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49/2013 - Dunkle Gestalten
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Ungelesen , 11:04
Dunkle Gestalten

Zwischen Traditionspflege und Spektakel: Krampus ist Kult. Über den Zauber der Maske und die anhaltende Faszination für gehörnte Wesen.


Von Martin Tauss

Es ist immer in der dunkelsten Zeit des Jahres, wenn sich eine Reihe schreckenserregender Figuren zum illustren Aufmarsch versammelt: Scharen von Krampussen mit langen Hörnern, höllischen Masken und rasselnden Ketten wetzen in zotteligen Gewändern durch die Straßen, lärmen mit Schellen und Glocken und schwingen drohend ihre Ruten. In den letzten Jahren werden die Krampusse oft von anderen düs-teren Gestalten begleitet: Auch diverse Perchten, Hexen, Werwölfe, kleine Teufel sowie der Höllenfürst und der Sensenmann höchstpersönlich geben sich in der schaurigen Gesellschaft ihr Stelldichein.
Krampus- und Perchtenläufe, seit langem eine Tourismusattraktion des Alpenraums, erfreuen sich heute zunehmender Beliebtheit; und dies nicht mehr nur in den tiefen Bergtälern, in denen diese Traditionen ihren Ursprung haben. Seit der Jahrtausendwende breitet sich das Brauchtum auch im nicht-alpinen Österreich sowie in Bayern, Slowenien und Norditalien aus. Der archaische Krampus-Kult ist dabei in der zeitgenössischen Event-Kultur angekommen und vielerorts zur Party geworden, oder auch zur kommerziellen Show in städtischen Einkaufsstraßen und grell ausgeleuchteten Shopping-Centern. Dass die ursprüngliche Wildheit des Spektakels aber nicht verloren gegangen ist, die gerade auch für Rowdys ein willkommener Anlass ist, davon zeugen nicht zuletzt wiederkehrende Berichte über Unfälle mit „Krampusperchten“ – von kleineren Verletzungen und Brandwunden bis hin zu Rauchgasvergiftungen.

„Krampusmania“

Gemäß alter Tradition ziehen die Krampusse am 5. und 6. Dezember als Begleiter des Heiligen Nikolaus durch die Lande, einer Figur, die auf Nikolaus von Myra, einen griechischen Bischof des 4. Jahrhunderts zurückgeht. Während dieser seine Gaben für die Braven verteilt, sorgen die Krampusse bei Bedarf für Bestrafung. Dem Heiligen Nikolaus wurden im Brauchtum allerhand fins-tere Gestalten zur Seite gestellt, deren Ursprung in römischem und germanischem Brauchtum sowie im Satansmythos vermutet wird. In der dunklen Geschichte des Krampus kommen somit unterschiedliche Figuren zur Deckung: vom Knecht Ruprecht, der zunehmend in die Maske des Weihnachtsmanns geschlüpft ist, bis hin zum christlichen Teufel, der spätestens seit dem frühen Mittelalter die Vorstellungswelt der Volksreligion durchdringt.
Die Perchten hingegen haben ihren Auftritt ursprünglich in den Raunächten rund um Neujahr, um die dunklen Dämonen des Winters auszutreiben und die guten, fruchtbringenden Geister des Frühlings zu erwecken. Auch wenn Menschen von den Perchten mit einer Birkenrute gestreichelt werden, soll Fruchtbarkeitszauber übertragen werden. Der Ursprung der Perchten liegt in vorchristlicher Zeit, als der Dämonenzauber mit Naturmagie und Fruchtbarkeitskulten verbunden war. In vielen 
Mythologien gelten die Raunächte als Zeit für magische Rituale, da man annahm, dass die Naturgesetze nach der Wintersonnenwende vorübergehend außer Kraft gesetzt sind. Es ist die Zeit der „Wilden Jagd“, bei der die alte germanische Göttin Perchta – die Namensgeberin der Perchten – mit einem Heer übernatürlicher Wesen durch die Lüfte ziehen soll.
Nicht nur die Trennung zwischen Krampus- und Perchten-Kult ist heute weitgehend aufgehoben; die gesamte Folklore ist im Wandel: Krampusläufe finden aus Terminnot zuweilen bereits im November statt, und nicht selten gesellen sich auch monströse Gestalten der modernen Medienwelt hinzu, etwa „Aliens“ und Kultfiguren aus Kinofilmen wie „Krieg der Sterne“ oder „Herr der Ringe“. Auch die Feuerschlucker und die bengalischen Feuer, die mitunter für Furore sorgen, sind ein neues Phänomen der aktuellen „Krampusmania“. Pfleger der Volkskultur beklagen daher die Verwässerung des ursprünglichen Brauchtums durch allzu viel Vermarktung: Der Landesverband der Salzburger Heimatvereinigungen hat deshalb sogar einen Leitfaden zur Bewahrung des traditionellen Krampusbrauchs erstellt. Andere Autoren bemerken schlicht eine dynamische kulturelle Umformung im Zeitalter der globalisierten Medien.

Archaische Wildheit

Tatsächlich zeigt sich anhand moderner Kulturprodukte eine ähnliche Faszination für dunkle Gestalten wie im jahrtausendealten Brauchtum. Liegt das daran, dass in säkularer Gestalt oft ähnlich existenzielle Themen verhandelt werden wie im religiösen Kontext? In den Harry Potter-Romanen etwa ist die Figur des Voldemort ob seines schlangenartigen Wesens als Weiterentwicklung des christlichen Teufels zu erkennen, wie die Grazer Theologin Theresia Heimerl in ihren luziden Potter-Analysen dargestellt hat. Dies gilt auch für den Melkor aus J.R.R. Tolkiens Fantasy-Roman „Herr der Ringe“, der die Menschen von Mittelerde zum Bösen verführt oder durch Knechtschaft in seine Dienste zwingt. Und in der Film-Saga „Krieg der Sterne“ erinnert der schwarz ummantelte „Darth Vader“ an den Fall des Guten zum Bösen, den Mythos vom Satan als gefallener Engel – ursprünglich ein glänzender Jedi-Ritter, der sich in der fernen Raumschiffwelt auf die „dunkle Seite der Macht“ begibt.
Auch die Pop-Kultur spiegelt das zeitgenössische Interesse für „böse Buben“ und okkulte Themen. Selbst Rock-Giganten wie die Rolling Stones haben schon einmal augenzwinkernd ihre „Sympathie für den Teufel“ bekundet. Ganz abgesehen davon, dass domestizierte Bilder des Bösen längst in der Werbung angekommen sind: Wer Produkte mit den Insignien des Teufels oder der Hölle kauft, so wird suggeriert, erwirbt zugleich auch Leidenschaft, Verruchtheit, einen aufregenden Lebensstil.
Aber zurück zum Krampus: In den gehörnten Wesen aus uralten Zeiten tritt uns auch ein Inbegriff der Wildheit entgegen, dessen Reiz tatsächlich gegen alle Anfechtungen der modernen Zivilisation immun zu sein scheint. Es ist der alte Zauber der Maskierung und Verwandlung, der rituellen Inszenierung und des archaischen Ausagierens – ein Aspekt, der den Krampus- und Perchten-Kult mit Halloween und dem Fasching verbindet. Und es ist der Reiz des kollektiven Schreckens und Schauderns: Wie die Katharsis der antiken Tragödie, die ihre Wurzeln im archaischen Dionysos-Kult hat, läuft auch das Krampustreiben – wiewohl rudimentär – auf eine Reinigung der „Affekte“, eine psychische Läuterung hinaus. Insofern verweisen die zotteligen Kramperl nicht nur auf unsere prähistorische Vergangenheit, sondern auch auf die ältes-ten Schichten unserer Psyche. Dort, so die Intuition unserer Ururahnen, gibt es potenziell destruktive Kräfte, die rituell gebunden werden sollten – und am besten in der dunkelsten Zeit ans Licht geholt werden.

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  10:10:57 07.16.2005