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13/2014 - Die heimlichen Väter aus dem Labor
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Ungelesen , 08:48
Die heimlichen Väter aus dem Labor

Was Männer dazu bewegt, ungewollt kinderlosen Paaren ihren Samen zu spenden – und warum ihre leiblichen Nachkommen meist nichts davon erfahren.

Von Julia Theresa Ortner

Es ist früher Morgen. Das Telefon des Mannes klingelt. Es ist das „Wunschbaby Institut“ mit der Information, dass jene Frau, die seine Samenspende erhalten soll, eben ihren Eisprung festgestellt hat. Sofort macht er sich auf den Weg in die Klinik. In Wien Hietzing angekommen, betritt der Spender die gepflegte Villa durch eine weiß eingefasste Glastür. „Samenabgabe 3. Stock / Men’s room“, verrät ein Schild im Eingangsbereich. Auf seinem Weg in das letzte Geschoß des Gebäudes kann sich der Mann noch einmal kurz vor Augen führen, warum er diese Stresssituation auf sich nimmt: An den Wänden des Treppenhauses sind Bilder von Neugeborenen eingerahmt, die durch die Hilfe des Institutes den Weg ins Leben gefunden haben. Vielleicht wird durch die Spende des Mannes bald ein weiteres Foto hinzukommen.
„Die meisten Männer erfahren über unsere Homepage, dass wir Spender suchen. Danach mailen sie mir oder rufen mich an und ich erkläre ihnen, unter welchen Bedingungen sie spenden dürfen“, erklärt Peter Kemeter, Arzt für Gynäkologie und Geburtshilfe am Wunschbaby Institut Wilfried Feichtinger. Diese Voraussetzungen sind je nach Einrichtung verschieden. In der Hietzinger Klinik müssen die Spender zwischen 18 und 35 Jahren alt sein und eine abgeschlossene Schulbildung vorweisen können. Auch gesundheitliche Faktoren müssen erfüllt sein: Zuerst wird festgestellt, ob das Sperma fortpflanzungsfähig ist, danach wird ein „humangenetisches Interview“ geführt, bei dem Informationen über die Herkunftsfamilie väterlicher- und mütterlicherseits eingeholt werden. Gibt es Hinweise auf angeborene Fehlbildungen oder Erkrankungen, kommt der Mann als Spender nicht infrage.

Der Weg zum „Vater-Abgleich“

„Besteht“ der Spendewillige diese Untersuchungen, wird sein Blut auf sämtliche Infektionskrankheiten, die durch Geschlechtsverkehr übertragen werden können, geprüft. Wird auch hier keine Auffälligkeit festgestellt, wird er in die Spenderkartei des Institutes aufgenommen. Anders als in Deutschland, wo einer jungen Studentin im Februar 2013 erstmals das Recht zugesprochen wurde, ihren leiblichen Vater kennen zu lernen, können Spenderkinder hierzulande auf Wunsch die Daten ihres Erzeugers mit Vollendung des 14. Lebensjahres erhalten. Für diesen Fall, müssen Kliniken laut Fortpflanzungsmedizingesetz den vollen Namen des Spenders und seiner Eltern, seinen Geburts- und Wohnort sowie auch seine Staatsbürgerschaft und das Datum der Samenabgabe aufgezeichnen. Die Altersgrenze soll laut Kemeter vor allem verhindern, dass Kinder während ihrer Entwicklung mit der Information belastet werden, dass der aufziehende Mann nicht der „richtige Papa“ ist. Obwohl es diese Möglichkeit gibt, den Erzeuger ausfindig zu machen, werde in der Praxis kaum von ihr Gebrauch gemacht: „Die meisten Eltern sagen dem Kind ohnehin nicht, dass es durch eine Samenspende entstanden ist. Es wächst auf, als wäre der Mann der biologische Vater“, so Kemeter.
Auch rechtlich ist ein Samenspender seinem Kind gegenüber von allen Pflichten entbunden. Die Eltern in spe müssen bei einem Notarbesuch vorab schriftlich zustimmen, fortan jegliche Verantwortung für das Kind zu übernehmen. Sind diese Formalien erledigt, geht es darum, den richtigen Spender zu finden. Hier gilt: Je ähnlicher dem aufziehenden Vater, desto besser. „Ich notiere mir alle Merkmale des Ehemannes, wie beispielsweise Größe, Gewicht, Augen- und Haarfarbe, Beruf, Hobbies und so weiter. Dann mache ich Fotos, denn der Spender soll ja an ihn angeglichen werden“, erklärt Kemeter. Auch mögliche Wünsche der Eltern werden entgegengenommen: „Viele wollen einen Akademiker als Spender. Dem kann ich nachkommen“, so Kemeter. Während die Familie auf den Eisprung der Frau wartet, sucht der Gynäkologe nach dem passenden Drittspender.

Ständige Abrufbereitschaft

„Weil die Befruchtung mit frischem Samen erfolgreicher ist, muss der Mann immer abrufbereit sein“, erklärt Kemeter. Ist der Tag des Eisprunges gekommen, muss also alles sehr schnell gehen. Nachdem der Mann im abgeschirmten „Men‘s Room“ mit Couch und Pornofilmen seinen Samen in einen Becher abgegeben hat, kommen die Paare in die Klinik und das gespendete Sperma wird in die Gebärmutter der Frau eingebracht. Nach zwei Wochen gibt ein Schwangerschaftstest Gewissheit darüber, ob die so genannte „Insemination“ erfolgreich war. Während es in der Vergangenheit zumeist an spendebereiten Männern gemangelt hatte, hat sich diese Situation in den letzten Jahren verändert: Momentan umfasst Kemeters Spenderkartei rund 50 Männer, für jede Abgabe bekommen sie eine Aufwandsentschädigung von etwa 100 Euro. Hier gibt es aber einen ständigen Wechsel, denn ein Mann darf nur für drei Paare spenden und das so lange, bis diese ihre Familienplanung abgeschlossen haben. „Die Frauen wollen die Kinder meistens vom selben Spender“, weiß Kemeter. Durch Drittspenden sind am Wiener Wunschbaby Institut bisher etwa 500 Kinder zur Welt gekommen.

Kind ohne Verpflichtungen

Der große Aufwand, den ein Mann auf sich nimmt, um als Samenspender tätig zu werden, wirft gleichzeitig die Frage auf, welche Motive hinter diesen Entscheidungen liegen. Peter Kemeter ist bereits seit 1975 mit der Thematik vertraut und hat eine Vermutung: „Einerseits fühlen sie sich gut, weil sie helfen können. Andererseits sehen sie, dass sie zeugungsfähig sind und gleichzeitig keine Arbeit mit dem Kind haben. Es ist eine Art Bestätigung“.
Nicht alle Lebensgemeinschaften können sich ihren Wunsch nach Kindern durch eine Drittspende erfüllen: Für Frauen in homosexuellen Lebensgemeinschaften war diese Möglichkeit bisher nicht gegeben, durch eine Entscheidung des Verfassungsgerichtshofes Anfang des Jahres, muss das Fortpflanzungsmedizingesetz aber bis Ende des Jahres 2014 in diesem Punkt geändert werden. Durch die bisherigen Einschränkungen für lesbische Paare hat sich mittlerweile auch ein Privatmarkt an Samenspendern und -suchenden entwickelt. Im Internet versuchen Frauen beispielsweise auf der Plattform www.samenspender4you.com den passenden Mann für eine Spende – entweder auf natürliche Art und Weise oder anhand einer Übergabe des Spermas in einem Becher – zu finden. Kemeter rät hier aber zur Vorsicht: „Dort gilt das normale Bürgerliche Recht: Der Vater ist der Vater. Auch wenn vorher etwas anderes vereinbart wird, kann es nachher zu Schwierigkeiten kommen, wenn eine Partei ihre Meinung ändert“. Auch die Motivation der Männer sei für Kemeter fraglich: „Da ist wahrscheinlich auch ein gewisser Kick dabei.“
Für Christoph, einen 34-jährigen Berliner, der bereits einem weiblichen Pärchen über eine solche Plattform zu einem Kind verhelfen konnte, ist jedoch nicht der „Kick“ ausschlaggebend für seine Samenspenden: „Kinder zu zeugen gehört für mich zu einem sinnerfüllten Leben. Auch wenn die Kinder nicht bei mir leben, sind es auch meinerseits Wunschkinder“. Diverse ärztliche Atteste zur Absicherung der Gesundheit der Frau besitze er, spendet er für homosexuelle Paare, bevorzugt er die Becher-Methode, bei Singlefrauen fände er natürliche Praktiken schöner. Glückt eine Schwangerschaft, so wünscht er sich auf jeden Fall Kontakt zum Kind: „Auf diesem Weg kann ich meinem Bedürfnis nach Fortpflanzung nachkommen, aber gleichzeitig muss ich auch meine unabhängige Lebensstellung nicht aufgeben“.

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  01:30:37 07.14.2005