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01/2014 - Der Wandel der Wissensdiener
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Ungelesen , 10:59
Der Wandel der Wissensdiener

Mit dem Ausbau virtueller Bibliotheken sind auch deren Helfer in die Informationskanäle ausgewandert – ein Prozess, der noch lange nicht abgeschlossen zu sein scheint.

Von Markus Krajewski


Wer sich wie General Stumm von Bordwehr in Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ auf der Suche nach dem schönsten Gedanken der Welt auf den Weg in die Nationalbibliothek begibt, hätte vor 200 Jahren kaum einen Katalog konsultiert, sondern wäre im Gespräch mit dem Bibliothekar oder einem subalternen Bibliotheksdiener an das entsprechende Regal verwiesen worden. Man hätte also die seinerzeit noch menschlichen Figuren des Wissens angetroffen, die mit ihrem so genannten „Localgedächtnis“ über den exklusiven Zugang zur Erkenntnis verfügen. Auch ohne allzu große Melancholie zu bemühen, könnte man fragen, was aus diesen Figuren seit dem 18. Jahrhundert geworden ist. Schließlich sucht man den Diener und zunehmend auch den Bibliothekar in heutigen Büchersammlungen meist vergebens. An ihre Stelle treten zunehmend unscheinbare Terminals oder Intranets, die als virtuelle Computerkataloge den lokalen Bestand der Bücher nachweisen.

Die Erfindung des Online-Katalogs (OPAC)


Mit dem Übergang vom bibliothekarischen „Localgedächtnis“ zum Katalog in Buchform oder als lose Zettelsammlung im frühen 19. Jahrhundert stellt sich bereits eine erste virtuelle Ordnungsstufe ein, die von der Präsenz der Bücher im Regal abstrahiert. Damit nimmt ein Prozess der Virtualisierung seinen Lauf, der bis heute reicht und – wie es scheint – lang noch nicht abgeschlossen ist. Die Flugbahn dieser Entwicklung erstreckt sich von der Epoche ers*ter Zettelkataloge um 1800 bis hin zum voll elektronischen Bücherverzeichnis. Es scheint, als bleibe der treue menschliche Diener der Bücher mit der Ablösung der Informationshoheit durch den Katalog auf der Strecke, sofern die Figur des Bibliotheksbeamten dabei nicht ihrerseits virtualisiert wird. Doch genau das ist der Fall: Ließe sich doch konstatieren, dass mit der Verlagerung der bibliothekarischen Dienste in virtuelle Sphären ebenso die Diener selbst in die Informationskanäle auswandern.
Welche Funktionen, die zuvor noch recht mechanisch von den Wissensdienern erledigt worden sind, werden allmählich übersetzt in digitale Anordnungen und elektronische Serviceleistungen? Und wer, so bleibt zu fragen, verwaltet und verfügt dann über die Bücher und gar ihre Inhalte unter immer höher ansteigenden, immer stärker verdichteten, immer heftiger anrollenden Informationsflutwellen?
Die Beantwortung der Frage nach den diensthabenden Geistern ist so naheliegend wie offenkundig, zumal es dazu nicht einmal mehr notwendig ist, seinen heimischen Arbeitsplatz zu verlassen, um die Bibliothek aufzusuchen. Denn so wie der Leser die „Schatzkammern des Geistes“ (Leibniz) nicht mehr selbst betreten muss, so ist längst schon niemand mehr erforderlich, der sich auf den Weg begibt, um reale Bücher im Regal abzuholen, einzustellen oder säumigen Benutzern auf die Fußmatte zu treten, wie es die Bibliotheksdiener einst noch taten. Alles scheint bereits im Digitalen vorhanden zu sein. Die moderne Zentrale dieser komprimierten Informationsfülle trägt einen seltsamen Namen, der nicht von ungefähr auf die Undurchsichtigkeit der Bibliotheksdiener während ihrer Dienstverrichtungen anspielt: OPAC. Hier, im „Online Public Access Catalog“, finden die Wege zusammen. Dies ist nunmehr der Ort höchster Informationsdichte.

Digitale Bücherwelt

Vom Ende des 18. bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts reicht die Ära des Zettelkatalogs als Suchmaschine und Informationszentrale. Erste zaghafte bibliothekarische Experimente mit einer elektronischen Variante lassen sich bis 1954 zurückverfolgen, wiewohl ernstzunehmende Versuche, die Bibliothek mit Hilfe elektronischer Systeme zu automatisieren, nicht vor den frühen 1960er-Jahren erfolgen. Und erst 1974 werden die ersten OPACs vor fahlen Kathodenstrahlröhren an der Ohio State Universität in Betrieb genommen. Die Skepsis der Bibliothekare gegenüber der Technik, den Ingenieuren sowie den Lesern während dieses langen Versuchsstadiums erweist sich als groß, erwartet man doch vornehme Zurückhaltung bis kategorische Ablehnung seitens der Benutzer, von denen man annimmt, sie zögen den altbewährten Zettelkatalog der unheimlichen Elektro-Variante vor. Ein konservatives Vorurteil, das sich nach entsprechenden Umfragen als rein bibliothekarische Fiktion erweist; nehmen die Leser die neue Recherchemöglichkeit doch so an wie ein Kelch den Wein.
Andererseits wirken die aufwändigen Apparaturen auf die Bibliotheksangestellten als schwer zu handhabende Maschinen, deren Zweck gemessen an Kosten und Tücken der Bedienung mehr als fraglich sei. Die elektronische Umgestaltung insbesondere kleiner Büchersammlungen sei daher, so ein überaus skeptischer Bibliothekswissenschaftler zu Beginn der 1970er-Jahre, „wie eine Boeing 747 zu mieten, um ein Bonbon am anderen Ende der Stadt auszuliefern.“ Die Benutzer jedenfalls greifen mit Vorliebe auf die neuen Kataloge zu. Diese werden mit zunehmendem Aufwand ausgebaut und ständig durch weitere Daten angefüllt, sodass die Verwandlung des Bibliotheksunterbeamten in den OPAC trotz mancher Skepsis unaufhaltsam ihren Gang nimmt. Technisch gesehen ist der OPAC nichts anderes als ein besonders dienstbeflissener Bibliotheksdiener, jederzeit erreichbar unter nur mehr einer einzigen Adresse, die etwa www.onb.ac.at oder www.europeana.eu lautet.
Insbesondere die Möglichkeit, direkt aus dem OPAC einzelne Zeitschriftenartikel oder gar vollständige Bücher abzurufen, emanzipiert den Katalog nicht nur von der einzelnen Bibliothek, sondern vielmehr noch vom konkreten Objekt des Buchs. Spätestens damit muss sich der Leser nicht mehr darum kümmern, an welchem Ort sich der Text befindet, sei es im Magazin drei Räume weiter oder auf einem anderen Kontinent, weil sich der tatsächliche Speicherort der Einsicht des Nutzers wie des Bibliothekars entzieht. Jeglicher Zugriff auf den OPAC erfolgt auf digitalisierte Bestände, von denen niemand mehr weiß, wo sie sich eigentlich befinden. Und diese Abstraktion vom realen Objekt emanzipiert auch von den verbliebenen Magazinern, die künftig im Müßiggang verweilen, wenn niemand mehr nach „echten“ Bücher verlangt. Das wäre das Ende der Bibliotheken und der historischen Figur des Bibliotheksdieners gleichermaßen.

Auf dem Weg zum „virtuellen Butler“?

Folgt man den Szenarien vieler Zukunftsforscher, könnten im Zuge dieser Entwicklung aber bald andere Domestiken des Wissens auftauchen: personalisierte elektronische Gehilfen, mit denen wir direkt sprechen können und die unseren Wissensdrang in jeder Hinsicht zu befriedigen verstehen – sei es bei prosaischen Angelegenheiten wie dem Preisvergleich und der Routenplanung oder bei der gezielten Recherche in elektronischen Archiven. Der subalterne Diener des Wissens wäre dann in die Figur des „virtuellen Butlers“ übergegangen. Diese Sätze bleiben freilich noch – oder weniger fortschrittsgläubig: doch – im Konjunktiv.
Mit jeder gewendeten Seite wird die künftige Tätigkeit der Bibliotheksdiener reduziert, mit jedem Blättern wird der Berg an Aufgaben ein wenig abgetragen, bis jeder Satz des jemals Gedruckten digitalisiert ist. Solange wird der Diener in den Bücherhallen noch gebraucht. Sein Dienstschluss im Realen scheint demnach nahe, zumindest theoretisch. Doch die Gefahr ist groß, dabei einer Vollständigkeitsvorstellung zu unterliegen, die nie einzulösen sein wird. Praktisch braucht der Dienst noch seine Zeit. Die Abschaffung des letzten Bibliotheksdieners wird dauern. Hoffentlich.


Der Autor ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Basel. Zuletzt erschien von ihm ein Buch über „LSD“: Lesen Schreiben Denken. Zur wissenschaftlichen Abschlussarbeit in 7 Schritten (2013)

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