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10/2014 - Gutes Leben in der Krise
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Ungelesen , 12:02
Gutes Leben in der Krise

Gehört die Krise auch zum Guten Leben? Oder sind unsere Vorstellungen von diesem in der Krise. Ein Unternehmer und eine Armutsforscherin im Disput.


Das Gespräch führte Rudolf Mitlöhner


Veit Schmid-Schmidsfelden, Geschäftsführer der Rupert Fertinger GmbH, und Michaela Moser, Vizepräsidentin des Europäischen Armutsnetzwerkes, plädieren für radikales Umdenken, setzen dabei aber durchaus unterschiedliche Akzente.


DIE FURCHE: Von welcher Krise reden wir eigentlich?
Michaela Moser: Ich glaube, man kann von vielen Krisen sprechen – je nachdem, worauf man den Blick richtet. Zuerst war die Wirtschaftskrise im Fokus, weil das halt am deutlichsten spürbar war – für eine große Zahl von Menschen. Wobei man sagen muss, dass schon davor eine soziale Krise bestanden hat. Für Menschen, die wie ich in Sozialorganisationen arbeiten bzw. Armutsforschung betreiben, war klar, dass es schon beträchtliche Krisen gegeben hat: Krisen, die einzelne Menschen betreffen, aber auch eine Krise des Zusammenlebens insgesamt. Insofern war dann die große Krise nicht mehr so überraschend. Krise hat ja etwas mit Veränderung oder Wendung zu tun, und zur Krise gehört, dass sie sich ausbreitet. Am dramatischsten ist meines Erachtens im Moment die politische bzw. demokratiepolitische Krise, die sich im Zusammenhang mit den ökonomischen und sozialen Fragen ergibt.
Veit Schmid-Schmidsfelden: Krisen breiten sich dann aus, wenn das, worum es bei der Krise dem Wortsinn nach geht – richtige Entscheidungen zu treffen – nicht wahrgenommen wird. Für mich ist diese Krise, von der wir 2008 ff. sprechen, schon neu. Finanzkrisen hat es ja immer wieder gegeben in den letzten 20 Jahren. Die aktuelle Krise ist eigentlich eine Wettbewerbskrise im Mantel einer Finanzkrise. Die Immobilienblasen, die wir sowohl in den USA als auch in Europa gehabt haben, haben dafür gesorgt, dass Lebensstandard vorgetäuscht und finanziert werden konnte. Es wurde deutlich über dem verfügbaren Netto-Einkommen konsumiert. Das gilt sehr stark für die südeuropäischen Länder wie auch für die USA. Mit dem Platzen der Immobilienblase und dem Wegfallen der Kreditfinanzierungsmöglichkeiten ist die Realwirtschaft dann auf das echte Wettbewerbsniveau zurückgefallen – und das hat dann die Krise deutlich gemacht. Wir haben in Europa und den USA schlicht und einfach an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Das muss man sehen, und die Frage ist, wie wir darauf reagieren. Wir müssen danach trachten, die Wertschöpfung in unserer Gegend, in der wir leben, sicherzustellen.
DIE FURCHE: Sehen Sie auch die von Frau Moser ansgesprochenen demokratiepolitischen Folgen der Krise?
Schmid-Schmidsfelden: Das ist sicher ein Thema, und ich gebe Ihnen recht, dass wir mit unseren Werten vorsichtig umgehen müssen. Viele haben argumentiert, dass die Soziale Marktwirtschaft insgesamt in der Krise sei. Gar gescheitert sei, wie zuvor der Kommunismus. Müller-Armack (Alfred M.-A., 1901–1978; red.) hat ganz klar in frühen Schriften darauf hingewiesen, dass die Soziale Marktwirtschaft natürlich, wie andere Wirtschaftsstile auch, von der Gesellschaft mit Werten gespeist werden müsse. Sie ist in keinster Weise in der Lage eigene Werte zu kreieren, vielmehr müssen wir Werte in die Wirtschaftsordnung hineintragen. Das aber heißt umgekehrt, dass die Wirtschaftsordnung ein Spiegelbild der Gesellschaft ist. Die Werte, die wir in der Gesellschaft nicht haben, haben wir auch in der Wirtschaft nicht.
Moser: Gut anknüpfen kann ich bei dem Gedanken, dass es eigentlich um eine Wertekrise geht. Die Frage ist: Welche Werte sind verloren gegangen, oder welche Werte waren treibend? Und das führt uns dann auch zum anderen Teil unseres Themas: Was gibt es für Vorstellungen vom Guten Leben, was treibt einzelne Menschen an, was treibt Gesellschaften an, und welche Handlungen werden entsprechend gesetzt? Mir scheint, dass in der Krisenbewältigungspolitik der letzten Jahre die Grundwerte zu wenig hinterfragt worden sind. Welche falschen Werte, denen man gefolgt ist, stecken hinter der Krise und was müsste sich prinzipiell ändern? Das Mascherl „Soziale Marktwirtschaft“ – oder wie immer man das dann auch nennt – muss inhaltlich bestimmt werden. Es ist ja nicht mehr klar, was man darunter versteht, was „sozial“ bedeutet, und wie wir eigentlich als Gesellschaft leben wollen. Da sehe ich auch den Konnex zur politischen Krise: Die Politik behandelt diese Fragen zuwenig. Es werden in der Politik überhaupt kaum mehr richtige Fragen verhandelt. Es werden irgendwelche vorgefertigten Positionen ausgetauscht, oder man versucht Kompromisse zu finden. Aber man betreibt kaum noch Politik im Sinne eines Aushandelns verschiedener Möglichkeiten mit einer Situation umzugehen. Das halte ich für das Kritischste an der Krise.
DIE FURCHE: Inwieweit zwingt uns die Krise dazu, unsere Vorstelllungen vom Guten Leben zu überdenken? Geht es um leichte Modifikationen? Oder müssen wir gewissermaßen alles neu aufsetzen?
Schmid-Schmidsfelden: Ich sehe die Krise nicht als Folge eines gescheiterten Wirtschaftssystems, aber ich glaube, dass ein drastisches Umdenken notwendig ist. Zu verniedlichen ist da nichts. Freilich, dagegen zu sein, dass es eine globale Arbeitsteilung gibt, ist zwar denkmöglich, macht aber keinen Sinn. Das ist, wie wenn ich sagen würde, ich bin dagegen, dass die Sonne aufgeht. Das ist halt so. Und ich sage jetzt aus meiner Sicht als Unternehmer, dass das gut ist, denn Länder, die noch vor kurzem auf einer niedrigen Entwicklungsstufe gewesen sind, sind heute Handelspartner auf Augenhöhe, und der Lebensstandard wird sich dort gut entwickeln können. Das ist das eine. Wenn wir aber die ökonomischen Aspekte diskutieren, dürfen wir die ethischen und sozialen nicht vernachlässigen. Dazu zählt die Sicherung der Grundbedürfnisse, gar keine Frage. Wenn man sagt, Österreich ist relativ gut aufgestellt, dann muss man sich schon vor Augen halten, dass wir 12% Armutsgefährdung haben in Österreich. Und 50% der Arbeitslosen sind Pflichtschulabgänger und 25% davon sind armutsgefährdet. Da hat die Gesellschaft die Aufgabe, Chancengleichheit herzustellen. Das ist manches in den letzten Jahrzehnten zu kurz gekommen.
Moser: Es geht auch um Teilhabe, um soziale, politische, kulturelle Teilhabe. Wie kann man da ein Mindestmaß für die gesamte Bevölkerung sicherstellen, was dann ja auch den Zusammenhalt sichert? Da ist es wichtig, nicht genau den Menschen, die eh schon sehr eingeschränkt sind, zu sagen, ihr müsst euch jetzt einschränken; sondern sich das Ganze anzuschauen und dann zu überlegen, wer sich an welchen Punkten einschränken müsste. Und da kommt man irgendwann zu den politisch nicht sehr geliebten Verteilungsfragen. Da geht es nicht um absolute Gleichmacherei, sondern um Gerechtigkeit. Und da würde ich sagen, dass Gerechtigkeit doch noch weiter geht als Chancengleichheit. Oder ich würde Chancengleichheit weiter fassen, weil es für Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen unterschiedlich einfach oder schwierig ist, Chancen auch zu nutzen. Das Bildungssystem spielt da eine irrsinnig große Rolle. Dass hier Handlungsbedarf besteht, ist völlig klar – und man versteht eigentlich nicht, warum sich da nichts ändert.
DIE FURCHE: Eine Vision vom Guten Leben für Österreich, für Europa – wie könnte die aussehen?
Moser: Die Perspektive des sozialen Zusammenhalts und ein Verständnis des Menschen als soziales Wesen halte ich für ganz wichtig. Wir dürfen in all diesen Plädoyers für Eigenverantwortung nicht aus den Augen verlieren, dass es kein Mensch alleine schafft im Leben. Wir sind von Anfang an angewiesen auf andere, und das bleibt auf unterschiedliche Weise so im ganzen Leben. Deshalb finde ich es auch wichtig, dass Menschen, die in gewissen Lebenssituationen bedürftiger sind, nicht stigmatisiert werden. Ermutigung reicht dann oft nicht mehr. Wir müssen einerseits schauen, dass möglichst wenige Menschen in diese Situation kommen; und dort, wo Menschen dann wirklich in Not geraten, muss halt noch investiert werden. Ich glaube, die Europäische Union muss da noch viel deutlicher Zeichen setzen: soziale Fragen müssen auf der Prioritätenliste viel weiter nach oben rutschen. Es heißt, man könne sich nur in guten Zeiten eine Sozialpolitik leisten. Nein, ganz im Gegenteil, gerade in Krisenzeiten darf man das Soziale nicht aus den Augen verlieren. Und ich glaube schon, dass es, sowohl was Arbeit als auch was Vermögen betrifft, einiges zu verteilen gäbe: ohne dass das in Gleichmacherei endet, dafür aber in mehr Gerechtigkeit und in mehr Lebenschancen.
Schmid-Schmidsfelden: In der Krise haben natürlich Aktionäre und Unternehmer viel verloren, viele Unternehmungen sind insolvent geworden. Wer eigentlich nicht mitgezahlt hat, jedenfalls in Österreich, waren die Transferleistungsempfänger. Transferleistungen sind ganz normal weitergelaufen, und auch die Löhne sind gleichmäßig weiter gestiegen, so dass die durchschnittliche Lohnerhöhung der letzten zehn Jahre höher als in der Periode vorher war. Dies nur als Hinweis zur Frage, was wir uns für die Sozialpolitik in der Krise leisten. Die Vision, die ich habe, ist, dass die Österreicher die europäische Chance aktiv nutzen. Denn diese europäische Integration ist eine großartige Sache. Die Menschen sollen auf Basis einer guten Ausbildung selbstbewusst, eigenverantwortlich beitragen können zur Wertschöpfung und auch zur politischen Diskussion. Dabei sind die globalen Zusammenhänge nicht aus den Augen zu verlieren. Österreich ist ein Land, in dem man Wohlstand verdienen und erarbeiten kann, welcher uns die Möglichkeit gibt, Mitbürgern in schwierigen Situationen zu helfen.

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  15:40:06 07.19.2005