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02/2014 - Kinder staunen hartnäckig
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Ungelesen , 11:56
Kinder staunen hartnäckig

Wenn Kinder über religiöse Fragen nachdenken und reflektieren, dann ist das auch „Theologie“.

Von Elisabeth E. Schwarz

„Ist das Christkind ein Bub oder ein Mädchen?“ „Wie kann Gott hören, was wir beten? Hat er so lange Ohren, vom Himmel bis zur Erde herunter?“ „Warum hat Gott die blöden Schlangen gemacht?“ „Gibt es auch böse Engel?“
Vielleicht sind diese Kinderfragen nach Weihnachten noch im Ohr. Meist sind es Kinderfragen in Leidenschaftlichkeit gestellt, Fragen nach dem Existenziellen, nach dem Sinn des Lebens und ob man ihm trauen kann.
Kinder staunen über die Welt und ihre Ereignisse, sie zweifeln, ob alles seine Richtigkeit hat und sie sind betroffen, wenn sie plötzlich dem Leid oder der Ungerechtigkeit begegnen. Staunen, Zweifel und Betroffenheit führten schon immer Menschen ins Philosophieren und Theologisieren. Aber kleine Kinder fragen dabei mit einer Hartnäckigkeit, Unverblümtheit und Neugier. Sie fragen, um den Sinn hinter allem entdecken zu können und sie fragen, weil sie eigenständig konstruierte Antwortideen dazu erzählen oder bestätigt finden wollen.
Als die fünfjährige Hanna die Frage stellte: „Wo war ich eigentlich, bevor ich auf die Welt gekommen bin?“, da fiel mir sogleich meine religiöse Lieblingsantwort ein. Ich behielt sie bei mir und ließ Hanna von allerhand fantasievollen Spekulationen erzählen; sie wäre bei Gott gewesen als kleiner Engel oder sie wäre vielleicht doch früher ein Kätzchen gewesen oder ganz winzig klein, sodass wir sie nur nicht gesehen hätten. Der mögliche philosophische Gedanke, sie wäre einmal einfach nicht gewesen, hätte ihr Bedürfnis wohl verfehlt. Sie wollte emotionale Sicherheit und eigentlich gab sie sich diese selbst. Auf jeden Fall war Hanna schon immer da.
Solche Erfahrungen mit Kindern lassen es sinnvoll erscheinen, mit ihnen verstärkt über ihre eigenen Fragen und Ideen ins Gespräch zu treten. Das ist ein zentrales Bemühen der Kindertheologie.

Was meint der Begriff „Kindertheologie“:

Seit etwa 20 Jahren erlaubt man sich, der Argumentation des Religionspädagogen Anton Bucher aus Salzburg folgend, auch für das kindliche Nachdenken, Argumentieren und Reflektieren über religiöse Fragen den Begriff „Theologie“ zu verwenden. Daraus hat sich eine beachtliche religionspädagogische Strömung mit vielen einschlägigen Publikationen (vgl. Jahrbücher für Kindertheologie) und Empfehlungen für die Kinderpastoral entwickelt. Kindertheologie wird dabei dreifach verstanden:
• Als Theologie der Kinder untersucht sie systematisch kindliches Denken über Glaubensfragen. In empirischen Forschungssettings zeichnen Kinder z. B. die Bilder, die in ihnen entstehen, wenn sie an Gott denken. Oder sie erklären in Interviews, welche Fragen sie Jesus stellen würden, wenn sie ihm begegneten. Ältere Kinder schreiben z. B. Briefe an einen Jungen, dessen Freund gerade verstorben ist. Die ausgewerteten Daten belegen heute, wie reich die kindliche religiöse Vorstellungswelt trotz Säkularisierung ist und wie ernsthaft Kinder solche Impulse aufgreifen. Manchmal stellt man auch überrascht fest, dass Kinderglaube und Erwachsenenglaube gar nicht so weit auseinander liegen. Ziel der Kindertheologie ist aber nicht eine schnelle Angleichung beider, sondern ein Wahrnehmen und Wertschätzen kindlicher religiöser Konstruktionsprozesse.
• Als Theologie mit Kindern erarbeitet die Kindertheologie Methoden, durch die die Kinder ihrer eigenen Vorstellungen bewusster werden. Kinder entwickeln ja schon durch ihre je spezifischen Lebenserfahrungen innere Gottesvorstellungen. Wo diese Vorstellungen und Emotionen mit den äußeren kognitiven Angeboten in Einklang gebracht werden können, entstehen lebendige Gottesbilder (Ana-Maria Rizzuto). Deshalb sollen Kinder ihre eigenen Bilder zu den angebotenen Begriffen wie z. B. Nächstenliebe, Segen, Engel, Teufel, Schöpfung, Tod … hervorholen und unter einander austauschen. Begleiter/innen hören ihnen zunächst einmal neugierig und interessiert zu; sparsam setzen sie spannende Impulse oder stellen geschickte „Hebammenfragen“; sie
verwenden Techniken der sokratischen Gesprächsführung, aber auch spielerische Methoden, um den Austausch untereinander zu moderieren. Sie scheuen das eigenständige und kritische Nachdenken der Kinder in religiösen Fragen nicht, sondern halten es sogar für förderlich. Sie gehen davon aus, dass es zu den großen Fragen der Menschheit mehr als nur eine gute Antwort gibt. Im Idealfall erkennen sie dadurch, wo die Kinder gerade stehen und welche Informationen oder Ansichten aus der christlichen Tradition es bräuchte, um in der Beziehung zum Transzendenten weiter zu kommen.
• Kindertheologie als Theologie für Kinder beschäftigt sich mit notwendigen inhaltlichen theologischen Angeboten von Eltern oder Pädagog/innen. Welche sind für die Glaubensentwicklung der Kinder förderlich? Welche helfen, den Übergang vom kindlich-magischen Glauben zu einem reflektierten Erwachsenenglauben zu schaffen, ohne im Jugendalter den „Einbruchstellen des Glaubens“ endgültig zu erliegen?

Erfahrungen aus der Praxis

Seit etwa zehn Jahren begleite ich an der KPH Wien/Krems zweijährige Lehrgänge zum „Theologisieren und Philosophieren mit Kindern und Jugendlichen“, wo intensiv experimentiert wird, wie „Theologie mit Kindern“ im Unterricht gefördert werden kann.
Begleiter/innen benötigen dazu wohl eine spezifische Haltung. Sie ist gekennzeichnet:
• durch eine Kultur des Fragezeichens, an der auch die Erwachsenen Freude haben, indem sie (scheinbare!) Selbstverständlichkeiten mit unverbrauchten Augen neu ansehen (Eva Zoller);
• durch Verlangsamung und Zeit für das Denken der Kinder und ihre Phantasie und Kreativität, die durch überraschende Ideen, provokante Thesen und humorvolle Aspekte angeregt werden;
• durch Zurücktreten vom üblichen pädagogischen Habitus schnellen Antwortenlieferns.
Immer aber sollten Begleiter/innen christliche Hoffnungsbilder als Denkmöglichkeit anbieten, die der kindlichen Sehnsucht nach einer sinnvoll gefügten Welt, der man letztlich vertrauen kann, entsprechen.
Kinder lieben solche Stunden der freien kreativen Entfaltung. Mit der Zeit melden sie sich selbstbewusster zu Wort, sie hören einander besser zu. Sie entwickeln Sprachmöglichkeiten für gefühlte religiöse Zusammenhänge. Sie gestatten sich eher Fragen und beginnen zu verstehen, dass nicht auf alle Fragen Antworten gleichermaßen möglich sind. In einer Volksschulklasse fragte die Lehrerin am Ende einer kindertheologischen Stundensequenz zum Thema Tod:
Lehrerin: Ich hab noch eine Frage an alle. Stell dir vor, Gott hat jetzt zugehört, was wir uns alles überlegen und ausdenken. Was würde er jetzt dazu sagen?
S1: Das war sehr clever!
S2: Ihr seid ganz fleißig!
S3: Ich glaube, Jesus würde sagen: Nicht schlecht!
Lehrerin: Würde uns Gott verraten, was richtig ist?
S4: Nein, weil dann lernen wir nichts mehr, dann wissen wir schon alles.

Das Geheimnis Gottes besteht weiter. Die Tiefe des Geheimnisses mag durch die Kindertheologie deutlicher vor Augen treten.


Die Autorin lehrt evang. Religion an der Kirchl.-Pädag. Hochschule Wien-Krems

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