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10/2014 - Geisterstunde auf der Krim (Oliver Tanzer)
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Ungelesen , 12:19
Geisterstunde auf der Krim

Von Oliver Tanzer



Geschichte besteht nicht immer nur aus einer Abfolge von Tatsachen. Sie besteht auch aus Gespenstern und Zombies, aus Wiedergängern toter Zeiten, die die Welt erschrecken. Wir sehen eines dieser untoten Phänomene auf den Straßen der Halbinsel Krim in der Ukraine patrouillieren. Es trägt keine Hoheitsabzeichen, dafür schwarze Masken und hantiert mit Sturmgewehren. Es trägt keine Hoheitsabzeichen, ist ein Abgesandter einer anonymen Macht auf Mission in einem souveränen Land. Ein Aggressor, der sich nicht mehr ausweist, seine Motive nicht erklärt, und selbst in seiner Bedrohlichkeit schemenhaft und ausdruckslos bleibt.
Es ist eine neue Form der Politik, die da Einzug in Europa hält. Sie schert sich nicht um das Völkerrecht oder um die Einhaltung internationaler Verträge. Diese Politik genügt sich selbst in anonymer Erfüllung ihrer Aggression, in der Erpressung von Zugeständnissen und im Beutemachen.

Der Herr der Geister

Alle wissen, dass der Herr der Truppen, die seit vergangener Woche die Krim besetzen, Wladimir Putin ist. Ein Staatsmann, der in Pressekonferenzen ausführlich über „lokale Selbstverteidigungskräfte“ der russischen Bevölkerung auf der Krim doziert, die sich ihre Ausrüstung (Uniformen, Sturm- und Maschinengewehre, Einsatzfahrzeuge mit russischen Kennzeichen) in „Military Shops“ angeschafft hätten. Ein Präsident, der auch gerne die Folgeschäden thematisiert – nicht seiner eigenen Aktionen, sondern jene, die Sanktionen gegen Russland auslösen könnten. Schließlich sei ja auf der Welt jeder mit jedem verflochten.
Viel wird dieser Tage von der Rückkehr des Kalten Krieges gesprochen. Aber dieser neue Krieg ist weitaus gefährlicher als der alte: Hinter ihm steht nicht ein Duell der Ideologien, sondern einzig der krankhafte Narzissmus eines Einzelnen.
Was tun, um die Gespenster zu vertreiben? Warum nicht Putins Gedanken für die Welt auf ihn selbst anwenden? Denn es stimmt ja tatsächlich, dass in der Welt alle voneinander abhängig sind. Nur ist die Welt weniger von Russland abhängig als Russland von der Welt. Man sollte diese einfache quantitative Schussfolgerung mit Leben und Sanktionen erfüllen, bis die Besetzung von ukrainischen Staatsgebiet nach Conquistadorenart beendet ist. Die Erfolgsaussichten dafür sind nicht so schlecht. Denn Putin ist wahrlich nicht der starke Mann, der er zu sein vorgibt.

Den Sprung in die Moderne verpasst

An der Oberfläche exerziert er zwar seine Lieblingsstrategie, die „Vertikale der Macht“. Doch Putins Regime ist angeschlagen, weil es unter seiner Herrschaft den Sprung in die Moderne verpasst hat - politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich. Nicht umsonst benutzt der Präsident das politische Operationsbesteck der 1970er-Jahre: Propaganda, Unterdrückung und Krieg.
Während die russische Zivilgesellschaft an politischen Erstickungsanfällen leidet, ist die Wirtschaft durch Korrup-
tion gefesselt. Die Exporte schrumpfen, die stagnierenden Ölpreise schmälern die Haupteinnahmequelle des Staates. Ökonomisch gesehen steht Russland am Rand einer „schweren Inflation“: Der Rubel entwertete im vergangenen Jahr um mehr als zwölf Prozent, das war das Doppelte der Warenpreisinflation. Das spricht nicht für Stabilität und Stärke, sondern für eine ausgewachsene Krise. Die Kriegsdrohung auf der Krim wirkt dabei wie ein zusätzlicher Brandbeschleuniger – auch das ein Zeichen für das bescheidene Know-how des Regimes.
Indem er alle diese Gefahren leugnet und verdrängt, macht sich Wladimir Putin selbst zum Problem. Die Krim-Invasion ist auch die Entlarvung seines scheiternden Systems. Die Soldaten von Sewastopol und Semferopol gehorchen einer politischen Strategie, die vor mehr als 20 Jahren gemeinsam mit der UdSSR auf der „Müllhalde der Geschichte“ landete. Was liegt denn näher, das gleiche mit einem Präsidenten zu tun, der das bis heute nicht begriffen hat?

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