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10/2014 - Leben in der Zwischenstadt
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Ungelesen , 12:06
Leben in der Zwischenstadt

Der oft unwirtliche urbane Raum am Rand der Städte und zwischen diesen hat durchaus Potenzial. Zunehmend wird er bewusst gestaltet und für ein gutes Leben im Einklang mit der Natur genutzt.

Von Jürgen H. Breuste

Die Zwischenstadt oder suburbane Landschaft beschreibt eine Siedlungsstruktur, die weder der Stadt noch dem ländlichen Raum zugeordnet werden kann. Sie ist irgendwo zwischen dem, was man als Stadt akzeptiert, und dem Land ein undefinierbares Nutzungskonglomerat mit unklarer Zuordnung und Zuständigkeit, unklaren Aufgaben und unklarer Perspektive. Ihre Grenzen sind fließend und nicht genau festgelegt. Sie besitzt weder Kern noch überschaubare Struktur. Sie scheint sich planlos zu entwickeln. Richtig ist jedoch, dass sie in vielen Plänen randlich vorkommt, in keinem jedoch als Gegenstand. Sie wird als Verstädterung und Zersiedelung des ländlichen Raumes wahrgenommen, nicht als Ergänzung der Stadt. In verschiedenen Ländern und Kulturen erfährt die Zwischenstadt unterschiedliche Ausprägungen, ist jedoch überall dort präsent, wo hohe individuelle Mobilität und Verkehrsinfrastruktur eine sporadische Verbreitung des Städtischen in ein weites Umland ermöglichen. International wird die Zwischenstadt immer noch lediglich als Zersiedelungsphänomen, nicht als eigenständige Strukturentwicklung behandelt.
Gratisleistung der Natur

Die Natur, besser Ökosysteme funktionieren, erzeugen Nutzpflanzen, Sauerstoff, kompensieren Schadstoffe, regeln den Wasserkreislauf. All dies wird heute als „Gratisleistung der Natur“ im Ökosystem-Service-Konzept zusammengefasst oder als Ökosystem-Dienstleistungen benannt. Der etwas umständlich klingende Begriff beschreibt also den vielfältigen Nutzen, den Menschen aus den Ökosystemen seiner Umgebung ziehen. Dieses Nutzens bedürfen wir für ein „gutes Leben“ ohne Zweifel. Dies sind Versorgungsleistungen (Nahrungsmittel, Rohstoffe etc.), Regulierungsleistungen (Klima, Wasserhaushalt etc.), unterstützende Leistungen (Erhalt der Lebensräume für Pflanzen und Tiere) und kulturelle Leistungen (Erholung, Naturkontakt Tourismus etc.). Er wird uns durch alle Naturarten zuteil. Dazu zählen Reste der ursprünglichen Naturlandschaft wie Wälder, Feuchtgebiete, landwirtschaftlich geprägte Kulturlandschaft mit Wiesen, Weiden, gärtnerisch gestaltetes Grün wie Parkflächen, Straßenbäume und auch spezifisch urban-industrielle Natur wie Stadtwälder und Spontanvegetation.
Die Natur der Zwischenstadt ist ein Mosaik aus diesen Naturbausteinen. Der „Mischungsprozess“ macht die Qualität der zu erwartenden Leistungen aus. Es wird versucht, ihn durch Raumplanung zu moderieren und zu steuern.
Die Nachfrage nach Ökosystem-(Natur)-Dienstleistungen in der Zwischenstadt wächst. Dies ist bedingt durch wachsende Bevölkerung mit wachsender Leistungsnachfrage dort, aber auch durch fehlende Potenziale in den urbanen Kernlandschaften (z. B. Erholungsflächen), durch veränderte Werthaltungen und z. B. den Klimawandel.
Landschaften der Zwischenstadt sind strukturell vielfältig, kleinteilig, enthalten unterschiedlich gestörte Bereiche, Reste naturnaher Landschaft und sind im Vergleich mit den agrarisch-forstlichen und den urbanen Kernlandschaften deutlich artenreicher. Dies ist nicht zuletzt auf das vielfältigere Lebensraumangebot zurückzuführen. Einheimische Fauna und Flora hat einen begrenzten Anteil am Artenreichtum. Diesen zu sichern und zu erhöhen ist ein wesentliches Ziel des Landschafts- und Naturschutzes. Das Ziel hohe Biodiversität umfasst dabei den Erhalt und Wiederherstellung von Lebensräumen einheimischer Fauna und Flora, Vernetzung von gleichartigen Lebensräumen und Erfahrbarmachung (Umweltbildung und -erziehung) von Biodiversität.
Diese Aufgabe wurde bisher und kann auch weiterhin von den agrarisch genutzten Flächen erfüllt werden. Marktorientiert wird es um eine nachfrageorientierte Agrarproduktion für eine Nahversorgung der urbanen Kernräume gehen. Der Landschaft der Zwischenstadt kann dabei als Produzent regionaler Produkte und durch umweltschonenden, biologischen Anbau und Tierhaltung wieder größere Bedeutung zukommen. Dafür muss bestimmt werden, welche Flächen am besten geeignet sind und auf welche Flächen auch zukünftig nicht verzichtet werden kann. Ob dies angesichts anderer, renditestarker Nutzungsansprüche realistisch durchsetzungsfähig ist, wird auch von der Unterstützung der „Stadtbauern“ abhängen. Die Sicherung der Flächen könnte über einen Agrarflächenpool erfolgen, der auch durch spezielle Subventionierung erhalten werden könnte. Auch Agrarflächen können Naturerfahrungsräume sein.
Der Klimawandel wird zukünftig zuerst in den Städten einen Bedarf nach besserer Klimaregulierung und -moderation auslösen. Dieser kann nur zum Teil im urbanen Kernraum realisiert werden. Die Landschaft der Zwischenstadt wird zukünftig viel stärker als bisher hinsichtlich ihrer klimaregulativen Leistungsmöglichkeiten für den urbanen Kernraum (regionalklimatischer Ausgleich) gebraucht werden. Diese Leistungspotenziale werden höher bewertet werden und (hoffentlich) zu ihrer Sicherung durch Schutz beispielsweise von Kaltluftbahnen und Kaltluftproduktionsräumen führen. Hier wird die Raumplanung durch Flächensicherung eine neue (alte) Aufgabe haben.

Naherholungsraum der Stadtbewohner

Die Erholungsfunktion kann derzeit und in der Zukunft nicht durch den urbanen Kernraum allein wahrgenommen werden. Die Landschaft der Zwischenstadt ist der wichtigste (Nah-)Erholungsraum der Stadtbevölkerung. An ihn werden vielfältige Nutzeransprüche gestellt. Seine Naturausstattung kann dabei eine wesentliche Rolle spielen. Er kann Erholung in offener Landschaft in vielfältiger Weise bieten, wenn dazu eine geeignete Infrastruktur geschaffen wird und die Naturelemente wie Wälder, Seen, Fließgewässer, aber auch abwechslungsreiche Agrarlandschaft in ihrem Bestand erhalten bleiben. Dies schließt auch die Steuerung der Besucherströme und den Schutz dieser Landschaftsteile ein. Zusätzlich bieten sie beträchtliche Potenziale als Naturerfahrungsräume mit dem besonderen Vorteil der Nähe zu den Wohngebieten in der Kernstadt, aber auch im suburbanen Raum.
Versiegelung und Flächenzerschneidung sind die beiden Prozesse, die Ökosystem-Dienstleistungen im suburbanen Raum am meisten beeinträchtigen. Sie führen zu oft großräumigen Versiegelungsflächen (Gewerbe, Industrie, aber auch Wohnen, Unterhaltung, Dienstleistung, insbesondere aber durch das Angebot von Park- und Fahrflächen für Pkw). Damit sind im Stadtumland bereits neue Wärmeinseln entstanden, die die Klimaausgleichfunktion dieses Raumes abwerten bzw. reduzieren. Dadurch sind hydrologische Funktionen und Biodiversitätsfunktion dort weitgehend beeinträchtigt oder zerstört.

Notwendiger Gestaltungswille

Das städtische Bauen prägt immer mehr die suburbane Kulturlandschaft. Auch in Zukunft kann das weitere Wachstum dieser Spezial-Ökosysteme erwartet werden. Bisher werden Faktoren, die Funktionsleistungen stark mindern, wie Größe, Konfiguration und Lage dieser Versiegelungsflächen, noch kaum beachtet. Hier gibt es ein hohes Potenzial zumindest durch größere Bebauungshöhe, optimiertes Parken, angemessene Flächenkonfiguration zur Reduzierung von Randflächen, ökologisch funktionell geplante Positionierungen und damit Minimierung von auszubauender Verkehrsinfrastruktur die ökologischen Potenziale im suburbanen Raum verstärkt zu heben. Gutes Leben mit der Natur in der Zwischenstadt ist möglich! Die Landschaft der Zwischenstadt bietet dafür viele Potenziale. Es bedarf allerdings deren Erkennung und sinnvollen planenden Regulierung. Die Landschaft der Zwischenstadt sollte nicht länger das Ergebnis von zufälligen Mischnutzungen, sondern eine gezielt gestaltete Struktur sein, in der Menschen mit der Natur leben und von ihr profitieren. Dafür bedarf es neben dem Erkennen der Werte auch des Gestaltungswillens. Eine Abkehr von der ungeliebten Zwischenstadt und eine Zuwendung zu ihrer Formung sind notwendig.


Der Autor arbeitet als Universitätsprofessor und leitet die Arbeitsgruppe Stadt- und Landschaftsökologie an der Universität Salzburg

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