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11/2014 - „Im Zuhören, Begleiten, Umarmen helfen“
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Ungelesen , 12:40
„Im Zuhören, Begleiten, Umarmen helfen“

22 Jahre Aufbau-Arbeit in einem vergessenen Land: Für ihren Einsatz in Albanien wird der unermüdlichen Steirerin Marianne Graf der diesjährige Kardinal-König-Preis verliehen. Geplant hat sie kein einziges ihrer unzähligen Projekte – über die ist sie „einfach gestolpert“.

Das Gespräch führte Anna Maria Steiner


Seit 1992 zeichnet die Kardinal-König-Stiftung Persönlichkeiten aus Gesellschaft, Wissenschaft, Religion, die sich für eine gerechtere Welt engagieren, aus. Am 13. März, dem 10. Todestag des Kardinals, erhält die 63-jährige Pädagogin und Sozialmanagerin Marianne Graf den diesjährigen Kardinal-König-Preis. Graf hat gemeinsam mit ihrem Mann ab 1992 ein beeindruckendes Netzwerk für Menschen, insbesondere in Albanien, aufgebaut. Der Grazer Bischof Egon Kapellari, der der Kardinal-König-Stiftung vorsteht, meinte, Grafs Einsatz für Albanien entspreche dem Denken Kardinal Königs. Der Wiener Alterzbischof war 1991 als einer der ersten Kirchenverantwortlichen in das „lange vergessene Land an der Adria“ gereist.

DIE FURCHE: Frau Graf, vor gut zwei Jahrzehnten haben Sie gemeinsam mit Ihrem Mann die Hilfsorganisation „Austria-Albania Partnerschaft“ gegründet. Wie kam es, dass Sie gerade in diesem Land aktiv sind?
Marianne Graf: Das war, würde ich heute sagen, Fügung. Ende 1991 erhielt ich einen Anruf, bei dem es um ein Albanien-Projekt ging. Ich unterbrach gleich und entgegnete, dass das eine Fehlinformation sei und ich mich nicht für ein solches Projekt gemeldet hätte. Letztendlich habe ich mich doch auf den Weg gemacht.
DIE FURCHE: Sie sind also gleich losgefahren Richtung Balkan-Halb-insel?
Graf: Im ersten Moment wehrte ich ab – letztendlich bin ich doch in Albanien gelandet. Mein Mann und ich waren vorher schon in vielen Weltgegenden unterwegs – nicht touristisch, sondern an heftigen Plätzen wie in indischen Leprastationen. Weltpolitisch interessiert war ich schon immer und habe deshalb auch zwei Hochschullehrgänge abgeschlossen – einen für Entwicklungspolitik und einen für Weltwirtschaft. Vielleicht kam dieser Anruf deshalb, weil ich zum damaligen Zeitpunkt stark in der Erwachsenenbildung und in der Lehrerfortbildung tätig war. Wer mich damals angerufen hat, weiß ich aber bis heute nicht.
DIE FURCHE: Was fanden Sie in Albanien vor?
Graf: Als begeisterte Pädagogin war ich vor allem vom Zustand des Bildungswesens erschüttert. Ein Volk ohne Bildung hat keine Zukunft. Deshalb war mein Ansinnen, Schulen wieder zu errichten, damit die Kinder und Lehrer in menschenwürdigen Umständen lernen und lehren können.
DIE FURCHE: Es blieb nicht bei Schulen …
Graf: Ja. Je besser ich das Land kennengelernt habe, umso mehr Facetten der Hilfeleistungen haben sich aufgetan. Erschütternde Erfahrungen vor Ort haben dazu geführt, dass ich später in die Gesundheitsfürsorge hineingegangen bin, und dann auch Brücken und Brunnen gebaut habe. Als wir beispielsweise nahe der Stadt Fier eine Schule gebaut haben, bin ich mit dem unglaublich bitterkalten Winter Nordalbaniens in Berührung gekommen. Ich dachte mir, mit der Errichtung einer Schule sei es hier nicht getan. Damals fiel meine Entscheidung, dass ich in Albanien nicht „hier und da“ helfen konnte, sondern ganz bei der Sache sein würde.
DIE FURCHE: Die Liste Ihrer Projekte ist lang: 20 Schulen, 15 Kindergärten, 22 medizinische Versorgungsstellen, 33 Sozialbauten, 170 Hilfs*einsätze in Albanien, 65 auch im Kosovo, der Bau von 465 Häusern und die Weitergabe von 33.000 Hilfspaketen. Wie haben Sie das alles geschafft?
Graf: Mir geht es unglaublich gut. Und ich habe die Möglichkeit, gewaltig zu helfen. Was hinzukommt, ist, dass ich viele Begabungen mitbekommen habe, die ich nur abzurufen brauche. Viele Einsätze gehen unglaublich sparsam vonstatten. Oft brauche ich gar keine Experten hinzuziehen. Indem ich etwas vom Bauen verstehe, vom Aufforsten und von anderen Dingen, wird vieles leichter. Mir wird außerdem nachgesagt, dass ich vordenken kann, das heißt, dass ich Auswirkungen meines Handelns und des Handelns anderer überschauen kann. Bei jedem nächsten Schritt bin ich über die nächste Sache gestolpert …
DIE FURCHE: Sind Sie auch bei Ihren Frauen-Projekten darüber „gestolpert“?
Graf: Ja. Eine bewusste Frauen- und Mädchenförderung hatte ich nicht angedacht. Einmal habe ich in einer Poliklinik, die ich aufgebaut habe, mitbekommen, wie unter größten Schwierigkeiten ein Mädchen zur Welt kam. Als die Verwandten das Neugeborene besuchten, hörte ich plötzlich lautstarkes, hysterisches Weinen. Ich dachte, das Kind sei verstorben und stürzte ins Zimmer. Dort aber fand ich die Verwandten darüber wehklagen, dass es ein Mädchen war. Ich ließ ein Donnerwetter los und erstickte damit alle Tränen. In diesem Moment wusste ich, dass ich auch mit Mädchen- und Frauenförderung beginnen musste.
DIE FURCHE: Wie sehen die Projekte aus?
Graf: Ich will keine Prestigeprojekte aufbauen, sondern stabilen, landesüblichen Standard schaffen. Nachhaltigkeit ist ein missbrauchtes Wort. Aber sie ist mir sehr wichtig. Bei den Schulen, die ich errichtet habe, hätte die Anzahl der Quadratmeter eigentlich doppelt so groß sein müssen. Wissend, dass die Kinderanzahl in einem Land, dem es zusehends besser geht, abnimmt, habe ich die Schulen kleiner bauen lassen. Die Objekte sollen später nicht halb leer stehen. Bei zwei Schulen ist meine Rechnung schon aufgegangen – es wird dort nicht mehr am Vor- und Nachmittag unterrichtet, sondern aufgrund der sinkenden Geburtenrate nur mehr am Vormittag. Ich baue eher kleiner als größer. Außerdem steht kein Projekt isoliert da. Ich denke da an ein größeres Dorf, wo wir eine Schule errichtet haben. Das erste ist natürlich einmal die Schule. Bildung ist natürlich wichtig. Aber ebenso wichtig ist es, Alte und chronisch Kranke zu versorgen. Wichtig ist, in der Peripherie zu arbeiten, dort Strukturen zu legen, damit die Menschen dort nicht abwandern müssen.
DIE FURCHE: Die Liste auf der Austria-Albania-Homepage mit den Namen der Unterstützerinnen und Unterstützer ist lang. Wie wird Ihre Arbeit, abgesehen von der finanziellen Hilfe, unterstützt?
Graf: Aus allem Geld zu machen – das waren die Anfänge. Zu Beginn haben wir Gartenfrüchte eingekocht und auf Grazer Märkten verkauft. Als die Medien von mir gehört haben, hat sich eine Spenderfamilie zusammengefunden. Die für mich berührendste Hilfe kommt von einer pensionierten Magd aus Fischbach. Diese Frau bekommt nicht einmal die Mindestpension, spendet aber monatlich einen sehr hohen Betrag. Als ich ihr sagte, dass sie sich doch auch etwas gönnen solle, meinte sie: „Meine Kindheit war furchtbar, und jetzt bin ich in der Situation, helfen zu können.“ In Albanien ist mein Name mittlerweile ein Selbstläufer: Ein Mitarbeiter von Renovabis etwa, dem Ost-Hilfswerk der katholischen Kirche Deutschlands, hat in Albanien von mir gehört und rief mich eines Tages an mit den Worten, ich dürfe mich melden, wenn ich einmal etwas brauche.
DIE FURCHE: Gab es auch Schwierigkeiten?
Graf: Das größte Problem war, dass Albanien nicht gehört wurde. Der Beginn meiner Albanien-Aktivitäten hat sich nämlich mit den Ereignissen in Ex-Jugoslawien überschnitten. Der Umsturz in Albanien ist zwar unblutig verlaufen, aber die Jahrzehnte in der großen Isolation haben bei den Albanerinnen und Albanern ein Bündel an Defiziten entstehen lassen. Das Wichtigste ist, den Menschen in den Mittelpunkt zu rücken und seine Würde wiederherzustellen. Das passiert im Zuhören, Begleiten, Umarmen.
DIE FURCHE: … und warum, um auf die eingangs gestellte Frage nochmals zurückzukommen, genau in Albanien?
Graf: Nirgendwo auf der Welt hatte ich das Gefühl, wirken zu müssen – ich habe kein Helfersyndrom. In Albanien hingegen hat schon der erste Tag „gewirkt“. Von der Armut dort war ich schlichtweg erschüttert. Und ich habe mir sofort gesagt: „Ich muss alle meine Fäden aufnehmen, um Hilfe zu erwirken.“ Dieses Land liegt nur eineinhalb Flugstunden von uns entfernt – mitten in Europa. Dass Menschen in so einer Dramatik leben müssen – das kann sich Europa meiner Meinung nach einfach nicht leisten.

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