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01/2014 - „Mit dem Rücken zur Wand“
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Ungelesen , 11:13
„Mit dem Rücken zur Wand“

Ist altes, lokal verankertes Wissen vom Aussterben bedroht? Musiker Hubert von Goisern über die fruchtbare Spannung von regionaler Bindung und Weltoffenheit sowie die politische Dimension von Tradition.

Das Gespräch führte Martin Tauss


Die Auseinandersetzung mit regionaler Identität und lokalen Musiktraditionen spielt im Werk von Hubert von Goisern eine herausragende Rolle.
Ende November beteiligte sich der Musiker in St. Virgil Salzburg an einer Diskussion zum Thema „Wissenssterben“. Infolgedessen traf ihn die FURCHE zum Gespräch.

DIE FURCHE: Welchen Wert hat altes lokales Wissen in unserer technologischen Welt?
Hubert von Goisern: Wenn man lokales Wissen verliert, wird man im schlimmsten Fall völlig abhängig von der Außenwelt. Und regionale Einflüsse durch Klima, Landschaft oder natürliche Ressourcen kann man nicht einfach wegwischen durch Technologie. Ich halte die Tradition aber nicht unbedingt hoch. Der Begriff des alten tradierten Wissens wird immer so hochstilisiert. Etwas ist nicht gut, weil es alt ist, sondern es ist alt, weil es gut ist.
DIE FURCHE: Gute alte Traditionen – welche Beispiele fallen Ihnen hierzu ein?
von Goisern: Das Mähen mit der Sense etwa wird dort fortgeführt, wo es praktisch ist. Ich habe eine kleine Wiese, die ich so mähe. Mir erscheint es unsinnig, einen Rasenmäher zu kaufen, der Sprit verbraucht, stinkt und lärmt. Du bist unabhängig vom Erdölpreis, und es gibt nichts zu entsorgen. Diese Unabhängigkeit von der Versorgungslage ist mir die Anstrengung wert. In der Musik sind es die akustischen Instrumente, wo du keinerlei Steckdosen brauchst oder die Ge*sangstechnik des Jodelns ...
DIE FURCHE: Warum sind die volksmusikalischen Elemente so wichtig für Ihre Arbeit?
von Goisern: Ich spiele immer wieder auf anderen Kontinenten vor einem Publikum, das kaum oder gar keine Ahnung von Österreich hat. Wenn ich in Afrika oder Nashville oder Louisiana mit der Ziehharmonika dastehe und einen Landler spiele, fühle ich mich nicht mehr allein und angreifbar. Dann stehen Generationen von Musikern hinter mir und halten mich.
DIE FURCHE: Wie haben Sie die heimische Tradition des Jodelns für sich entdeckt?
von Goisern: Ich habe 1982 ein halbes Jahr auf den Philippinen gelebt und dort eine sehr archaische Art des Musizierens kennen gelernt. Da gab es keinen Radio, kein TV, keinen Plattenspieler – und die Leute waren ganz auf sich zurückgeworfen, wenn sie Musik machen wollten. Das hat mich sehr berührt, und ich habe mich erinnert, dass mir die musikalischen Traditionen in meiner Heimat nicht so nahe gegangen sind. Bei den Volksmusikanten habe ich immer so eine Strenge gespürt, die mir unangenehm war: Wenn der Goiserer Viergesang aufgetreten ist, hat auf der Bühne oder im Publikum nie jemand gelacht. Das wäre wie eine Störung der Messe gewesen. Ich bin mit den Beatles aufgewachsen, auch Jazzer wie Louis Armstrong und Miles Davis waren große Helden für mich. Die Traditionalisten zuhause aber haben über diese Musik geschimpft. Da dachte ich mir: Wenn ich mich mit denen einlasse, werde ich genauso engstirnig. Erst als ich nach sieben Jahren im Ausland nach Öster-
reich zurückkam, habe ich begonnen, mich mit den eigenen Wurzeln zu beschäftigen, die ich als junger Mann abgelehnt habe, da mir die Szene zu ausschließlich war.
DIE FURCHE: Ist das ausschließende Moment eine Vorbedingung, dass die Kultur in ihrer Reinheit und Ursprünglichkeit bewahrt bleibt oder muss das nicht zwingend so sein?
von Goisern: Nein. Denn ewige Ursprünglichkeit kann ja nicht das Ziel sein. Mein Ursprung ist ein anderer als der meines Vaters, obwohl wir im selben Tal aufgewachsen sind. Aber wenn es eine starke regionale Identität gibt, dann sind das Kulturen, die etwas Ausschließendes haben. Das finde ich gruselig. Andererseits bin ich davon angezogen und fasziniert, und setze mich immer wieder Situationen aus, in denen ich ausgeschlossen werde. Ich habe mich wochenlang unter den Samen, den senegalesischen Trommlern und den Tuareg bewegt, und bin immer von ihnen geschnitten worden. Ich habe mit keinem dieser Leute Freundschaft geschlossen, obwohl ich mich sehr darum bemüht habe.
DIE FURCHE: Wie ist diese Ablehnung zu erklären?
von Goisern: All diese traditionellen Kulturen, einschließlich unserer Volksmusik, empfinden sich als die letzten Glutnester. Sie stehen mit dem Rücken zur Wand und haben Angst vor Veränderung. Aber jede Kultur, die sich rigoros abschottet, ist letztlich zum Untergang verurteilt. Das kulturelle Wissen weiterzugeben und gleichzeitig eine Befruchtung, also Wandlung zuzulassen, das ist der große Spannungsboden, der meine Arbeit seit fast drei Jahrzehnten prägt.
DIE FURCHE: Traditionelle Kulturen sind zwar vom Aussterben bedroht, haben aber heute die Chance, im elektronischen Archiv des Internets irgendwie zu überleben ...
von Goisern: Es geht ja nicht darum, kulturelles Gut mit allen Mitteln zu erhalten, sondern um ständige Anpassung und Verbesserung unserer Kultur. Vertrautes gibt uns nicht nur Sicherheit. Traditionen sind Anbindung an die Vergangenheit – und da gibt es einiges, worauf ich gerne verzichte.
DIE FURCHE: Führt die Globalisierung zur Verwässerung lokaler Musiktraditionen?
von Goisern: Es besteht die Gefahr, dass aus der „Weltmusik“ eine Allerweltsmusik wird. Aber Kreativität findet ja nicht im geistigen Vakuum statt. Sie speist sich aus vielen Quellen, nie aus einer einzigen. Und gegenseitige Befruchtung gibt es von Anbeginn der Schöpfung.
DIE FURCHE: Was bedeuten die unzähligen Archive im Internet für Sie?
von Goisern: Ich finde es großartig, aber es erschlägt mich auch. Allein der musikalische Fundus auf „youtube“ ist ein Wahnsinn. Hier finde ich eigentlich alles, selbst die exotischsten Sachen. Zugleich be- und verhindert es die Phantasie, die früher mit der Suche verbunden war, weil man sofort eine scheinbar konkrete Information erhält.
DIE FURCHE: Was sagen Sie eigentlich zur neuen Bundesregierung und der Auflösung eines eigenen Wissenschaftsministeriums?
von Goisern: Ich bin fassungslos, dass ein Karlheinz Töchterle, der seine Arbeit wirklich gut gemacht hat, keinen Platz in der neuen Regierung gefunden hat. Unabhängig davon ist die Abschaffung des Wissenschaftsministeriums eine kulturpolitische Niederlage. Und Sebastian Kurz zum Außenminister zu machen, ist eine Verhöhnung dieses Amtes. Bei allem Respekt für den neuen Minister, aber da fehlt ihm die Lebenserfahrung. Spannender hätte ich es gefunden, ihn zum Unterrichtsminister zu machen. Ich verstehe auch nicht, warum die SPÖ nun zum zweiten Mal dem Junior-Partner so wichtige Ressorts wie Innen-, Aussen-, Finanz- und Justizministerium überlassen hat. Eigentlich kann es ja gar nicht so schlimm werden, wie man sich das jetzt vorstellt. Aber die Hälfte ist auch schon genug.

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