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12/2014 - Neuer Minister, alte Baustellen
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Ungelesen , 10:31
Neuer Minister, alte Baustellen

Über Kulturminister Josef Ostermayer, der sich als bekennender Film-Fan gibt, ist die heimische Filmbranche glücklich. Doch die Aufgaben, die auf ihn warten, sind kein Spaziergang.

Von Matthias Greuling

Um ein Haar hätte Josef Ostermayer die Gelegenheit verstreichen lassen müssen, uns seine Visionen der künftigen Filmpolitik des Landes zu erläutern: Denn die vergangene Woche war für den Neo-Minis-
ter nicht gerade einfach; die Causa Burgtheater nahm (und nimmt) ihn sehr in Beschlag. Doch kurz vor Redaktionsschluss beantwortete der bekennende Film-Fan Ostermayer dann doch noch die Fragen der FURCHE zum Thema österreichischer Film.
Ostermayer ist ein so genannter „Superminister“, und zwar in zweierlei Hinsicht: Politisch nennt man Leute wie Ostermayer „super“, wenn sie mehrere Ressorts in ihrem Ministerium vereinen. In diesem Fall also Kunst und Kultur, Verfassung und den öffentlichen Dienst, d. h. die Beamten. Als „Superminister“ empfindet ihn aber offenbar auch die Mehrheit der österreichischen Filmbranche, die ihn mit viel Vorschusslorbeeren bedachte. Er sei ein Filmauskenner, ein leidenschaftlicher Kinogeher, einer, der Handschlagqualität habe, hieß es in der Branche.

Filmschaffen neu wahrgenommen

Dem Vorab-Jubel wird Ostermayer in den nächsten Monaten allerdings erst gerecht werden müssen. Immerhin gibt es Signale, dass sich der Umgang mit dem Thema Kultur, aber insbesondere mit Film in eine ganz neue Richtung bewegen wird: Schon bevor er am 1. März offiziell ins Amt kam, gab der designierte Minister Ende Februar im Bundeskanzleramt einen Empfang für die österreichischen Teilnehmer der 64. Berlinale. Ostermayer, der selbst zur Berlinale-Premiere des österreichischen Wettbewerbsbeitrags „Macondo“ nach Berlin gereist war und auch der Vorführung von „Das finstere Tal“ im renovierten Zoo-Palast beiwohnte, stellte damit die Praxis vergangener Jahre ein bisschen auf den Kopf: Filmemacher wie Michael Haneke, Ulrich Seidl oder Götz Spielmann mussten erst die größten internationalen Filmpreise abräumen, bevor sie das offizielle Österreich politisch würdigte. Ostermayer schüttelte nun jedem der Berlinale-Filmemacher stolz die Hand, auch, wenn am Ende keiner einen Preis gewonnen hat. Das Motto nach Oscar, Palmen und Bären lautet nun: Dabeisein ist alles.
Für Ostermayer ein wichtiges Signal an die Branche, denn: „Ich freue mich sehr, dass heimische Produktionen auch international so anerkannt und geschätzt sind. Die Herausforderungen der nächsten Jahre werden sein, diesen Weg erfolgreich weiter zu gehen und trotz der wirtschaftlich angespannten Situation, so gut es geht dazu beizutragen, eine hohe Anzahl österreichischer Filme zu ermöglichen“, so Ostermayer zur FURCHE. Und spricht damit gleich mehrere zentrale Punkte an, über die er seine Zeit als Kulturminister definiert sehen will: Denn Tatsache ist, dass sich mit Ostermayers Angelobung zwar der Stil und womöglich auch der gegenseitige Umgang mit der Branche geändert haben, die Probleme und Herausforderungen aber bleiben dieselben, mit denen sich schon Vorgängerin Claudia Schmied herumschlagen musste.
Trotz insgesamt gestiegener Fördermittel ist die Filmbranche ein im Vergleich zu Theater oder Musik noch immer darbender Zweig, und das, obwohl Film die teuerste aller Künste ist. Ostermayer muss sich in Sparzeiten nach der Decke strecken: „2013 wurde das Budget des Österreichischen Filminstituts (ÖFI) auf 20 Millionen Euro angehoben“, meint Ostermayer. „Noch vor dem Sommer möchte ich gesetzlich verankern, dass das Film-Fernsehabkommen, das der ORF noch vor wenigen Wochen kürzen wollte, in der vollen Höhe von acht Millionen Euro weiter besteht. Darüber hinaus bin ich für alle Ideen, die die Bedingungen der österreichischen Filmemacher verbessern, offen“. Also etwa steuerliche Anreize für Investoren oder der berühmte britische „Lottoschilling“, der dort das Filmbudget nährt? Das sind Ideen, die schon lange in den Schubladen der Kreativen liegen.

Staatliches Engagement hat Zenit erreicht


Auch, weil man weiß, dass das staatliche Engagement im Filmbereich den (zumindest finan*ziellen) Zenit erreicht hat, wie Ostermayer bestätigt: „Mehr Geld wird es in den nächsten zwei Jahren nicht geben. Ich habe es geschafft, dass der Kunst- und Kulturbereich als einziges Ressort heuer keine Kürzungen hinnehmen musste, solange wir uns nach wie vor in einer Krise befinden, wird es allerdings auch nicht mehr geben“.
Dafür Pläne, wie man über andere Wege zu Geld kommt: Eine Nachfolgeregelung für die Leerkassettenvergütung ist derzeit in Arbeit, damit Urheber so rasch wie möglich zu einer Abgeltung ihrer Werke gelangen. „Die Festplattenabgabe soll dafür sorgen, dass geistige Leistung entsprechend entlohnt wird. Alles andere hieße auf ein Mäzenatentum à la Medici zu vertrauen. Das wollen wir nicht“, so Ostermayer.
Doch Geld allein ist bei weitem nicht alles, was die österreichische Filmwirtschaft braucht. Die Rahmenbedingungen sind nicht die besten – am Rosenhügel sperren bald die Studios der „Filmstadt Wien“ für immer zu und werden großteils zu Wohnungen umgebaut – bis auf die denkmalgeschützte Halle 6. Die Infrastruktur für Kino*filme schrumpft damit beträchtlich. Die Ausweichmöglichkeit ins Media Quarter Marx war einst beschlossene Sache – doch nach dem ORF-Verbleib am Küniglberg wäre dafür ein Studio-Neubau nötig. Hinter vorgehaltener Hand erzählt man sich von einem eventuellen Studio-Bau irgendwo in Niederösterreich, denn der dortige Landeshauptmann Erwin Pröll outete sich kürzlich als Filmfreund: Er holte die Verleihung des Österreichischen Filmpreises im Jänner erstmals aus Wien nach Grafenegg.

Auch Erwin Pröll outete sich als Filmfreund


Im Bund wird indes auch bei der Wirtschaftsfilmförderung FISA nachgebessert. Ostermayer: „Seit 2010 gibt es diese Förderung, die den Filmstandort Österreich stärken soll. Diese Richtlinien wurden jetzt adaptiert, mit dem Ziel, dass mehr internationale Produktionen Österreich als Drehort auswählen“. Denn das sind bislang zu wenige, weil es hierzulande eben an Infrastruktur mangelt. Große US-Produktionen gehen da lieber nach Tschechien oder Rumänien – nicht, weil man dort billiger drehen könnte, sondern weil die nötigen Studios existierten.
Bleibt die Frage, wie man den heimischen Film im eigenen Land stärken kann. Zwar gibt es in jüngster Zeit wieder einige österreichische Publikumserfolge wie aktuell der Alpen-Western „Das finstere Tal“ (derzeit 108.000 Besucher), der Dokumentarfilm „Alphabet“ (120.000 Besucher) und die Sicheritz-Komödie „Bad Fucking“ (113.000 Besucher), ein wirklicher Aufwärtstrend im Marktanteil heimischer Filme im Kino lässt sich aber nicht ausmachen. Der lag 2012 bei nur 3,6 Prozent. Das ÖFI stellte damals dazu fest, „dass von den österreichischen Produktionen nur vier Produktionen mehr als 50.000 Besuche erreichten und kein Film sechsstellige Kartenverkäufe verzeichnen konnte.“ Zum Vergleich: Hanekes Oscar-Gewinner, das Sterbe-Drama „Amour“, sahen bei seiner TV-Premiere am 5. März 495.000 Zuschauer. Aber auch das ist kein Traumergebnis für einen Film, der in der Primetime um 20.15 Uhr läuft.
Die öffentliche Aufmerksamkeit für den heimischen Film hinkt jener für Theater oder Musik jedenfalls meilenweit hinterher. „Eine Aufwertung muss ja nicht zwangsläufig auf Kosten anderer Kunstformen passieren“, meint Ostermayer. „Der österreichische Film erreicht von Jahr zu Jahr immer mehr Menschen. Das sieht man an den Quoten der ‚Tatort‘-Folgen genauso wie an den hohen Besucherzahlen von Kinofilmen wie ‚Das finstere Tal‘. Dies könnte auch für die Verantwortlichen beim ORF Ansporn sein, noch mehr auf österreichische Produktionen zu setzen“,
so der Minister. „Daneben muss es aber auch nicht kommerzielle Formen der Kunstgattung Film geben, die nicht zwangsläufig an Quoten, Besucherzahlen oder Sponsoringeinkünften gemessen werden.“
Ein klares Bekenntnis also zur Filmkunst. Und zur Filmförderung,
die diese erst ermöglicht. Strukturell gibt es hier kaum Änderungsbedarf, aber neue Formen der Filmfinanzierung, zum Beispiel über Crowdfunding, werden für eine Vielzahl an kleinen Produktionen immer zwingender, weil die Fördermittel arg begrenzt sind.

Alternative Finanzierungsmodelle

„Manche meinen, dass die Rahmenbedingungen für die Filmemacher in Österreich nicht so leicht wie in anderen Ländern sind, da wir ein kleines Land, mitten in dem mehr als zehnmal so großen Film,- und Fernsehmarkt des gesamten deutschsprachigen Raumes sind. Umso mehr bin ich dafür, dass es neben den hohen staatlichen Fördersummen auch zusätzliche und alternative Methoden gibt, die Produktionen ermöglichen“, so Ostermayer.
Die Filmbranche traut der Ära Ostermayer einiges zu. Viele hoffen, dass das traditionell angespannte Band zwischen Kunst und Politik diesmal halten könnte. Was auch daran liegen mag, dass man dem neuen Minister eine große Liebe zum Medium Film nachsagt.
Während seiner Studienzeit saß Ostermayer gerne im Österreichischen Filmmuseum, „um Filme zu sehen, die man sonst nirgendwo zu sehen bekam, von
Federico Fellini über Luis Buñuel. Für mich war es damals ein Erkenntnisgewinn, wie Film auch sein kann, und dass es abseits von Mainstream und Heimatfilm noch vieles gibt, das weit darüber hinausgeht“. Die Vorschusslorbeeren für den Minister sind das eine. Die Taten auf seine Worte müssen erst folgen.

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  04:00:16 07.19.2005