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10/2014 - Ach, das Paradies
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Ungelesen , 11:57
Ach, das Paradies

In den Grundzügen stimmen viele Vorstellungen vom Guten Leben überein. Über die Wege dorthin gehen die Meinungen indes auseinander. Dazu kommen kulturelle und soziale Differenzen.

Von Ursula Baatz


Sollten einem die sprichwörtlichen gebratenen Tauben in den Mund fliegen und man in den Ruf „Ach, hier ist es ja, das Gute Leben!“ ausbrechen – dann wäre man im Schlaraffenland. Die Sehnsucht nach einem imaginierten Ort des Guten Lebens und der Wunsch, wenigstens ein besseres Leben zu haben, gehören zu den wichtigsten historisch wirksamen Impulsen für Veränderung. Aufstände und Revolutionen, auch viele Erfindungen waren Ergebnisse dieses Wunsches. Was genau das Gute Leben ausmacht, darüber gehen die Ansichten jedoch auseinander.
Ganz sicher gehören frisches Wasser, ausreichende, gute Nahrung und Sicherheit des eigenen Lebens und der (Groß-)Familie zu den grundlegenden Bedürfnissen. Im alten Orient war es die Aufgabe der Könige, für Fruchtbarkeit und Wohlergehen der Menschen unter ihrer Herrschaft zu sorgen. Die von Wasserkanälen durchzogenen Gartenanlagen, von denen schon das bronzezeitliche Gilgamesch-Epos berichtet, dienten zunächst nicht dem Vergnügen der Elite, sondern der Samenzucht für die Anfänge der Landwirtschaft. Paradeisos nannten die Perser diese Gärten später, und daher kommt das Wort Paradies – ein mythischer Ort des ungebrochenen Guten Lebens. Der Aufenthalt und Zugang zum Paradies ist allerdings an ethische Bedingungen geknüpft – so nennt z. B. der biblische Mythos ein allgemeines Tötungsverbot, weswegen sich Tiere und Menschen im Paradies vegetarisch ernähren. In dem antiken Mythos vom „Goldenen Zeitalter“ gibt es nicht nur kein Privateigentum, sondern auch keine Rechtsprechung – weil in dieser Rückwärtsphantasie die Menschen in Einklang mit der Natur und in Frieden untereinander leben. Die Sicherung des Überlebens, Wohlergehen und ein selbstbestimmtes Leben gehören zu den Ingredienzien aller Entwürfe eines Guten Lebens.
Einen ersten und folgenreichen philosophischen Entwurf von Kriterien des Guten Lebens formuliert Aristoteles vor rund zweitausendvierhundert Jahren in seiner Nikomachischen Ethik. Aristoteles geht es um das „geglückte Leben“: eudaimonia oder Glücklichsein ist nach Aristoteles kein Zustand, sondern eine Tätigkeit, die erlernt werden kann, denn eudaimonia resultiert aus einem tugendhaften Leben. Gut ist das Leben eines Menschen, der niemals etwas „Verabscheuenswürdiges oder Minderwertiges“ tut und über einen beständigen Charakter verfügt. Allerdings ist Aristoteles Realist: Tugend allein reicht nicht, um dauerhaft glücklich zu sein, stellt er fest. Auch Freunde, Reichtum und Einfluss, sowie gute Herkunft, gute Nachkommen und Schönheit sind für ein geglücktes Leben nötig. Wer Kinder oder Freunde durch vorzeitigen Tod verliert oder sehr hässlich sei, habe es schwer mit dem Guten Leben. Als Aspiranten für die eudaimonia kamen nur freie Männer in Frage – weder Frauen noch Sklaven oder die in Athen ansässigen Fremden. Damit waren zwei Drittel der Bevölkerung ausgeschlossen.

Totalitäre Glücksversprechen

Die überwiegende Mehrheit der antiken Philosophen teilte die Ansicht des Aristoteles, dass gutes, geglücktes Leben Tugendhaftigkeit verlange, worunter die Freiheit von Leidenschaften, Selbstbeschränkung und Unerschütterlichkeit der Seele verstanden wurde. Diese Vorstellungen bestimmten auch mittelalterliche christliche Konzepte.
Ab dem 18. Jahrhundert mutierte das „geglückte Leben“ in den Ethiken der Utilitaristen zum „größtmöglichen Glück der größtmöglichen Zahl“. Kant kritisierte das utilitaristische Glückskonzept. Streben nach Glück sei ethisch nur akzeptabel, wenn es um das Glück anderer ginge. Doch die Glücksversprechen des 19. und 20. Jahrhunderts, welche Industrialisierung, aber auch totalitäre Ideologien boten, waren utilitaristisch gefärbt.
Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts stellte sich für viele Menschen in den Industriestaaten die Frage, wo denn das versprochene Gute Leben geblieben sei. Das Aufgehen der „Einkommensschere“ sowohl in den Industriestaaten als auch zwischen Nord- und Südhalbkugel, immer häufigere ökologische Unfälle und Krisen und schließlich die Wirtschaftskrise bestärkten die Suche nach neuen Orientierungen und tragfähigen ethischen Maßstäben, die global gesehen ein gutes und geglücktes Leben gewährleisten können.
Die antike Philosophie, übersetzt in die Gegenwart, bietet gute Hinweise für die individuelle Lebensgestaltung: die Befreiung von gesellschaftlichem Druck und materiellen Abhängigkeiten, die Pflege von Freundschaften und Selbsterkenntnis sind Dauerthemen. Lebenskunst wird nun als Selbstermächtigung zum Guten Leben verstanden, als Möglichkeit, in der beschleunigten Konsumgesellschaft eine bekömmliche Dosierung von Lust und Ökonomie zu finden. Wie in der Antike ist dieses Projekt eines individuellen Guten Lebens jedoch nur für den wohlhabenden Teil der Weltbevölkerung relevant.
An der Entwicklung der Länder des Südens wurde sichtbar, dass Ansteigen des Bruttonationalprodukts nicht Zunahme der individuellen Lebensqualität bedeutet, also ob beispielsweise Zugang zu einer ausreichenden Gesundheitsversorgung oder zum Bildungssystem gegeben ist. Der indische Ökonom und Nobelpreisträger Amartya Sen zeigte, dass die Befähigung von Menschen, ein Gutes Leben zu führen, entscheidend von den Möglichkeiten abhängt, die ihnen staatliche Strukturen zur Verfügung stellen. Der Human Development Index, der von dem pakistanischen Ökonomen Mahbub Ul Haq in Zusammenarbeit mit Amartya Sen entwickelt wurde und seit 1990 erhoben wird, erfasst immerhin auch Lebenserwartung und durchschnittlichen Schulbesuch. Doch sagt der Index zum Beispiel nichts über den Zugang zum Rechtssystem oder über die ökologische oder kulturelle Situation aus.

Umdenken im Gefolge der Krise

Die Philosophin Martha Nussbaum erstellte in Zusammenarbeit mit Sen eine Liste von Rahmenbedingungen für Gutes Leben. So sollte ein Staat Mindeststandards realisieren für ein lebenswertes Leben; für die Entwicklung von kognitiven und emotionalen Fähigkeiten; um gute Beziehungen zu leben usw. Wie jedoch die Einzelnen ihr Gutes Leben realisieren möchten – z. B. Bildungschancen nützen – kann gesetzlich nicht festgelegt werden. Vielfach wird das auch von den kulturellen Konventionen ihrer sozialen und religiösen Gemeinschaften bestimmt. So kommt es immer wieder zu Konflikten über gesetzliche Rahmenbedingungen und zu Konflikten zwischen jenen, die an Traditionen und kulturellen Identitäten festhalten, und jenen, die neuen Impulsen folgen. Ein starkes Beispiel ist die Debatte um die interkulturelle Geltung der Menschenrechte.
Unter dem Eindruck der Wirtschaftskrise werden auch ganz neue Wege beschritten. In Ecuador und Bolivien wurde das Gute Leben – sumak kawsay auf Quechua – durch Parlamentsbeschluss 2008 bzw. 2009 in Verfassungsrang erhoben. Vivir bien, so die spanische Übersetzung, basiert auf der Kosmovision der Andenvölker. Der Versuch, den individualistischen, räuberischen Lebensstil der westlich orientierten Eliten durch eine holistische Ethik des Guten Lebens abzulösen, scheint politisch zunächst gescheitert. Doch der globale Widerhall, den die Vision eines dekolonialisierten Guten Lebens findet, zeigt die Kraft dieser Idee.

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