; kein Zufall dass „Kampf“ und „Kontemplation“ zu einem untrennbar verbundenen Begriffspaar geworden sind: Die Aktivität für die Menschen, das Engagement verlangt nach innen zu sich zu kommen, bedarf also auch der Stille.
Das gilt für die unterschiedlichsten spirituellen Traditionen. Bei den Exerzitien, wie sie Ignatius von Loyola, der Gründer des Jesuitenordens, im 16. Jahrhundert entwickelt hat, spielt die Stille gleichermaßen eine wesentliche Rolle. Und auch der mystische Erfahrungsweg kann ohne die Stille nicht gegangen werden.
Gleichzeitig ist da eine Stille, die jeden Teil dieser Endgültigkeit erfüllt – eine Stille, die nicht eine Abwesenheit von Lärm meint, sondern das Ergebnis einer Erfahrung ist, weit realer als es Geräusche zu sein vermögen. Falls doch Geräusche auftauchen sollten, können sie mich nur erreichen, indem sie durch diese Stille hindurch gehen. So beschrieb dies die französische Mystikerin Simone Weil (1909–43). Von der Jüdin Weil, die wegen ihrer intensiven Auseinandersetzung mit dem Christentum mitunter als „ungetaufte Christin“ apostrophiert wird, stammt auch der Ausspruch: Es gibt kein Glück, das der inneren Stille gleichkäme.

Gott als dem Menschen begegnende Stille

Juden wie Christen können auf eine der eindrücklichsten Schilderungen einer Gottesbegegnung in der Schrift hinweisen: Als der Prophet Elija, so berichtet es das erste Buch der Könige (1 Kön 19), auf dem Berg Horeb Gott begegnet, so findet er ihn nicht im Sturm, nicht im Erdbeben und nicht im Feuer. Sondern Gott zeigt sich, wie es eine besonders poetische Übersetzung ausdrückt, als Stimme eines dünnen Schweigens.
Ob die zitierte Bibelstelle einfach eine Wiedergabe der menschlichen Erfahrung von Transzendenz in der Stille darstellt, oder ob sich umgekehrt das Bild, dass sich Gott eben genau in der Stille finden lässt, den Umgang des Menschen bestimmt, ist von untergeordneter Bedeutung. Kaum jemand wird bestreiten, dass auch in säkularer Zeit der Religion im Allgemeinen und dem Christentum im Besonderen zugetraut wird, der Stille Raum und Orte zu verschaffen. Wenn etwa Kirchen oder andere sakralen Orten in der pulsierenden Stadt eine letzte unfragliche Funktion zukommt, dann ist es die des Raumes der Stille.
Das mag ja in der „stillsten Zeit des Jahres“, die längst eine der lärmendsten geworden ist, schwierig erscheinen. Aber trotz allem wird die Stille, die Menschen zum Leben brauchen, am ehesten durch die Religion bewahrt. Vielleicht ist der vorweihnachtliche und so gar nicht adventliche Trubel gar keine gute Gelegenheit, um die Stille zu retten. Man könnte ein paar Monate weitergehen und an die nächtliche Osterfeier denken. Dort wird – in der Dunkelheit der Nacht des Karsamstags auf den Ostersonntag – aus der Stille heraus das Osterlicht entzündet und dann besungen: Auferstehung, die zentrale christliche Botschaft, erwächst so aus der Stille. Um nicht weniger geht es in dieser Religion.

Stille: ja. Totenstille: nein

Selbstredend „gehört“ die Stille nicht allein den Christen. Bei aller Unterschiedlichkeit weisen die meisten Religionen der Stille einen prominenten Platz in ihrem jeweiligen Vollzug zu. In manchen asiatischen Traditionen ist das still Werden intensiver mit der religiösen Ausdrucksweise verbunden als beim landläufigen Christen. Vor allem die auf Meditation beruhenden Praktiken zeigen den enormen Stellewert von Stille: Eine Zen-Meditation etwa, die in den letzten Jahrzehnten auch von Christen praktiziert wird, zielt auf das leer Werden ab – und somit auf Stille in Reinkultur.
Stille ohne Wenn und Aber ist jedoch nicht per se erstrebenswert: Stille erweist sich nicht von vornherein als romantisches Lebenselixier. Es gibt sie auch, die bedrückende Stille, die undurchdringliche Leere und die Antwortlosigkeit, die den Menschen im Innersten bedroht. Die war nicht gemeint; sie soll auch nicht verschwiegen bleiben –und wer die jüdisch-christliche Schrift genau liest, findet dies dort auch thematisiert.
Hör mich, sei nicht Totenstille / Gib mir Antwort, wenn ich rufe. So überträgt Huub Oosterhuis, der niederländische Poet des Glaubens, etwa die Verse von Psalm 4 in eine heutige Sprache. Stille, ja. Totenstille, nein: Werde ich je noch sicher wohnen, / Friedensträume, sicher schlafen? Und weiter:
Ja, das werde ich – gib mir Antwort. / Hör mich. Sei nicht Totenstille.

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