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49/2013 - Auf Teufel komm raus
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Ungelesen , 11:06
Auf Teufel komm raus

Bis heute gehört der „Große Exorzismus“ zum pastoralen Angebot der katholischen Kirche. Über ein umstrittenes Ritual.

Von Doris Helmberger

„Ich beschwöre dich, Satan, Feind des Heils der Menschen, erkenne die Gerechtigkeit und Güte Gottes, des Vaters, der deinen Hochmut und deinen Neid durch gerechtes Urteil verdammt hat: Weiche von diesem Diener Gottes […] Ich beschwöre dich, Satan, Fürst dieser Welt, erkenne die Macht und die Kraft Jesus Christi […] Weiche daher, Satan, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Es sind drastische Worte, die sich im „Großen Exorzismus“ des derzeit gültigen „Römischen Rituale“ von 1999 finden. Nur katholische Priester, die vom jeweiligen Ortsbischof beauftragt wurden, sind befugt, sie zu sprechen – und damit nach kirchlicher Vorstellung Menschen von der Bedrängnis oder gar Besessenheit durch Teufel und Dämonen zu befreien.
Larry Hogan ist einer von ihnen: Seit seiner Beauftragung zum „Befreiungsdienst“ durch Kardinal Christoph Schönborn im Februar 2010 ist der gebürtige US-Amerikaner gleichsam offizieller Exorzist der Erzdiözese Wien. Etwa 400 bis 500 „Große Exorzismen“ habe er seither – neben seiner Tätigkeit als Rektor des päpstlichen „Internationalen Theologischen Instituts“ in Trumau – vorgenommen, erklärt Hogan der FURCHE; oft unter Zuhilfenahme eines Psychiaters, wie Pressesprecher Michael Prüller versichert.

Psychisch krank – oder besessen?


Tatsächlich hat die Weltgesundheitsorganisation WHO 1999 „Trance- und Besessenheitszustände“ in ihr Diagnoseschema aufgenommen – und zwar „unter dem Druck von Psychiatern aus der Dritten Welt“, wie der Innsbrucker Sozialpsychiater Hartmann Hinterhuber weiß. Ein Betroffener dieser „dissoziativen Störung“ verhalte sich oft so, „als ob er von einer anderen Persönlichkeit, einem Geist, einer Gottheit oder einer ,Kraft‘ beherrscht wird.“
Priester wie Larry Hogan gehen hingegen von der tatsächlichen Möglichkeit einer Beherrschung durch das Böse aus. Diese von psychischer Krankheit zu unterscheiden, sei nicht einfach. „Eine starke Reaktion auf Weihwasser ist kein sicherer Hinweis auf Besessenheit, und andererseits ist das Nichtreagieren darauf auch kein Beweis, dass jemand nicht besessen ist“, erklärt Hogan. Oft komme es vor, dass Menschen beim Befreiungsgebet schreien würden; etwas weniger häufig sei Gewalt. Notfalls verstärke er sein Team auf „acht oder mehr Leute“, doch meist könne er den Menschen, die zu ihm kommen würden, helfen: „Das kann bedeuten, dass sie wieder ihren Glauben praktizieren. Es kann auch bedeuten, dass sie ihre Medikamente nehmen oder zu ihren Therapeuten gehen.“
Hogan ist nicht der einzige hiesige Exorzist (der griechische Ursprung des Wortes bedeutet „hinausbeschwören“), aber er ist der einzige, den man namentlich kennt. Alle anderen „Priester im Befreiungsdienst“ werden von ihren Diözesen geheim gehalten – um sie zu schützen, wie es heißt. Allein fünf gibt es in der Diözese Linz. In St. Pölten gibt es nur einen beauftragen Priester, wobei (wie in Linz und Wien) „die psychologische Abklärung jedes Falles zur üblichen Vorgangsweise“ gehört. Larry Hogan weiß auch von fallweisen Beauftragungen in Salzburg und Klagenfurt. „Aber de facto ist jeder Bischof Exorzist.“
Der schillerndste Teufelsaustreiber sitzt freilich in Rom. Mehr als 70.000 Exorzismen hat der 88-jährige Gabriele Amorth seit seiner Beauftragung durch Papst Johannes Paul II. anno 1986 vorgenommen. Angesichts von zunehmendem Satanismus (vgl. unten) würde die Kirche das Thema Teufel – und noch mehr den Exorzismus – sträflich vernachlässigen, beklagte er im Jahr 2000 in seinem Buch „Exorzisten und Psychiater“.
Fünf Jahre später wurde an der renommierten Universität „Regina Apostolorum“ ein Studiengang für Exorzisten eingerichtet. Heute, angesichts eines lateinamerikanischen Papstes, der in seinen Predigten von „pubertierendem Fortschrittsdenken“ als „Frucht des Dämons, des Fürsten dieser Welt“ spricht, würde Amorths Befund wohl nicht mehr ganz so düster ausfallen. Selbst einen Exorzismus wollen manche bei Franziskus beobachtet haben: Jener Rollstuhlfahrer, dem er am Pfingstsonntag auf dem Petersplatz die Hände auflegte, habe auffällig gezuckt. Selbst das postwendende Dementi von Pressesprecher Federico Lombardi konnte diese Kunde nicht mehr stoppen.
Dabei gehört der Exorzismus gleichsam zur Grundausstattung des Christentums: Schon Jesus hat den Besessenen von Gerasa von seinen Dämonen befreit – woraufhin die-se in eine Herde von 2000 armen Schweinen fuhren (Mk 5,1-20). Von altkirchlicher Zeit bis heute ist der Exorzismus fixer Bestandteil der Taufliturgie („Ich widersage…“). Mörderischer Tiefpunkt war freilich der Zauber- und Hexenwahn, den das Konzil von Trient (1545–1565) mit dem „Rituale Romanum“ von 1614 einzudämmen versuchte. Der darin festgelegte „Große Exorzismus“ galt im wesentlichen bis 1999.

Der tragische Fall von Klingenberg

Dass man endlich das mittelalterliche Prozedere überarbeitete, war eine späte Folge jenes unfassbaren Falls, der sich im unterfränkischen Klingenberg ereignet hatte. 1976, drei Jahre nach dem Horrorfilm „Der Exorzist“, starb hier die 24-jährige Anneliese Michel nach 76 exorzistischen Sitzungen an Entkräftung. Die Tochter konservativer und von Marienfrömmigkeit geprägter Eltern, die an Epilepsie litt, hatte die mehrmonatige Prozedur nicht überlebt.
Das Schicksal der jungen Studentin, das noch Jahrzehnte später in Filmen wie Scott Derricksons „Der Exorzismus der Emily Rose“ (2005) oder Hans-Christian Schmids „Requiem“ (2006) verarbeitet wurde, hat zu heftigen Diskussionen geführt. „Wie wir heute auch als orthodoxe Gläubige ohne Hexen ,auskommen‘, so könnte man in der Praxis auch ohne Besessenheit ,auskommen‘“, schrieb Karl Rahner 1976. Die kirchlichen Behörden hätten darum „die Pflicht, darüber nachzudenken, ob nicht das alte Ritual des Exorzismus schlicht und einfach aus dem Verkehr zu ziehen sei.“
Doch es sollte nicht dazu kommen. Man entschied sich lediglich für eine Überarbeitung: Seit 1999 ist der „Große Exorzismus“ bischöflich beauftragten Priestern vorbehalten, man schreibt eine verpflichtende Zusammenarbeit mit Ärzten vor, verbietet das suggestive Fragen nach Zahl und Namen der Dämonen sowie „Probeexorzismen“, mit deren Hilfe früher gern eine allfällige Besessenheit festgestellt wurde. Auch die direkte Anrede des Bösen kann nunmehr entfallen.
Dass so etwas überhaupt noch möglich ist, hat 2005 acht katholische Theologinnen und Theologen auf den Plan gerufen – darunter die in Nürnberg forschende Ute Leimgruber, die später das Buch „Der Teufel. Die Macht des Bösen“ (Kevelaer 2010) publizieren sollte. Es verbiete sich, „Teufel und Dämonen in einer gottesdienstlichen Feier anzusprechen. Adressat des Gebetes um Befreiung kann nur Gott sein“, stellten sie fest. Außerdem würde damit das Missverständnis gefördert, „die Befreiung vom Bösen lasse sich durch Exorzismus magisch erzwingen“. Statt „Großer Exorzismen“ brauche es eine „Liturgie zur Befreiung des Bösen“. Allzu oft komme es bislang zu „Suggestion und Induktion“. Will heißen: Man braucht Menschen nur lang genug von ihren Dämonen zu erzählen, um sie zu Besessenen zu machen.
Der Grazer Pastoralpsychologe Karl Heinz Ladenhauf kennt einen solchen Fall: „Es ging um eine Frau, die ihr ganzes Leben aus religiösen Motiven in den Dienst an anderen gestellt hat. Als man sie kurz vor der Pension aus dem Beruf hinausdrängte, hat das bei ihr eine massive Lebens- und Glaubenskrise ausgelöst, in deren Zuge sie Aggressionen gegenüber Gott entwickelt hat – bis zur Vorstellung, bei der Kommunion die Hostie auf den Boden zu werfen und draufzusteigen. Ein Priester sagte ihr darauf: So etwas kann nur jemand denken, der vom Teufel besessen ist.“ Schlussendlich, erzählt Ladenhauf, sei die Frau in der Psychiatrie gelandet. 
„Eine gute seelsorglich-therapeutische Betreuung hätte ihr vielleicht geholfen.“

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  15:04:53 07.14.2005