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11/2014 - Freundschaft über Jahrzehnte
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Ungelesen , 12:29
Freundschaft über Jahrzehnte

Ab 1946 war Kardinal König Autor, Leser, Gesprächspartner, Impulsgeber der FURCHE. Bis zuletzt blieb er großväterlicher Freund dieser Zeitung.

Von Otto Friedrich

Es gibt auch zwischen Medium und öffentlicher Persönlichkeit geistige Nähe. Und mitunter kann daraus auch so etwas wie Freundschaft abgeleitet werden. Für die Beziehung der FURCHE zu Kardinal König, dessen Todestag sich am 13. März zum zehnten Mal jährt, gilt dies mit Fug und Recht.
Das ist beileibe keine Vereinnahmung eines Titanen an Zeitgenossen für die Eigen-PR einer Zeitung, sondern lässt sich bis zum Schluss an Gesprächen und Beiträgen aus der Feder des Kardinals belegen – das letzte Interview, das Kardinal König gegeben hat, fand wenige Tage vor seinem Tod in völliger geistiger Frische mit der FURCHE statt – das Thema: der 100. Geburtstag von Karl Rahner, den er – gegen vielerlei Widerstände und trotz eines römischen Publikationsverbots als Konzilstheologen zum II. Vatikanum mitgenommen hatte.
Der letzte Originalbeitrag aus Königs Feder stammt aus dem Dezember 2003. Damals rief der Kardinal persönlich in der Redaktion an, ob er denn in der FURCHE nicht etwas über den Jesuitentheologen Jacques Dupuis schreiben könne: Der führende Experte für den interreligiösen Dialog stand vor einer Maßregelung durch die vatikanische Glaubenskongregation, und König fand, dass man dort Dupuis Unrecht tat. Den damals 98-jährigen Kardinal drängte es, nobel, aber klar, wie es seine Art war, Widerspruch zu äußern.

Dialog auf Augenhöhe, unbändiges Interesse

In den letzten Lebensjahren war König so etwas wie ein „großväterlicher Freund“ der FURCHE geworden. Es kam des Öfteren vor, dass, wenn das Telefon läutete und der Redakteur abhob, sich „Hier Kardinal König“ am anderen Ende der Leitung meldete. Ein Artikel oder ein Buch, das ihm aufgefallen war, bildete den Anlass für ein Gespräch – oder auch eine Frage, die ihm bei einem FURCHE-Artikel gekommen war. Ein Dialog auf Augenhöhe. Und ein unbändiges Interesse des großen Altvorderen am Zeitgeschehen – bis unmittelbar vor seinem Tod. Solch geistige Offenheit, gepaart mit intellektueller Kompetenz und echter geistlicher Demut, war an Österreichs Kirchenspitze seither nicht mehr zu finden, schon gar nicht in den dunklen Jahren, in denen nach der Ära König die heimische Kirche durch konservative Bischofsernennungen auf Vordermann gebracht werden sollte.
Es mag sein, dass die zeitliche Distanz zur Person König wie zu seiner Ära als Wiener Erzbischof, die ja bereits 1985 endete, schon allzu groß ist. Aber es ist evident, dass alle, die Kardinal König noch aktiv erleben durften, in den hier kursorisch aufgezählten Eigenschaften Berührungspunkte zum gegenwärtigen Papst entdecken: Es ist, als ob man Jorge Mario Bergoglio alias Papst Franziskus und Franz König als Brüder im Geiste erlebt, wobei ersterer das wieder aufleben lässt, was man mit dem Heimgang des Letzteren verloren geglaubt hatte.
Die Beziehung von FURCHE und Franz König rührt aber schon in die Anfangszeit dieser Zeitung: Der erste Beitrag des damaligen Salzburger Theologiedozenten findet sich schon im ersten FURCHE-Jahrgang. Im März 1946 bekräftigte Franz König da die Bedeutung des Alten Testaments für das Christentum – das kurz zuvor ja die Nationalsozialisten noch als „jüdisches Buch“ in den Schmutz gezogen hatten. Der frischgebackene Bischof-Koadjutor von St. Pölten äußerte sich 1952 zum legendären Katholikentag, in dessen Vorfeld im so genannten „Mariazeller Manifest“ die bahnbrechende Formel von der „freien Kirche in der freien Gesellschaft“ geprägt worden war. Ob zur Papstwahl von Johannes XXIII. (1958) oder zum Konzilsende 1965 – immer und immer wieder schrieb König in der FURCHE. Unter den so genannten „Testimonials“ von Prominenten, mit denen die Zeitung noch 2004 warb, fand sich auch Kardinal König, der sagte, die FURCHE habe ihn „ein Leben lang begleitet.“ Bei diesem Ausspruch handelte es sich ganz und gar nicht um eine Werbe-Lüge.
Vor allem nach seiner Emeritierung als Wiener Erzbischof wuchs Kardinal König zur moralischen Instanz Österreichs heran. In der FURCHE thematisierte er da wiederholt die Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte: Es gebe nicht eine Kollektivschuld, schrieb er etwa 1998 zum 60. Jahrestag des „Anschlusses“: „Wohl aber gibt es eine Schuldgemeinschaft, eine Schuldverwobenheit. Sie anzuerkennen bedeutet aber auch eine Verpflichtung zur Solidarität der Reue, nicht nur in Worten, sondern in
der Bereitschaft zur Wiedergutmachung.“

Woher komme ich? Wohin gehe ich? …

Wieder und wieder äußerte der greise,
aber geistig so wache Kardinal in dieser Zeitung die Überzeugung, dass Religion zum Menschsein gehöre. Die Fragen „Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was ist der Sinn des Lebens?“ blieben von ihm auch in der FURCHE gestellt. Fast wortgleich finden sich diese Fragen im bahnbrechenden Konzilsdokument Nostra Aetate, in dem die katholische Kirche nach Jahrhunderten der Verdammung ihr Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen neu bestimmte.
Die persönliche Involvierung Königs beim Zustandekommen dieses Dokuments, in dem auch jedem christlichen Antijudaismus eine klare Absage erteilt wird, ist heute unbestritten.
Manches rund um Königs Heimgang vor zehn Jahren mag heute noch befremdlich klingen. Dass etwa bei seinem Requiem, das vom damaligen Kardinaldekan Joseph Ratzinger geleitet wurde und bei dem Kardinal Christoph Schönborn predigte, das II. Vatikanum nicht erwähnt wurde, mutete wie eine Geschichtsklitterung an. Kardinal König hatte wieder und wieder das Konzil als wichtigstes Ereignis seines Lebens bezeichnet. Und dass damals im Stephansdom Vertreter christlicher Kirchen in Erinnerung an die ökumenische Pionierarbeit Königs zu Wort kamen und der jüdische Freund einen Psalm rezitierte, aber kein Muslim das Wort ergreifen durfte, obwohl der Kardinal auch im Verhältnis zum Islam Bahnbrechendes geleistet hatte, wirkt auch aus heutiger
Sicht kleingeistig.
Zu Lebzeiten hätte Kardinal König dies alles wohl mit einem großmütigen Lächeln quittiert und einfach gewartet, bis der kirchliche Wind sich dreht. Vielleicht ist es ja eine letzte Botschaft Franz Königs, dass er mit einer Verschmitzheit, die ihm durchaus nicht fremd war, nun zurufen könnte: Und er dreht sich doch!

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