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12/2014 - Erinnerungen ans Wendejahr 1964
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Ungelesen , 10:46
Erinnerungen ans Wendejahr 1964

Vor 50 Jahren gründeten Peter Konlechner und Peter Kubelka, beide kaum 30 Jahre alt, das Österreichische Filmmuseum. Das war damals „weder Zu- noch Einzelfall“, betont Alexander Horwath, der heutige Direktor dieser ersten Adresse der Cinephilie.

Von Michael Kraßnitzer

„Die Grundlagen unserer heutigen Gesellschaft und der digitalen Kultur kann man nur verstehen, wenn man das Medium Film versteht“, weiß Alexander Horwath. Als Direktor des Österreichischen Filmmuseums ist Horwath Leiter einer Institution, die sich der Darstellung des Mediums Film in all seinen Dimensionen und historischen Erscheinungsformen widmet. Diese Einrichtung wurde im Jahr 1964 gegründet, feiert also heuer den 50. Geburtstag. Und man kann es getrost so sagen: Das Österreichische Filmmuseum hat wesentlich zur Entstehung einer Filmkultur in Österreich beigetragen. Ein guter Teil all jener, die für den künstlerischen Boom des österreichischen Films der letzten 15 Jahre verantwortlich sind, hat sich einen Teil ihrer cineastischen Bildung im Filmmuseum angeeignet.
„Rückblickend war die Gründung des Filmmuseums im Februar 1964 weder Zu- noch Einzelfall“, stellt Horwath fest. Obwohl dieses Jahr, anders als etwa 1968 oder 1989, nicht als historische Wegmarke ins öffentliche Bewusstsein Eingang gefunden hat, stellt 1964 dennoch einen Wendepunkt dar. Es war die Geburtsstunde der modernen, US-geprägten Pop-Kultur, markiert durch die Ermordung des US-Präsidenten John F. Kennedy Ende 1963 und der „britischen Invasion“, dem Siegeszug der britischen Rockmusik in den USA und damit in der gesamten Populärkultur der westlichen Welt. Auch in Film und Kino fanden rasante Umwälzungen statt: Eine junge Regie- und Kritikergeneration forderte lautstark ein „Neues Kino“, Selbstreflexion stand im Kino und seinem Umfeld auf der Tagesordnung. Filmfestivals, Cinematheken und cinephile Zeitschriften schossen aus dem Boden, die ers*ten Filmhochschulen etablierten sich, Filmliteratur erlebte eine Blüte, zugleich wurde die Geschichte des Mediums plötzlich durch das Fernsehen weithin verfügbar.

„Eine der agilsten Cinémathequen Europas“

Vor diesem Hintergrund gründeten Peter Konlechner und der Filmemacher Peter Kubelka, beide damals noch nicht einmal 30 Jahre alt, im Februar 1964 das österreichische Filmmuseum. Vorbilder waren die Cinémathèque Française, das National Film Archive in London und die Filmabteilung des Museum of Modern Art in New York. Film sollte auch in Österreich als wichtigste Ausdrucksform der Moderne und als wichtigste zeitgeschichtliche Quelle des 20. Jahrhunderts verstanden werden. Film galt ja damals als eine im Vergleich zu Theater, Oper, Literatur, bildender Kunst und klassischer Musik minderwertige Kunstform, sofern Film überhaupt als Kunst betrachtet wurde. Konlechner und Kubelka hingegen postulierten: „Filme sind mit gleicher Obhut und gleichem Respekt wie Gemälde oder Plas*tiken zu sammeln, zu bewahren und zu präsentieren. Filmen gebührt der Stellenwert und die Behandlung von Kunstwerken. Filme sind spezifische Produkte des geschichtlichen Gedächtnisses. Sie müssen wie historisches Quellenmaterial, wie Dokumente bewahrt und gezeigt werden: unverfälscht, ungekürzt, unkommentiert, unsynchronisiert.“
„Unsere Ausstellungen finden auf der Leinwand statt“, liest noch heute jeder Besucher des Filmmuseums auf einer Tafel, wenn er auf den Einlass in den Kinosaal wartet. Im „Unsichtbaren Kino“ – will heißen, dass die Architektur während der Vorführung in der Wahrnehmung der Besucher vollständig zurücktreten soll – ist konsequenterweise auch die in gewöhnlichen Kinosälen allgegenwärtige Zusichnahme von Snacks untersagt. Trotz dieses traditionellen Habitus einer bürgerlichen Kulturinstitution wurde das Filmmuseum in den ersten Jahren als rebellisch rezipiert und war auch Anfeindungen ausgesetzt. Erst die internationale Anerkennung – der Spiegel nannte das Filmmuseum „eine der agilsten Cinémathèquen Europas“ – ließ diese Stimmen verstummen.

21 Projekte zum Jubiläum

Seinen runden Geburtstag begeht das Österreichische Filmmuseum – verteilt über das ganze Jahr – mit insgesamt 21 speziellen Projekten. Eines davon ist die dreibändige Publikation „Fünfzig Jahre Österreichisches Filmmuseum“, in dem unter anderem die Geschichte der Gründung und der ersten Jahre akribisch recherchiert wurde. Ein anderes ist eine vom Filmmuseum kuratierte zweimonatige Retrospektive im Museum of Modern Art in New York: „Vienna Unvieled: A City of Cinema“. Je eine Retrospektive im Filmmuseum selbst ist den Gründern Kubelka (ab 23. März) und Konlechner (ab 9. Mai) gewidmet. Die Kubelka-Retrospektive ist insofern etwas Besonderes, weil sie auch aus Anlass von dessen 80. Geburtstag stattfindet. Kubelka ist in den Augen des heutigen Direktors Horwath ein „Renaissance-
mensch“, also ein umfassend gebildeter und auf vielen Feldern tätiger Mensch. So baute der Filmemacher (u. a. Adebar, 1957; Dichtung und Wahrheit, 1996/2003) 1978 die Filmabteilung an der Staatlichen Kunsthochschule (Städelschule) in Frankfurt am Main auf, ab 1980 wurde dort der Lehrstuhl für Film in „Film und Kochen als Kunstgattung“ umbenannt; von 1985 bis 1988 war Peter Kubelka sogar Rektor der Städelschule.
Die derzeit laufende Retrospektive im Filmmuseum ist dem Gründungsjahr 1964 gewidmet, genau genommen werden insgesamt 76 Werke aus dem Geburtszeitraum gezeigt: von Herbst 1962, als sich Konlechner und Kubelka kennenlernten, bis zum Herbst 1965, als sie im Gebäude der Albertina einen bleibenden Standort für ihr junges Museum fanden. Darunter finden sich Meilensteine der Filmgeschichte wie „Le Mépris“ oder „Ich bin 20 Jahre alt“. „Le Mépris“ markiert den Beginn der Selbstreflexion des Kinos: ein Film über Film, in dem Nouvelle-Vague-Ikone Jean-Luc Godard (Regie), Altmeister Fritz Lang (als Schauspieler) und Staraktrice Brigitte Bardot zusammentreffen.

Retrospektive aus den Gründungsjahren

Der russische Streifen „Ich bin zwanzig Jahre alt“ ist das filmische Meisterwerk der kurzen sowjetischen Tauwetter-Periode schlechthin und ein realistisches Panorama der russischen Jugendkultur jener Zeit. Die Retrospektive führt auch den bemerkenswerten Effekt vor Augen, dass Filme, die damals für großes Aufsehen sorgten – oft mehr als die heute noch bekannten Klassiker – in unserer Zeit beinahe vergessen sind: Zum Beispiel „Seppuku“ von Kobayashi Masaki, der damals als wichtigster japanischer Regisseur seiner Zeit galt – ein Platz, den heute Akira Kurosawa innehat. Oder der schwedische Film „491“ (Regie: Vilgot Sjöman) der aufgrund von gezeigter Nacktheit, Homosexualität und Brutalität bei den Berliner Filmfestspielen ausgeladen wurde und für Jahre das Image des Schwedenfilms („Sex und Sozialkritik“) festigte.
Geändert hat sich seither auch der Stellenwert des Kinos an sich. „Mitte des 20. Jahrhunderts stand der Film im Zentrum der Bewegtbildkultur, heute jedoch sind andere Formen des bewegten Bildes hegemonial“, erklärt Horwath, der als Direktor 2002 die beiden Gründer ablöste, und endet mit einem Plädoyer für die Kunstform Kino: „Im Vergleich zum Hin- und Herwechseln zwischen Bildfragmenten auf dem Computer, dem Smartphone, dem Tablet und dem Fernsehapparat hat eine Filmaufführung eine ungeheure Intensität und Lebendigkeit.“

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  18:48:40 07.14.2005