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14/2014 - Zu Gast in der Heimat
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Ungelesen , 09:54
Zu Gast in der Heimat

Rund 500.000 Österreicher leben im Ausland. Drei Betroffene über ihre Bindung zu Österreich und das Gefühl, fremd in der Heimat zu sein.

Von Julia Theresa Ortner

Andrea Bohlheim ist in Wien angekommen. Im Zuge ihres Heimatbesuches in Niederösterreich möchte sie ein wenig Zeit in der Bundeshauptstadt verbringen. Doch beim Versuch, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen, ergibt sich ein Problem: Das Wissen über die einst bekannten Linien ist verschwunden, die 46-Jährige hat Probleme damit, sich anhand der verschiedenen Aushänge und Beschreibungen zu orientieren. Was früher einmal sehr vertraut war, wirkt plötzlich fremd und unbekannt, plötzlich nimmt die in Spanien lebende Österreicherin eine ganz neue Rolle ein: „Ich fühle mich auf Besuch in Österreich eher als Tourist, auch wenn sich manches nicht zu verändern scheint“. Seit dem Jahr 1998 ist die gebürtige Niederösterreicherin im Ausland tätig: Anfangs verschlug es sie durch eine Stelle in der Tourismusbranche saisonal noch Tunesien, Ägypten und Griechenland, in der Zwischensaison kehrte sie vorerst immer nach Österreich zurück. 2006 kam der endgültige Schritt in die Ferne: Zuerst blieb sie drei Jahre lang im südspanischen Murcia, seit fünf Jahren ist sie nun als selbstständige Unternehmensberaterin auf Mallorca tätig.
Inwiefern sich Bohlheim mit ihrer Wahlheimat auch emotional verbunden fühlt, kann sie nicht sicher sagen: „Heimat ist schwer zu definieren. Ich bin in Österreich geboren und aufgewachsen. Im Moment fühle ich mich aber in Mallorca mehr beheimatet, richtig angekommen bin ich aber auch hier noch nicht“. Das liege vor allem daran, dass man im Ausland „immer Ausländer ist und bleibt“, auch eine gute Kenntnis der Landessprache führe in Spanien nicht immer zur Aufnahme in die Gesellschaft.

Fremde neue Heimat

Die Integration hänge laut Bohlheim von vielen Faktoren, wie etwa dem Beruf und dem neuen Freundeskreis ab. „Es erfordert eine lange Zeit, um wirklich integriert zu sein, außer man geht eine Beziehung zu einem Einheimischen ein, das öffnet die Türen“, erklärt sie. Bis zu dreimal pro Jahr besucht die Unternehmensberaterin ihre Familie in Österreich. Dabei empfindet sie oftmals vor allem die Meinung der Menschen zum Ausland als befremdlich: „Menschen von früher können das Leben in anderen Ländern nicht richtig einschätzen, haben Vorurteile und denken oft, dass in Österreich alles besser sei“, sagt sie. In gewissen Situationen merke die 46-Jährige zudem, dass sie gewisse Eigenschaften, die für ihre neue Heimat typisch sind, angenommen hat: „In Spanien ticken die Uhren anders, der tägliche Rhythmus ist zeitverschoben. Es wird erst um 14 Uhr gegessen, abends im Sommer sowieso erst ab 21:30 Uhr. Wenn ich in Österreich bin, kann ich mit Mittagessen um 12 Uhr nichts anfangen“. Obwohl sie das südländische Temperament teilweise angenommen habe, fühlt sich die Wahlspanierin persönlich immer noch stark mit ihrer Ursprungsheimat verbunden: „Meine Eltern und Geschwister leben hier, außerdem haben sich einige Freundschaften über Jahre hinweg gehalten. Auch durch eine relative räumliche Nähe von zwei Flugstunden ist diese ständige Bindung einfach da“, erklärt sie.
„Es ist schön da zu sein und es hat sich gar nicht so viel verändert“, beschreibt Herwigs Stöckl sein erstes Gefühl, wenn er österreichischen Boden betritt. Seit 22 Jahren lebt der gebürtige Niederösterreicher in Nigeria, wohin es ihn durch einen Zufall beruflich verschlagen hat. Etwa zweimal im Jahr kommt er nach Österreich und trifft sich bei dieser Gelegenheit regelmäßig mit alten Freunden. Ob er sich in Nigeria einheimisch fühlt, kann der 42-Jährige nicht 100-prozentig beantworten: „Manchmal ja, dann aber wieder nein. Der Unterschied zu Europa ist einfach zu groß“. Einerseits habe er sich an das landestypische Verhalten – beispielsweise in der Weise, wie er Auto fährt – angepasst, andererseits fehle ihm das österreichische Essen und vor allem die Sauberkeit hierzulande. Als Auslandsösterreicher könne er aber oftmals gewisse Einstellungen der Österreicher nicht mehr nachvollziehen: „Manchmal kommen sie mir sehr kleinkariert vor, kleinste Probleme sind wichtig“. Sein Bezug in die alte Heimat sei aber vor allem aufgrund der gewohnten Kultur, seiner Freunde und der schönen Natur noch immer sehr stark. Hinzu kommt, dass er sein Geburtsland durch das Leben in Westafrika vor allem politisch in einem anderen Licht sehe: „In Österreich oder in der Europäischen Union haben wir Maßstäbe von Menschenrechten, die es in Nigeria so nur auf dem Papier gibt“, weiß er. Über aktuelle Geschehnisse hierzulande halte sich Stöckl über die Botschaft, das Internet oder durch telefonischen Kontakt mit der Heimat am Laufenden. Er plane ganz klar, in der Zukunft wieder hierher zurückzukehren.

Tourist im eigenen Geburtsland

Nicht so häufig wie Herwig Stöckl und Andrea Bohlheim besucht Ingrid Scholes Österreich: Die gebürtige Wienerin lernte vor 13 Jahren einen Neuseeländer kennen und lebt seither auf dem Inselstaat im südlichen Pazifik. Vor allem die große Distanz – immerhin trennen die beiden Länder rund 18.290 Kilometer – würden Besuche in der Heimat zu ihrem Bedauern nur im Drei-Jahres-Rhythmus erlauben. In Neuseeland ist die 42-Jährige als Flussbau-Ingenieurin tätig, einheimisch fühle sie sich nur „fast“: „Ganz ‚Kiwi‘ wird man nie“, erklärt sie. Das liege auch daran, dass Englisch nicht ihre Muttersprache ist. Die Bindung zu ihrem Geburtsland ist trotz seltener Besuche hierzulande noch vorhanden: „Österreich wird immer meine Vergangenheit und mein Herkunftsland sein. Die stärkste Verbindung ist durch meine Eltern, Freunde und durch alle alten Erinnerungen da“. Vor allem wenn sie an die österreichische Kulturlandschaft denke, werde Scholes „warm ums Herz“. Bei Heimatbesuchen merke die gebürtige Wienerin aber, dass ihr Verhältnis zu Österreich im Laufe der Zeit immer ein wenig distanzierter werde, sie fühle sich mehr und mehr wie ein Tourist in der eigenen Heimat. Besonders seit der Jahrtausendwende macht sich ein Gefühl des Fremdseins bemerkbar: „Die Zeit in Wien ist fortgeschritten, während meine Erinnerung im Jahr 2001 stehen geblieben ist. Ich kenne zum Beispiel den Euro nicht besonders gut“, erklärt sie.
In einer Sache jedenfalls sind sich die drei Auslandsösterreicher einig: Die „typisch österreichische Raunzerei“ und das Wienerische „Keppeln“ würden sie in ihren neuen Heimaten keineswegs vermissen. Neben den Freunden und der Familie in Österreich fehlt ihnen jedoch vor allem die österreichische Küche und Schwarzbrot. Während für Herwig Stöckl eine Zukunft in Österreich bereits festzustehen scheint, halten sich Andrea Bohlheim und Ingrid Scholes diese Option offen: „Sag niemals nie, aber ich denke eher nicht“, meint Letzere.

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  04:47:00 07.18.2005