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12/2014 - Der Blick auf die Wege
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Ungelesen , 10:43
Der Blick auf die Wege

Ruth Beckermanns neuer Film ist ein Zeitdokument, ebenso die jüngste Arbeit der Brüder Riahi.

Von Otto Friedrich


Film ist Zeitgenossenschaft. Die Geschichte des Mediums der bewegten Bilder erweist sich auch als eine Geschichte der Reflexionen über die jeweilige Zeit. Zumindest seit der österreichische Film eine überraschend markante Position innerhalb des europäischen Filmschaffens errungen und behauptet hat, ist dies auch hierzulande evident. Nicht nur die Stars unter den heimischen Filmemachern setzen diesen Anspruch wie selbstverständlich voraus. Die Leisen und die Beharrlichen sind da im gleichen Atemzug zu nennen.
Zwei Filme, die nicht nur auf der Diagonale zu sehen sind, sondern dieser Tage auch regulär ins Kino kommen, können als exem*plarische Aufweise derartiger Zeitgenossenschaft gelten. Der eine stammt aus der Werkstatt von Ruth Beckermann, die in ihren stillen, aber konsequenten Filmen seit mehr als drei Jahrzehnten zwischen Judentum, Österreich und Welt hin- und herwandert. Sie hat mit „Those Who Go Those Who Stay“ ein Panorama nicht nur dieser persönlichen Wanderungserfahrung geschaffen, sondern darüber hinaus ein gültiges globales Zeit-Bild – Menschheitserfahrung der Gegenwart, gepresst in 75 Minuten Film.

Die Welt ist durch Wanderungen geprägt

Wo auch auf der Welt und erst recht in Europa: Die Gesellschaften sind durch Wanderungen geprägt, das Eigene wird durch das Fremde ergänzt und gefordert. Die Melange, die bunte Mischung herrscht vor: Nichts mehr ist „typisch Paris“ oder „typisch Wien“, es könnte, wenn man auch in der Donaumetro*pole entsprechende Orte aufsucht, ebenso gut in Alexandria sein oder in Istanbul oder …
Solche Durchdringung fängt Beckermann in ihrem Film ein, sie zeigt, wie sich daraus ein heutiges Lebensgefühl generiert, ohne die Anfechtungen und Friktionen dabei zu leugnen. Zeitgenossenschaft ist keine leichte Muse, aber auch nicht bloße Schwermut. Die, die gehen, durchwandern den Film ebenso wie die, die bleiben: Was der Titel insinuiert, löst der Film ein. Und weil das alles keine klare Form darstellt, verweigert sich Beckermann in „Those Who Go Those Who Stay“ dem zuordenbaren Genre. Film*essay nennt sich diese cineastische Freizügigkeit, die dem Zuschauer einiges abverlangt, denn er kann sich da weder an den Konventionen einer Dramaturgie festhalten noch an seinen Sehgewohnheiten. Es geht vielmehr um Assoziationen, das Verweilen in den Augenblicken, die einem die Filmemacherin darbietet: ein europäisches wie ein globales Panoptikum, ein Flanieren durch die Zeit, ein Spaziergang, scheinbar absichtslos, aber doch nicht ohne Plan.
Das Bild vom Ariadnefaden – aus einer ureuropäisch mythischen Erzählung –, das Beckermann an den Anfang stellt, ist stimmig. Und entpuppt sich ebenso als Statement wie die erste Kameraeinstellung, die mit verregnetem Blick nach Paris führt, wo Beckermann den Autor und Filmemacher Georg Stefan Troller zu Wort kommen lässt. Schon diese kurze Begegnung weist aufs Flair dieser filmischen Auseinandersetzung hin, hat der heute 93-jährige Troller ja weiland durch seine Vertreibungs- und Heimkehr-Trilogie „Wohin und zurück“, die von Axel Corti in den 1980er-Jahren verfilmt wurde, hierzulande längst Filmgeschichte geschrieben.

Assoziation an Assoziation gereiht

Solch unausgesprochene Reminiszenz bleibt bei Beckermann absichtsvoller Anklang, denn ebenso rastlos wie ruhig reiht sie Assoziation an Assoziation: Man fährt mit ihr nach Israel, wo sie mit ihrem Kameramann darüber sinniert, wie sich Satan über das heutige Heilige Land alterieren würde. Oder man trifft die in Wien lebende palästinensische Christin Viola Raheb, die im Salzburger Krimml an einer Diskussion in Erinnerung an die Juden teilnimmt, die dort 1947 über die Alpen gen Palästina wanderten.
Man begleitet Beckermann dann in die italienische Textilstadt Prato, wo tausende chinesische Wanderarbeiter(innen) hinter verschlossenen Türen ihr Dasein fristen. Die Asiaten sieht man jedoch kaum, weil sie in einer hermetischen Welt leben und arbeiten.
Berührend der kurze Blick nach Lampedusa, den Vorposten Europas, der zum Fanal unmenschlicher Abschottung geworden ist. Beckermann ist keine Moralapostolin, sondern lässt Bilder sprechen, die traurig wie schön sind. Keine leichte Kost, kein einfach-klares Setting – aber wo in Europa und der Welt geht es schon einfach und klar zu?
Wahrscheinlich ist die Poesie eine der wenigen Ausdrucksmöglichkeiten, um dieser (Welt-)Lage gerecht zu werden. Ruth Beckermann entwickelt in „Those Who Go Those Who Stay“ eine eindrückliche Film-Poesie, die einen, je länger man sich darauf einlässt, in den Bann zieht. Eine Poesie der Beobachtung, die gleichzeitig ein politisches Statement, wenn auch kein vordergründiges, ist.
Das zweite dieser Tage anlaufende Filmexempel hat dem entgegen eine eindeutige politische Agenda: Die Brüder Arash T. und Aram T. Riahi versuchen in „Everyday Rebellion“ durchaus plausibel einen großen Bogen über den globalen politischen Protest der letzten Jahre zu schlagen: Die Occupy Wall Street-Bewegung in den USA, die Proteste der „Indignados“ („Empörten“) gegen den sozialen Raubbau in Madrid werden in einer Schau dargestellt, die auch den Arabischen Frühling in Kairo oder den Aufstand gegen das Assad-Regime in Damaskus mitnimmt. Dazu kommen die Proteste der Femen-Aktivistinnen in der Ukraine oder ziviler Widerstand im Iran.
Die Brüder Riahi schälen aus diesen Vorgängen heraus, dass Empörte und Unterdrückte, die anonym waren (und zumeist auch noch sind), sich selbst ermächtigen, um gegen ihre Beherrscher aufzustehen. So wie das der Film „Everyday Rebellion“, der schon im Titel den alltäglichen Widerstand anspricht, darstellt, ist dies eine letztlich kaum zu bändige Macht, die sich weltweit verbreitet.

Gewaltlosigkeit als klare politische Botschaft


Dabei setzen die Protagonisten im Film auf die Strategie der Gewaltlosigkeit, die, wie in Statements immer wieder dargelegt wird, das adäquate Mittel des Widerstands darstelle. Das alles ist ja lang aus den Friedensbewegungen der 1980er-Jahre vertraut – aber es muss in den aktuellen Szenarien aufs Neue buchstabiert werden. Interessant allenfalls, dass es den beiden Filmemachern gelingt, die alte Botschaft neu zu verpacken, ohne die Altvordern der Gewaltlosigkeit – von Mahatma Gandhi bis Martin Luther King – bemühen zu müssen. Der Geist dieser Altvordern bleibt aber weiter. Die „Arbeit“, so die Botschaft, müssen aber heutige Zeitgenossen übernehmen.
Der Film der Brüder Riahi verschriebt sich dem formal wie inhaltlich konzis: Anwaltschaft mittels Film – auch das ist nicht neu, muss aber – siehe die behauptete Zeitgenossenschaft durch Film – immer wieder neu erfunden werden. Was Ruth Beckermann durch Poesie gelingt, erreicht „Everyday Rebellion“ durch eine klare politische Botschaft. Beides bleibt berechtigt, beides hat seine Form. Und beides findet, hoffentlich, sein Publikum.


Those Who Go Those Who Stay
A 2013. Regie: Ruth Beckermann.
Filmladen. 75 Min.

Everyday Rebellion
A 2013. Regie: Arash T. Riahi und
Aram T. Riahi. Stadtkino. 112 Min.

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