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01/2014 - Österreichs digitale Schätze
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Ungelesen 30.12.2013, 10:04
Österreichs digitale Schätze

Digitalisierungsprojekte haben einen neuen Zugang zu teils versunkenen Kultur- und Wissensbeständen geschaffen: Man muss sie nur zu finden wissen.

Von Anton Tantner


Die Digitalisierung des kul*turellen Erbes schrei*tet voran; dies gilt auch in Österreich.
So haucht Austrian Books Online (ABO), die Kooperation der Österreichischen Nationalbibliothek mit der Datenkrake Google, Büchern, die seit ihrem Erscheinen vor 200 oder 300 Jahren nie mehr neu aufgelegt wurden, neues Leben ein und macht diese bequem am PC oder am eigenen tragbaren Lesegerät zugänglich – ganz gleich, ob es sich dabei um Schriften zum Vampirismus in der Habsburgermonarchie, das radikale Erzählwerk „Gabriel oder die Stiefmutter Natur“ des aufklärerischen Schriftstellers Johann Pezzl oder Eduard Rüffers his*torischen Roman „Die Jakobiner in Oesterreich“ handelt.
Auch jenseits dieser Kooperation mit Google birgt das Online-Angebot der Nationalbibliothek Schätze, zu deren Lektüre mehrere Menschenleben nicht ausreichen würden: So gibt die Theaterzettelsammlung Einblick in die Besetzungslisten längst vergessener Aufführungen an Burg sowie Oper, und an den Flugblättern aus dem Revolutionsjahr 1848 hätte nicht nur ein Eberhard Ultra, Nestroys Protagonist aus „Freiheit in Krähwinkel“ – Statur „Mittlere Barrikadenhöhe“ – seine helle, polizeiwidrige Freude gehabt.
Die unter dem Namen Ariadne zugänglichen Schriften und Dokumente aus der ersten österreichischen Frauenbewegung wiederum beinhalten unter anderem Publikationen von Rosa Mayreder und Adelheid Popp, Fundstücke wie die Zeitschrift der Telegraphenmanipulantinnen, sowie die „Pessimistischen Kardinalsätze“ der Philosophin Helene von Druskowitz, einer würdigen Vorläuferin der Radikalfeministin Valerie Solanas.

Zeitungen und Lexika

Historische Zeitungen werden an der Nationalbibliothek durch ein eigenes Projekt namens ANNO (AustriaN Newspapers Online) digitalisiert, welches Fußballfans genauso auf ihre Rechnung kommen lässt wie Habsburg-Nostalgiker und Karl Kraus-Aficionados: Erstere können in der Allgemeinen Sportzeitung vergangene Nachrichten über ihren Lieblingssport nachlesen, während die Liebhaber der Monarchie die Vaterländischen Blätter für den österreichischen Kaiserstaat zu Rate ziehen können. Auch das bevorzugte Objekt der Kraus’schen Kritik, die Neue Freie Presse steht im Volltext zur Durchsicht bereit, und wem letztere zu bürgerlich ist, sei die digitale Aufbereitung der Arbeiter-Zeitung empfohlen. Selbst Nachrichten aus noch früheren Epochen stehen zur Verfügung, so die handschriftlichen Fugger-Zeitungen (1568–1605) und das heute noch als Wiener Zeitung existierende Wienerische Diarium (online ab 1704). Selbst wenn diese Zeitungen von einst in Fraktur erschienen und damit für Texterkennungssoftware schwerer erkennbar sind als eine gestochene Antiqua, sind immer mehr davon im Volltext durchsuchbar. Manch ein Genealoge konnte damit schon die Sterbeanzeige eines weiland verblichenen Vorfahrens entdecken.
Die Fackel selbst, jenes weitgehend von Karl Kraus im Alleingang verfasste Zentralorgan von Kritik und Aufklärung wird von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zur Lektüre bereitgestellt. Dieselbe Institution verantwortet auch das „Österreichische Biographische Lexikon“, das in seiner frei zugänglichen Version die Lebensläufe bedeutender mit Österreich in Beziehung stehender Personen von 1815–1950 beinhaltet.

Digitalisierte Kirchenbücher

Noch umfassender ist da nur der berühmte „Wurzbach“, jenes 1856–1891 in nicht weniger als 60 Bänden erschienene „Biographische Lexikon des Kaiserthums Oesterreich“, das über Austrian Literature online (ALO), einem Kooperationsprojekt der Grazer und Innsbrucker Universitätsbibliothek einsehbar ist, genauso wie die sämtlichen Werke von Franz Grillparzer. Wer den „Wurzbach“ nicht in der Original-Fraktur, sondern transkribiert und im Volltext durchsuchbar konsultieren will, ist mit dem Angebot des Freiwilligenprojekts Wikisource – ein äußerst nützliches Schwesterprojekt der Wikipedia – bestens bedient und erhält vom dortigen Öster-reichportal einen Überblick über eine Vielzahl weiterer österreichspezifischer Literatur.
Von den österreichischen Landesbibliotheken ist insbesondere die Wienbibliothek sehr umtriebig; zwar betreibt sie im Vergleich zur Nationalbibliothek keine Massendigitalisierung ihrer Bestände, stellt dafür aber in ihren digitalen Sammlungen umso präziser ausgesuchte Publikationen ins Netz, darunter Quellen zum Ers*ten Weltkrieg, Reiseberichte, Topographien und Adressbücher, nicht zuletzt den heiß begehrten „Lehmann“, jenes 1859 erstmals erschienene Wiener Stadtadressbuch, eine Fundgrube für Kultur- und Wirtschaftsinteressierte sowie Familienforscher.
Speziell für letztere sind auch die zunehmend digitalisierten Kirchenbücher von Interesse. Diese verzeichnen zum Teil schon ab dem 16. Jahrhundert Taufen, Eheschließungen und Sterbefälle ihrer Gemeindemitglieder, verlangen für deren Lektüre allerdings Kenntnisse in Kurrentschrift.

Bild- und Tonarchive

Jenseits des Textuniversums stehen eine Reihe von Bild- und Tondokumenten zur Verfügung: Auf der Homepage der Österreichischen Mediathek können etwa alte Hörfunkjournale, Interviews und ganze Folgen von Günther Schifters Schellacks-Radiosendungen nachgehört werden, während das Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek Fotografien von Erich Lessing, Elfriede Mejchar und Rudolf Spiegel zur Ansicht bereit hält.
Werke der Alten Meister aus dem Kunsthistorischen Museum Wien hat das Google Art Project auf beeindruckende Weise fotografiert: Wer den Turm von Babel des Pieter Bruegel in so hochauflösender Qualität bewundern möchte, wie dies bei einem Museumsbesuch nie ohne Auslösung der Alarmanlage möglich wäre, kann selbst die feinsten Details der für den Turmbau verwendeten Holzmaschinen studieren.
Es bleibt ein Manko: Historische Landkarten aus Österreich stehen bislang noch nicht so zahlreich zur Verfügung, wie dies möglich wäre, da die hier in Frage kommenden österreichischen Institutionen deren Digitalisierung bislang unterließen. Insbesondere die Kartensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek geizt hier und bietet nur wenige ausgewählte Pläne zur Ansicht an, und diese nicht in ausreichender Auflösung. Wer hier online fündig werden möchte, muss auf Angebote außerhalb Österreichs zurückgreifen, wie zum Beispiel auf die Moravská Zemská Knihovna, die Mährische Landesbibliothek in Brno, die die Sammlung Moll beherbergt, wo eine große Anzahl his*torischer Karten und Pläne österreichischer Regionen und Städte in guter Qualität abrufbar ist. Die beeindruckende Vogelschauansicht von Wien des Joseph
Daniel von Huber, aufgenommen in den Jahren um 1770, ist wiederum für all jene, die auf den Besuch des
Wienmuseums verzichten wollen, in elektronischer Form bislang nur im Webangebot der italienischen Nationalbibliothek in Florenz zu bewundern.
Als Rückblick auf mehr als zehn Jahre Digitalisierung kann somit festgestellt werden, dass auch in Österreich Beeindruckendes erreicht wurde. Es bleibt zu hoffen, dass der Transfer der analogen Kulturgüter ins elektronische Universum weiter so vor sich geht wie bisher.


Der Autor ist Privatdozent für Neuere Geschichte an der Universität Wien. Seine Publikationen sind unter tantner.net abrufbar, sein Weblog unter adresscomptoir.twoday.net.

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