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02/2014 - Vom Umgang mit dem Sprachverlust
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Ungelesen , 11:51
Vom Umgang mit dem Sprachverlust

Religionspädagoge Martin Jäggle: Religiöse Bildung und Religionsunterricht müssen sowohl intellektuell anspruchsvoll als auch lebensbedeutsam sein.

Das Gespräch führte Otto Friedrich

Bis zum Sommer 2013 war Martin Jäggle Professor für Religionspädagogik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Für den Bildung-experten und Theologen ist die Arbeit mit Kindern eine stetige Herausforderung, weil man, so Jäggle, „Kindern nichts vormachen kann“.

DIE FURCHE: Was ist für religiöse Bildung von Kindern wesentlich?
Martin Jäggle: Bildung heißt auch für Kinder: sich mit einem Thema auseinandersetzen – ohne dass diese Auseinandersetzung abgeschlossen wird. Ich halte es entscheidend für die Qualität menschlichen Lebens, dass dies in strukturierter Form begonnen wird. Und dass der Horizont nicht zu klein ist, dass also auch Kleine sich den großen Fragen stellen dürfen. Es ist im Übrigen die schönste Herausforderung für einen Theologen, im Horizont von Kindern zu denken, weil man ihnen nichts vormachen kann. Es ist schwer, vor Kindern zu bestehen. Sie zwingen einen zum Wesentlichen. Von daher ist die Arbeit mit Kindern eine Form der Erdung: Da entsteht Neues. Wer mit Kindern arbeitet, lernt ständig, das Vertraute neu zu sagen und zu denken. Das hält auch den eigenen Glauben lebendig.
DIE FURCHE: Es ist aber auch das Interesse eines Glaubensvermittlers, die großen Fragen bei den Kindern ankommen zu lassen.
Jäggle: Ich vermeide das Wort vermitteln, denn ich „habe“ den Glauben nicht, sondern ich lebe aus dem Glauben. Diesen Horizont Kindern zugänglich zu machen, ist ein ständiges Experiment. Das Anliegen von Bildung ist, Auseinandersetzung mit dem größeren Horizont sowie Auseinandersetzung mit Fragen und auch mit Antworten für ein Kind im jeweiligen Alter und in seiner jeweiligen Lebenssituation zu ermöglichen.
DIE FURCHE: Dies bedarf aber auch der adäquaten Sprache.
Jäggle: Gesellschaft, Kirche und auch die Beziehung von Erwachsenen mit Kindern leiden an Sprachverlust. Ich arbeite gerade an einer Evaluation der Erstkommunionvorbereitung in Österreich – die Erstkommunionvorbereitung ist österreichweit das größte Bildungs-
und Sozialisationsprojekt! Es gibt Hinweise darauf, dass ihr Beitrag zum Sprachgewinn eher gering ist – und ein Versuch, Sprachformeln standardisiert vorzugeben, der scheitert.
DIE FURCHE: Ein Beispiel dazu?
Jäggle: Wenn ich sage: „Wir feiern Eucharistie“, dann ist Eucharistie ein doppeltes Fremdwort: Erstens erschließt es sich selber nicht als Wort, es ist kein Wort der Alltagssprache, zweitens ist es nicht erfahrungsgesättigt, das heißt, ein Kind kann dieses Wort nicht mit Lebenserfahrung verbinden. So muss ich überlegen: Was ist eine angemessene Sprechweise, die Kinder anregt, diese Feier auch sprachlich würdigen zu können? Wenn ein Kind in der ersten Volksschulklasse sagt: „Jesus, ja ich weiß schon, das ist der in der Kirche im Kastl eingesperrt ganz flachgedrückt ist“, dann beruht das auf der Erfahrung: Sie waren in der Kirche, der Priester öffnet den Tabernakel, zeigt die Hostie und sagt: „Das ist Jesus.“ Hier sieht man, wohin es führt, wenn man meint, in der gegenständlichen Ausdrucksweise würde ich die symbolische Wirklichkeit zugänglich machen.
DIE FURCHE: Wie müsste man es dann ausdrücken?
Jäggle: Da gibt es keine vorgefertigte Formel, weil das soziokulturelle Umfeld, innerhalb dessen gefeiert wird, sehr verschieden ist – zwischen Stadt und Land oder dem familiären Umfeld der Kinder. Insofern gibt es keine Standardsprache mehr, die ich mir aneigne, und dann gehöre ich zur katholischen Community. Sich dem zu stellen, ist für jede Gruppe zentral, die Kinder zur Erstkommunion führt.
DIE FURCHE: Und das gilt auch in der Schule …
Jäggle: Nehmen Sie die Frage: Jesus, wer ist dieser? Das Neue Testament hat dazu 40 Antworten, 40 Hoheitstitel parat. Da ist es wichtig, dass es Vorgaben gibt aus dem biblischen Schatz, aus der Dogmatik, mit denen man sich auseinandersetzt – und auf der anderen Seite, dass sich das Kind die Frage aneignet und seine Antwort findet. Das ist die Balance, die man schaffen muss.
DIE FURCHE: In der Debatte um den Religionsunterricht gab es viele Auseinandersetzungen mit „Lehramtlichen“: Die hatten Angst, dass das „Glaubensgut“ verloren geht.
Jäggle: Die Debatte begleitet den Religionsunterricht seit jeher. Wir hatten ja den „Schulversuch“ von Mitte des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts: Was erreichen wir, wenn der Religionsunterricht als Katechismusunterricht durchgeführt wird? Das brauchen wir nicht noch einmal probieren. Alle, die im Horizont des Katechismusunterrichts groß geworden sind, konnten zwar mit all diesen Begriffen jonglieren, aber der Bedeutungsgehalt, die Lebensrelevanz war sehr eingeschränkt. Es gibt gute Gründe, dass die Bibel nicht von Begriffen lebt, sondern von Bildern. Der Versuch, den Glauben zu sichern, löst das Problem der Gewissheit nicht: Verlorene Gewissheit kann nicht durch Sicherheit wiedergewonnen werden. Der Versuch, auf positive Lehre zu setzen, setzt auf Sicherheit. Natürlich war damit immer die Hoffnung verbunden, es würde schon sickern. Aber wir wissen aus allen Lebensbereichen, dass der Sickervorgang vom Kopf zum Handeln nicht stattfindet. Was haben wir alle schon gewusst Mülltrennung …! Aber erst als die Handlungsmöglichkeit existiert hat, hat sie sich durchgesetzt. Vorher hat die Norm ein schlechtes Gewissen erzeugt, weil die Umsetzungsmöglichkeit gefehlt hat. Wir sind heute in einer gesellschaftlichen Situation, in der der Legitimationsanspruch für Gläubige gestiegen ist. Es ist eine wesentliche intellektuelle Herausforderung, in einem zeitgenössischen Horizont Glauben zu begründen. Insofern ist jede religiöse Bildung intellektuell anspruchsvoll. Aber zugleich geht es in jeder religiösen Bildung um Lebensbedeutsamkeit: Religionsunterricht muss sowohl intellektuell anspruchsvoll als auch lebensbedeutsam sein.
DIE FURCHE: Wird es künftig noch konfessionellen Religionsunterricht geben?
Jäggle: Die Schule ist auch nach der österreichischen Verfassung verpflichtet, religiöse Bildung zu leisten. In welcher Form das geschieht, ist sicher offen, weil gesellschaftliche Veränderungen auch Veränderungen an der Schule bedingen. Es gibt Schulen, an denen der konfessionelle Religionsunterricht an seine Grenzen kommt, weil nur mehr ein kleinerer Teil der Schüler(innen) daran teilnimmt. Da muss man überlegen, was dann eine angemessene Struktur ist.
DIE FURCHE: Und die wäre?
Jäggle: Derzeit ist der konfessionelle Religionsunterricht der Ort, in dem strukturiert über Religion nachgedacht wird; wenn andere Formen etabliert werden, dann halte ich es für wichtig, dass das in Kooperation mit Kirchen und Religionsgesellschaften geschieht, weil sich auch die individuelle Religiosität in Auseinandersetzung mit den religiösen Traditionsbeständen entwickelt und nicht im luftleeren Raum. Individuelle Religiosität fällt ja nicht vom Himmel, sondern ist eine persönliche Auseinandersetzung mit Vorgegebenem. Von einem generellen Abschied vom konfessionellen Religionsunterricht halte ich gar nichts. Denn dessen Stärke liegt in der Konkretheit: Religion gibt es in geschichtlich konkreter Form, Religion „allgemein“ ist ein theoretisches Konstrukt. Der konfessionelle Religionsunterricht macht das deutlich; er erkennt an, dass ein Wesen von Religion Differenz und Diversität sind. Woraus sich nicht Gegensatz und Feindschaft ableiten lässt. So ermutigt der konfessionelle Religionsunterricht zu Differenz, auch zu individueller.

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