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13/2014 - Brutmaschinen und Samenspender
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Ungelesen , 08:40
Brutmaschinen und Samenspender

Die moderne Reproduktionsmedizin hat die Vorstellung von Elternschaft revolutioniert – und festigt zugleich archaische Geschlechterrollen.


Von Angelika Walser

Es war 1949, als Simone de Beauvoir in ihrem Klassiker „Das andere Geschlecht“ die Reproduktionsmedizin als Befreiung der Frau von den „Zwängen der Natur“ feierte: „Die künstliche Befruchtung ist der Endpunkt einer Entwicklung, die es der Menschheit ermöglichen wird, die Fortpflanzungsfunktion zu beherrschen. Diese Veränderungen haben insbesondere für die Frau eine ungeheure Bedeutung: Sie kann die Zahl ihrer Schwangerschaften beschränken, kann sie vernünftig in ihr Leben einordnen, statt deren Sklave zu sein. Auch die Frau befreit sich im Laufe des 19. Jahrhunderts von der Natur: Sie gewinnt die Herrschaft über ihren Körper. Zu einem sehr großen Teil von den Belastungen der Fortpflanzungsaufgaben geschützt, kann sie die ökonomische Rolle übernehmen, die sich ihr bietet und die ihr dazu verhelfen wird, sich selbst ganz zu verwirklichen.“

„Enteigneter“ weiblicher Körper?

Als die französische Philosophin diese Zeilen schrieb, war Louise Brown, der erste durch IVF gezeugte Mensch noch lange nicht auf der Welt. Einige Jahre nach Browns Geburt (1978) war die anfängliche Euphorie verflogen. Die Teilnehmerinnen des 1985 in Bonn stattfindenden Kongresses „Frauen gegen Gentechnik und Reproduktionstechnik“ erklärten: „Wir werden alles daran setzen, die-se Entwicklung zu stoppen und zu verhindern [...] Wir rufen insbesondere alle Frauen auf, sich der Zerstückelung und Enteignung ihres Körpers zum Zwecke der Profitmacherei zu widersetzen und die Selbstbestimmung über ihre Gebärarbeit und die Gebärvorgänge nicht an die Experten abzugeben“. Gena Coreas zeitgleich erschienener Klassiker „Muttermaschine – Reproduktionstechnologien: von der künstlichen Befruchtung zur künstlichen Gebärmutter“ brachte den feminis-tischen Paradigmenwechsel auf den Punkt: Insbesondere die IVF erschien Feministinnen als Paradebeispiel einer typisch männlichen Haltung der Objektivierung und Distanzierung gegenüber der Natur, die erst die Möglichkeit zur Unterwerfung der Natur – und damit auch des Frauenkörpers – schafft. IVF, Leihmutterschaft, Klonen sind nach Corea Ausdruck der Instrumentalisierung und Zerlegung des Frauenkörpers, dessen Einzelteile dem Patriarchat, verkörpert durch den Reproduktionsmediziner, sein Fortbestehen sichern helfen, indem Frauen als Brutmaschinen ausgebeutet werden. Am Ende steht die Horrorvision einer künstlichen Gebärmutter.
Die veränderte feministische Beurteilung der medizinisch assis-tierten Fortpflanzung verdankt sich einem Paradigmenwechsel: Simone de Beauvoir argumentierte noch nach den Idealen des „Gleichheitsfeminismus“, der für Frauen dieselben Rechte erkämpfte, wie sie Männern selbstverständlich zukamen. Mitte der 1980er-Jahre jedoch hatte sich der „Differenzfeminismus“ durchgesetzt, der die Verschiedenheit von Mann und Frau in den Mittelpunkt stellte. Beide Strömungen sind heute Geschichte, sorgen bei der Bewertung der IVF unter Feministinnen jedoch nach wie vor für Kontroversen: Ist Reproduktionsmedizin der Selbstbestimmung von Frauen förderlich oder ist genau das Gegenteil der Fall? Gerade für Frauen, die ihr Selbstwertgefühl ausschließlich aus der Rolle als Mutter beziehen, können die Angebote der Reproduktionsmedizin den Druck, um jeden Preis etwas gegen die Kinderlosigkeit machen zu müssen, noch erhöhen.
Allerdings hat sich der Diskurs stark gewandelt. Politisches Pathos hat nüchternen akademischen Debatten über das Verhältnis der Geschlechter und die in der Reproduktionsmedizin transportierten Frauen-, Männer- und Familienbilder Platz gemacht.

Unfruchtbarkeit als „Impotenz“

In der deutschsprachigen Männerforschung ist die Reproduktionsmedizin hingegen kaum ein Thema – genauso wenig wie Pränataldiagnostik oder Schwangerschaftsabbruch. Empirische Studien zu diesen Konfliktfeldern konzentrieren sich fast ausschließlich auf Frauen. In den USA, England und in Skandinavien haben sich jedoch Sozialwissenschaftler mit der Frage nach der Rolle von Männern in der IVF befasst.
Sowohl die 2006 erschienene Monographie der Politikwissenschaftlerin Cynthia R. Daniels „Exposing Men“ sowie empirische Studien machen die belastende Seite hegemonialer Männlichkeitsvorstellungen deutlich: Auf der einen Seite leiden Männer stark unter der Diagnose der Infertilität, da sie traditionelle Vorstellungen von Virilität in Frage stellt und oft mit dem bedrohlichen Szenario der Impotenz verwechselt wird. Das Angebot der Reproduktionsmedizin wird daher dankbar in Anspruch genommen. Auf der anderen Seite hat „Mann“ im Laufe einer IVF-Behandlung die klassisch männliche Rolle des „emotionalen Unterstützers“, der irgendwann seine Partnerin vor immer neuen und ergebnislosen Versuchen bewahrt. Die Rollen sind klar verteilt: hier die ihren Emotionen ausgelieferte Frau, dort der wissenschaftlich-rationale Beschützer. Für den unerfüllten Kinderwunsch typische Erfahrungen wie Hilflosigkeit und Ohnmacht, die dem Geschlechterstereotyp des Mannes als kontrollierender und aktiver Instanz bei der Reproduktion widersprechen, ist kein Platz. Samenbanken und die Rolle des Samenspenders, der möglichst perfekten Nachwuchs liefert, reproduzieren dagegen traditionelle Vorstellungen von männlicher Zeugungskraft. Gesamtgesellschaftlich gesehen geraten jedoch genau diese Geschlechterstereotype zunehmend ins Wanken. Mit ihnen erodieren auch traditionelle Vaterschaftskonzepte, wie sie in Deutschland und Österreich aktuell kontrovers diskutiert und beforscht werden. Wer ist der „richtige Vater“? Lediglich der „genetische Erzeuger“ oder „der Fürsorger“? Es spricht vieles dafür, dass das Pendel eher in die zweite Richtung ausschlägt. Männer gehen zunehmend in Karenz, beharren bei Scheidungen auf ihren Rechten als Vater und sprengen damit jetzt schon die traditionelle Rolle des emotional unbeteiligten „Bystanders“ in Fortpflanzungsangelegenheiten.
Soziale Elternschaft gewinnt gegenüber der biologischen Elternschaft immer mehr an Bedeutung. Kein Wunder, denn Reproduktionsmedizin ermöglicht Familienkonstellationen, die bisher niemand für möglich gehalten hätte – schwule Männer, die mit Hilfe einer Leihmutter Vater werden wollen; lesbische Frauen, die sich per Samenspende ihren Kinderwunsch erfüllen. Das durch die Reproduktionsmedizin ermöglich-
te „genetische Patchwork“, wie es der deutsche Kulturwissenschaftler Andreas Bernard kürzlich in einem Spiegel-Interview bezeichnete, scheint alles bisher Gewohnte auf den Kopf zu stellen.

Archaische Geschlechterbilder

Zugleich ist die hochmoderne Reproduktionsmedizin nach wie vor von archaischen Geschlechterbildern geprägt, betont Bernard, dessen Buch „Menschen machen“ diese Woche erscheint (vgl. Seite 4 unten): „Die Zeugungstheorie von Aristoteles etwa nimmt an, dass der Samen des Mannes die formende Gestalt für das Kind sei, die Frau dagegen nur die Substanz bereitstelle. 2400 Jahre später sieht das nicht viel anders aus. Der Mann ist auch in den Samenbanken von heute für die intellektuelle und körperliche Exzellenz, also das Formende zuständig. Er wird mit Hunderten Elitesiegeln versehen. Bei der Frau in den 
Eizell- oder Leihmutterkatalogen wird dagegen kaum auf Schulbildung geachtet. Es wird eher geschaut: Hat sie schon Kinder geboren? Die Frau erscheint nach wie vor als diejenige, die die materielle Substanz des Kindes liefert.“
Die Geschlechterforschung sieht sich also mit einem Spannungsfeld konfrontiert: Die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin verändern die Vorstellung von Familie und Elternschaft; zeitgleich erweisen sich traditionelle Geschlechterrollen als resistent. Die ethischen Herausforderungen sind folglich immens. Bioethik ist endgültig in der Postmoderne angekommen.


Die Autorin ist theologische Ethikerin und lehrt an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien-Krems sowie an der Uni Salzburg

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