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02/2014 - Kinder nicht um Gott betrügen
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Ungelesen , 11:37
Kinder nicht um Gott betrügen

Durch Religion gewinnen Kinder Zugang zu tieferen Quellen ihres Lebens. Ein Plädoyer für tägliche Rituale – und „Graswurzelkatechese“.

Von Albert Biesinger

Jesus wurde wütend, als er sah, dass seine Jünger die Mütter, die ihre Kinder zu ihm bringen wollten, wegschickten, und befahl ihnen: „Lasset die Kinder zu mir kommen!“ Wer theologisch elementar denkt und entsprechend handelt, muss Eltern auch in religiösen Fragen unterstützen. In jeder Familie – egal ob klassische Form, „Patchwork“-Konstellation oder mit einem alleinerziehenden Elternteil – sind kreative Möglichkeiten der religiösen Unterstützung möglich. Doch leider gibt es innerhalb der Kirche nach wie vor Akteure, die nur von traditionellen Familien ausgehen.
Kinder gewinnen durch Religion und religiöse Begleitung Zugang zu tieferen Quellen ihres Lebens. Sie erfahren eine bedingungslose Anerkennung, Schutz und Geborgenheit. Sie erhalten Möglichkeiten, Gefühle und Erfahrungen zum Ausdruck zu bringen, die über den Alltag hinausweisen. Dazu brauchen sie nicht zuletzt auch eine besondere Sprache, die zum religiösen Ausdruck und zur Kommunikation über religiöse Themen geeignet ist. Und sie brauchen Eltern, die sie an diese Sprache und an religiöse Musikalität heranführen.
Kinder brauchen Zuwendung, sie brauchen Grenzen, aber eben auch Mutmacher. Kinder brauchen Eltern, die sie wie eine „Gottesberührung“ annehmen, sie fördern, in ihr Herz schließen – und sie aber auch Schritt für Schritt loslassen, hinein in ihre eigene Existenz. Zur religiösen Eltern-Kompetenz gehört es darüber hinaus, gemeinsam mit Kindern die großen Fragen des Lebens gemeinsam zu beantworten oder nach Antworten zu suchen, etwa der Frage: „Warum kommt man überhaupt auf die Welt, wenn man sowieso wieder sterben muss?“

Kindern und ihrer Theologie nachgehen

Diese Frage hat unser damals 13-jähriger Sohn Benjamin – inzwischen selbst Vater von drei Kindern – einige Wochen nach dem Tod seines Großvaters beim Abendessen formuliert, und seine Überlegung wie folgt fortgesetzt: „Wenn man am Schluss sowieso wieder in den Himmel kommt, dann kann man doch gleich bei Gott im Himmel bleiben und muss gar nicht hier vorbeikommen.“ Dieser Kindertheologie nachzugehen, um dadurch das eigene Lebenszeugnis und die eigenen Lebenszweifel beantworten zu können, gehört ebenso zur religiösen Eltern-Kompetenz.
Meine Forderung lautet: Kinder nicht um Gott betrügen! (Das gleichnamige Buch Albert Biesingers gilt seit seinem Erscheinen 1994 als Klassiker, Anm. d Red.) Damit dies keinen zusätzlichen Stress darstellt – zusätzlich zur musikalischen Früherziehung, zum Ballettunterricht oder zu Sportvereinen –, brauchen wir alltagstaugliche Modelle. Religion in der Familie hat viel mit Unterbrechung des Alltags, mit Verlangsamung unseres Lebens, mit der Erfahrung von Geborgenheit und innerer Ruhe zu tun. Wenn Eltern wahrnehmen und lernen, dass religiöse Bildung ihnen und ihren Kindern „gut tut“, dann erhält religiöse Bildung Relevanz für den Alltag.

Rituale für eine spirituelle Alltagspraxis

Es gibt viele Eltern, die mir in Gesprächen sagen: „Ohne Gott geht es nicht“ oder „Ohne Gott wäre das Leben deutlich ärmer“. Aber wie einfach religiöses Leben gestaltet werden kann, wissen sie nicht – und aus Angst, etwas falsch zu machen, lassen sie sich auf religiöse Erziehung erst gar nicht ein. Dabei sind Rituale einfach in den Alltag zu integrieren. Folgende drei Rituale erschließen Familien eine spezielle spirituelle Alltagspraxis:
Segnen: Wenn Ihr Kind morgens aus dem Haus geht, segnen Sie es. Ein Auflegen der Hand auf den Kopf oder ein Kreuzzeichen auf die Stirn mit den Worten: „Gott beschütze dich“, dazu ein kurzer Blick und die Kinder machen sich auf den Weg.
Beten: Vor dem Essen kurz innehalten, Entschleunigung, Verlangsamung. Wir reichen uns die Hände und beten gemeinsam. Werden die Kinder älter, bieten sich auch selbst formulierte Gebete an.
Tagesschau: Abends mit den Kindern am Bett sitzen und mit ihnen noch einmal den Tag durchgehen: Was war heute schön, was nicht? Unsere damals fünfjährige Tochter Ingrid sagte: „Lieber Gott, heute war es gar nicht schön. Der Moritz hat mich gehaut. Dann habe ich ihn auch gehaut. Schlaf gut, lieber Gott.“ Aus der einfachen Frage „Ingrid, wie hat dir heute der Tag gefallen?“, formulierte sie ein Klagegebet.
Ein Erfolgsrezept für gelingende Familienpastoral ist aus meiner Sicht das Modell „Erstkommunion als Familienkatechese“, das wir in Tübingen entwickelt haben. Es ist eine andere Konzeption von Katechese, die sich als „Graswurzelkatechese“ versteht und den jungen Familien Unterstützung für ihre eigene Familienkommunikation mit Gott gibt. Das dazugehörige „Familienbuch“ (s. rechts) wurde nicht nur ins Italienische, sondern auch ins Chinesische übersetzt und ist damit ein Modell für die ganze Weltkirche. In Österreich, wo es eine enge Verflechtung von Erstkommunionvorbereitung und Schulunterricht gibt, sind die Pfarren Thalgau und Seekirchen am Wallersee (beide in der Erzdiözese Salzburg) Vorreiter.
Die innere Logik dieses Zugangs kommt aus Lateinamerika (Papst Franziskus hat als Erzbischof von Buenos Aires das Modell über viele Jahre hinweg mit entwickelt und unterstützt): Eltern sind hierbei Trägerinnen und Träger der Glaubenskommunikation in der eigenen Familie. Die Kinder sollen in erster Linie nicht vom Pfarrer oder der Gemeindereferentin, sondern von den eigenen Eltern die Kraft des Evangeliums und seine Bedeutung für den Alltag erfahren. Denn so wird Glaube täglich konkret gelebt und bleibt nicht auf die sonntägliche kirchliche Sphäre begrenzt.
Konkret bekommen die Familien im Rahmen der Erstkommunionvorbereitung einen Leseplan, der die Themen des Familienbuches für die entsprechenden Wochen enthält. Parallel dazu werden diese Themen auch in den Kindergruppen behandelt. Die Mütter und Väter selbst werden zudem im Oktober und November eines Jahres zu „Elterntreffen“ in Gruppen von rund 20 bis 30 Eltern eingeladen – in vielen Gemeinden machen 50 bis 70 Prozent der Eltern mit. Bei diesen Treffen gibt es Gelegenheit, Glaubensfragen auf Erwachsenenebene zu bearbeiten: Was waren meine persönlichen Glaubenserfahrungen – positive wie negative? Wie wandelt und verwandelt sich mein Leben? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Zudem werden im Familienbuch die Themen nach dem Leseplan der nächsten vier Wochen durchgeblättert; die Eltern werden daran erinnert und können eine kurze inhaltliche Einführung zu den Themen mitnehmen.

Überforderung der Eltern?

Spätestens im Advent werden die Kinder in einem Familiengottesdienst der Gemeinde vorgestellt und beginnen das neue Kirchenjahr mit ihren Kommunionkindergruppen. In den folgenden Monaten gestalten Eltern und Kinder gemeinsam eine monatliche Sonntagseucharistiefeier auf dem Weg zur Erstkommunion. Die Gottesdienste werden so gestaltet, dass Eltern und Kinder den Aufbau und den Vollzug der liturgischen Feier erschlossen bekommen und sich selbst erschließen können. Schritt für Schritt spricht sich dies herum, und es kommen in der Regel sehr viele – selten alle.
Hinweise wie „Die Eltern können das doch gar nicht“ oder „Biesinger überfordert die Eltern“ überzeugen mich nicht. Die Eltern, die ich begleiten darf, stehen meist mitten im Leben und müssen jeden Tag einen schwierigen Job meistern. Warum unterschätzen wir sie aber mit Blick auf ihre religiöse Kompetenz? Vielmehr zeugen die zahlreichen Gespräche und Fortbildungen, die ich im vergangenen Jahr in Deutschland, Österreich und der Schweiz erlebt habe, von hoher Motivation und Innovation. Es gibt derzeit weltkirchlich einen Kairos für religiöse Elternkompetenz, für Familienkatechese, für „Graswurzelkatechese“. Nutzen wir ihn!


Der Autor ist Professor für Religionspädagogik an der kath.-theol. Fakultät der Uni Tübingen. Mitarbeit: Raphael Rauch


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