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51/2013 - Vorhöfe der Weihnacht (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 12:20
Vorhöfe der Weihnacht

Über Tradition und „langweilige Schablonen“, die Notwendigkeit des Fortschreibens von Tradition auf der Höhe der Zeit und Hans Sachs als Inspirator für Franziskus.


Von Rudolf Mitlöhner

Zählt auch „Weihnachten“ zu jenen „langweiligen Schablonen“, von denen Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ („Die Freude des Evangeliums“) spricht? Trifft auch auf Brauchtum und Traditionen, die mit diesem Fest verbunden sind, zu, dass, wie es dort heißt, „wir uns anmaßen“, darin Jesus Christus gewissermaßen „gefangen zu halten“? Franziskus hat mit diesen Gedanken jedenfalls einen Stachel ins Fleisch jedes bloßen Kultur- oder Gewohnheitschristentums gesetzt – jedes Ritual, jede Zeremonie, jede Form-Sache steht prinzipiell auf dem Prüfstand; und als einziges Kriterium – schwierig genug freilich zu entscheiden – kann gelten, ob etwas geeignet ist, den Glutkern der Religion zum Leuchten zu bringen oder ob es diesen womöglich verdunkelt.
Nun ist es aber so, und dessen ist sich gerade Franziskus, der gewiss kein heroisches Bild vom Menschen hat, dass wir ohne Schablonen nicht auskommen. So wie (zumindest in dieser Welt) Geist Materie braucht, nicht ohne Körper existiert, so benötigt jede Idee eine Form. Nicht von ungefähr sagen wir, wenn etwas konkret und lebendig wird, es materialisiert sich. Es ist also eine Funktion menschlicher Endlichkeit, dass wir auf Formsachen aller Art angewiesen sind.

„In der Gewohnheit trägem Gleise“

Dieses Wissen ist auch in den Religionen gut aufgehoben, und man kann vielleicht die katholische Kirche in besonderer Weise als Meisterin der Form bezeichnen. Solche Formsachen schaffen Kontinuität, vermitteln Sicherheit, Geborgenheit und Beheimatung. Das gilt nicht für äußere Formen (Liturgie, religiöses Brauchtum etc.), sondern auch für Narratives – Glaubenssätze, Regeln, Gebote aller Art. Franziskus will all dies nun keineswegs für obsolet erklären, wie manche befürchten (oder hoffen) mögen, aber er hat sich offensichtlich zum Ziel gesetzt, Überkommenes auf seinen Gehalt, seine Zeitgemäßheit (die nicht Zeitgeistigkeit meint), seine Zukunftsfähigkeit abzuklopfen und wieder auf den Kern zurückzuführen – was auch manche Reduktion im Wortsinn (lat. reducere = zurückführen) bedeuten kann. Ein völlig unverdächtiger Zeuge sei hier genannt: „Doch einmal im Jahre fänd ich’s weise, / daß man die Regeln selbst probier, / ob in der Gewohnheit trägem Gleise / ihr’ Kraft und Leben nicht sich verlier“, lässt Richard Wagner seinen Hans Sachs in den „Meistersingern“ vortragen. Was hier der Schusterpoet des 16. Jahrhunderts fordert, das umzusetzen schickt sich der Papst nun an (wenn auch wohl nicht „einmal im Jahre“).

Vertikale und horizontale Spannung

Es geht, wie könnte es anders sein, um das Fortschreiben des Überlieferten, des Bewahrten und Bewährten unter je heutigen Bedingungen. Diese Spannung aufrechtzuhalten, sie nicht in die eine oder andere Richtung aufzulösen, ist – was die katholische Kirche betrifft – die Aufgabe jedes Pontifikats, jedes Bischofs von Rom in Gemeinschaft mit allen anderen Bischöfen.
Und es geht, neben dieser vertikalen Spannung, noch um eine horizontale: jene zwischen Nähe und Distanz. Hier sind wir wieder bei den Schablonen. Denn sie sind, richtig verstanden, auch eine Art Haltegriffe oder Orientierungshilfen für Suchende, Fernstehende, Verunsicherte. Der Wiener Erzbischof-Koadjutor Franz Jachym († 1984) hat in einem FURCHE-Leitartikel zu Weihnachten 1953 (siehe auch „Anno dazumal“, S. 24) das schöne Bild von den „Vorhöfen der Weihnacht“ geprägt. Es bezieht sich auf den Jerusalemer Tempel, dessen Vorhof ein Ort der Begegnung von Juden und Nichtgläubigen war. Auch die Kirche braucht solche Vorhöfe (Kurienkardinal Ravasi hat ein Projekt in diesem Sinne gestartet) – Orte, an denen Kirche erleb- und spürbar wird auch für jene, die nicht zum „Allerheiligsten“, zu Weihnachten darf man auch sagen: zur Krippe, vorstoßen können oder wollen.

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