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11/2014 - Wenn er das noch erlebt hätte
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Ungelesen , 12:34
Wenn er das noch erlebt hätte

Was Franz König, der vor zehn Jahren verstorbene Alterzbischof von Wien, und Franziskus, seit einem Jahr Bischof von Rom, gemein haben.

Von Walter Kirchschläger

„Gott hat lebendige Menschen, nicht Strukturen erschaffen. Daher geht es letztlich immer um den Menschen“ – so Kardinal Franz König in seinem posthum veröffentlichten Buch „Offen für Gott – offen für die Welt“. Beides, das Zitat und der Buchtitel, klingen wie ein Vermächtnis. Maßgeblich geprägt durch das Konzil, hat er sein Leben dafür eingesetzt, dass die Kirche auf der Grundlage solcher Leitsätze das Evangelium von Jesus Christus verkündet. Sie muss sich zu allererst den Menschen zuwenden und diesen noch vor dem Festhalten an normativen und doktrinären Vorgaben ihre Aufmerksamkeit schenken. Deshalb darf sie sich nicht nur Gott gegenüber offen erweisen, sondern zugleich gegenüber den Menschen, die „in dieser Welt von heute“ leben, um so deren „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst“ ernst zu nehmen.
Solche Formulierungen und Folgerungen sind in den letzten Monaten ähnlich, teilweise fast wörtlich, aus Rom zu hören. Auf den Tag neun Jahre nach dem Tod von Franz König wurde Jorge Mario Bergoglio zum Bischof von Rom gewählt, sodass nicht nur ein zehnter Todestag zu bedenken ist, sondern auch das erste Jahr der Tätigkeit von Bischof Franziskus von Rom in den Blick kommt. Da fällt nicht nur die Koinzidenz des Datums auf. Die Verbindungslinien zwischen beiden Persönlichkeiten sind weit tiefgreifender.

Das Konzil als Bezugspunkt

Das II. Vatikanische Konzil erweist sich für eine entsprechende Spurensuche als der entscheidende Referenzpunkt. König hat es miterlebt und mitgestaltet, Bischof Franziskus erkennt darin eine Dynamik, die einen neuen Zugang zum Evangelium, seine „Relektüre“ im Heute, auslöst. Dieser Prozess ist aus seiner Sicht „absolut unumkehrbar“. Von dieser Dynamik hat Johannes XXIII. in seiner Eröffnungsrede zum Konzil gesprochen. Sie ist unverzichtbar für eine Kirche, die sich auf dem Konzil und jetzt wieder als Volk Gottes versteht, das unterwegs ist.
Die methodische Ungeduld, die zum Aufbruch mahnt ist charakteristisch: zur Umsetzung der Konzilsdokumente schon seinerzeit und zum Aufbruch in die Welt heute. „Camminare“ – sich auf den Weg machen: Dies hat Bischof Franziskus den Kardinälen am Beginn seiner Tätigkeit in Rom als erste Maxime mitgegeben und mit einem „cari fratelli, forza“ unterstrichen. Ermutigung zum Aufbruch – in der Erzdiözese, in den Pfarrgemeinden – das war der unermüdliche Weckruf des Erzbischofs von Wien nach dem Konzil. Weder dem einen noch dem anderen Kirchenmann ist dabei an Aktivismus gelegen, sondern an der lebendigen Bezeugung des Christusglaubens in unserer Welt.
Ihre Beziehung zur Welt können beide miteinander teilen. Da ist das Ernstnehmen der Vielfalt, der Multikulturalität und Multikontinentalität, die Pluralität der Weltanschauungen mit eingeschlossen. Da ist die gemeinsame, fast ehrfürchtige Zurückhaltung vor der Annahme oder auch nur Behauptung, irgendjemand – und sei es selbst die katholische Kirche – verfüge über die ganze Wahrheit und habe sie daher selbstbewusst zu verwalten. Was Franz König und Bischof Franziskus eher verbindet, ist jener Respekt vor dem Wahrheitswissen Andersdenkender, der erst ein Gespräch mit diesen Menschen ermöglicht. Es mag unterschiedlich geführt werden. Grundlegend ist der gemeinsame Ansatz.
Dieser Ansatz wird auch im Gespräch mit den anderen christlichen Kirchen und ebenso mit den Religionen fruchtbar gemacht. Für alle Stoßrichtungen der Ökumene liegen auf Wiener Boden maßgebliche Vorarbeiten vor. Umso erfreulicher ist es, dass erstmals nach längerer Zeit die Formel „Vorsitz in Liebe“ von Bischof Franziskus wieder ins Spiel gebracht wurde.
All dies ereignet sich in der nach Ort und Zeit, nach Kultur und Lebensweise verschiedenen „Welt von heute“. Franz König nimmt von Johannes XXIII. den methodischen Leitbegriff Aggiornamento auf und verbindet ihn mit dem Postulat der Hör- und Sehfähigkeit der Kirche gegenüber der Welt, damit sie darin handlungsfähig werde. Auch Bischof Franziskus spricht konsequent von dieser unverzichtbaren Verheutigung der Kirche: Um in dieser Weltgegenwart authentisch leben und die Christusbotschaft bezeugen zu können, bedarf es einer wachen Reflexion über den „Ort“ der Kirche in der Gesellschaft.

Verkrustung der Struktur erkannt

Dieser Platz der Kirche sei „am Rande der Gesellschaft“, hält Bischof Franziskus unumwunden fest und fügt hinzu, dass dies nicht geografisch gemeint sei. Der Weg der Kirche führe vielmehr zu den Marginalisierten, den Notleidenden, zu den Armen. Schon auf dem Konzil war die grundlegende Option für die Armen als Lebensweg der Kirche ein Thema. Im so genannten „Katakombenpakt“ verpflichteten sich 1965 Bischöfe dazu, diese Ausrichtung der Kirche auch für sich selbst nicht aus dem Auge zu verlieren.
König wird eine große Nähe zu dieser Selbstverpflichtung nachgesagt. Im Laufe seiner bischöflichen Tätigkeit hat er immer mehr die „Verkrustung“ einer Kirchenstruktur erkannt, die Merkmale ziviler Leitungsmodelle angenommen hatte, und auf die Diskrepanz zum Evangelium hingewiesen. Buchstäblich bis zu seinem Tod hat er darüber nachgedacht, wie die seit der konstantinischen Wende bestehende Verbindung zu gesellschaftlicher und politischer Macht überwunden werden könne. Denn die Kirche muss sich am Beispiel Jesu von Nazaret orientieren, sodass also die Grundhaltung des Dienstes als Leitungsprinzip gelebt wird und die Armen Praxis und Theologie der Kirche prägen. Und wiederum fällt auf: Bischof Franziskus hat in den letzten zwölf Monaten die Kirche dazu angeleitet, diese ihre Grundoption erneut deutlicher wahrzunehmen. An seinem Wort und in seinem Handeln ist diese Option ablesbar.
Dort wie da ist dieser Weg mit und zu den Menschen nicht selbstverständlich. In einem un-heiligen Vorgang wurde 1986 mit der Nachfolge von König durch Johannes Paul II. eine Kurskorrektur vorgenommen. Heute fällt auf, wie anlässlich der Übernahme des Leitungsdienstes durch Bischof Franziskus da und dort Kontinuität überaus intensiv herbeigeredet wird – der Wunsch als Vater des Gedankens.
Den Satz von Bischof Franziskus, dass der Geist als Paraklet „der einzige Protagonist in der Kirche“ ist, hätte Franz König vorbehaltlos unterschrieben. Deswegen konnte er den Rat des Gamaliel (Apg 5,38f: Man solle Gegner gewähren lassen, denn wenn es Menschenwerk sei, werde es vergehen, stamme es aber von Gott, könne man es nicht vernichten, Anm.) zu seiner Handlungsmaxime machen, deswegen stimmt er mit Bischof Franziskus überein, dass Angst in der Kirchenleitung fehl am Platz ist, weil sie letztlich einen Glaubensmangel offenlegt.

Angst ist fehl am Platz

Natürlich will mit all dem Gesagten nicht angedeutet werden, Bischof Franziskus habe sich Franz König zum Vorbild genommen. Dafür kannten sie einander, wenn überhaupt, zu wenig. Aber es wird der beglückende Eindruck bekräftigt, dass Rom seit einem Jahr einen Bischof hat, der eine erfreuliche und auffallende Kongenialität mit dem verstorbenen Erzbischof von Wien aufweist. Die merkwürdige Koinzidenz von Sterbetag und Wahltag ist natürlich dafür nicht verantwortlich. Sie bietet jedoch die Gelegenheit, auf die spirituelle und theologische Nähe dieser beiden Persönlichkeiten aufmerksam zu machen.


Der Autor, em. Neutestamentler an der Uni Luzern, war von 1970 bis 1973 Sekretär Kardinal Königs

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  19:00:00 07.17.2005