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15/2014 - Kampf gegen das Artensterben
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Ungelesen , 11:34
Kampf gegen das Artensterben

Ebenso wie der Klimaschutz ist der Schutz der biologischen Artenvielfalt zur globalen Herausforderung geworden. Zuchtprogramme im Zoo kombiniert mit Maßnahmen vor Ort leisten einen wichtigen Beitrag.

Von Dagmar Schratter

Wie viele Tier- und Pflanzenarten es auf der Erde gibt, weiß niemand so genau. Aber wenn täglich bis zu 130 Arten von unserem Planeten verschwinden, muss uns das aufschrecken. Auch wenn solche Schätzungen nicht unumstritten sind, sind sich die Wissenschaftler einig, dass die sechste große Welle des Artensterbens bereits begonnen hat.
Alles Leben ist durch Entstehen und Vergehen gekennzeichnet. In der Erdgeschichte gab es fünf Phasen massiven Artensterbens. Bis zu 90 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten sind dabei, bedingt durch geologische Veränderungen und Naturkatastrophen, verschwunden. Das letzte Mal war dies vor rund 65 Millionen Jahren der Fall, als der Einschlag eines gewaltigen Meteoriten das große Sterben der Dinosaurier ausgelöst hat. Das gegenwärtige Artensterben hat jedoch einen anderen Verursacher: den Menschen. Seit dem 17. Jahrhundert wird der Rückgang der biologischen Vielfalt durch menschliches Handeln verursacht und übertrifft natürliche Aussterberaten um ein Vielfaches.

Zunehmender „Naturverbrauch“

Die Zahl der bedrohten Tier- und Pflanzenarten nimmt immer weiter zu. Die Rote Liste der Weltnaturschutzorganisation (IUCN), die zuletzt im Juli 2013 vorgestellt wurde, ist ein Indikator für den Zustand der Biodiversität unseres Planeten. Fast jede dritte der 70.294 untersuchten Arten ist als gefährdet gelistet.
Zunächst verfolgten Menschen die Tiere, um sich von ihnen zu ernähren, aber auch aus Konkurrenzdenken und Angst. Heute sind die maßgeblichen Gründe für den Niedergang der Biodiversität wirtschaftlicher Natur. Lebensräume werden zerstört, die Umwelt verschmutzt und ausgebeutet. Immer mehr Menschen verbrauchen Natur – mit fatalen Folgen. Täglich vernichten wir Lebensräume, nicht nur die höchst artenreichen Tropenwälder, sondern auch Moore, Sümpfe, Heiden, Wiesen und Auwälder direkt vor unserer Haustür und ersetzen sie durch einheitliche Kulturlandschaften.
Mit dem Niedergang der Vielfalt unserer Ökosysteme verschwindet leise, aber unaufhaltsam eine Pflanzen- oder Tierart nach der anderen. „Wir löschen derzeit die Festplatte der Natur“, sagte der deutsche Umweltminis*ter am G8-Gipfel in Berlin. Und dass der Artenschutz ebenso viel Aufmerksamkeit verdiene wie der Klimaschutz. Denn die Vielfalt der Natur ist auch für unser Überleben wichtig.

Zeitgemäße Zoos

Mit dem Verlust jeder Tier- und Pflanzen*art gehen genetische Ressourcen verloren, deren Bedeutung für den Menschen wir oft nicht einmal einschätzen können. Ja, die Natur wird einen Weg finden ohne einzelne Tier- und Pflanzenarten. Nischen werden anderweitig besetzt. Aber so wie wir heute mit der Umwelt umgehen, geraten wir in Gefahr, ebenfalls von der Natur ersetzt zu werden. Mit dem Verlust jeder einzelnen Tierart sägen wir an dem Ast, auf dem wir sitzen.
In einer Welt, die von Lebensraumverlust, Monokulturen und Überbevölkerung geprägt ist, sind auch Tiergärten gefordert zu handeln. Wissenschaftlich geführte Tiergärten in aller Welt nehmen bei Schutz und Erhalt von Tierarten in der Zwischenzeit eine bedeutende Rolle ein und haben gemeinsam mit vielen Naturschutz-Organisationen den Kampf gegen das Artensterben aufgenommen. Zoologische Gärten sind längst keine reinen Tierschauen mehr: Bildung, Erholung, Forschung sowie Arten- und Biotopschutz sind die Aufgaben eines zeitgemäßen Zoos. Aufgrund des Zusammenbrechens von Wildtierpopulationen in aller Welt und der Abnahme des naturkundlichen Wissens in der Bevölkerung werden zoologischen Gärten heute wichtige Aufgaben zuteil. Für Städter sind Zoos oft der erste Kontakt zu Wildtieren und zur Natur und damit die Kinderstube für die Naturschützer von morgen. Tiergärten begeistern ihre Gäste für die Welt der Tiere und fördern ihr Bewusstsein für Natur- und Artenschutz. Sie erreichen mit ihren Botschaften jährlich mehr als 700 Millionen Zoobesucher weltweit. Wer Kinder Nase an Nase, nur durch eine Scheibe getrennt, mit Robben, Tigern und Fischen gesehen hat, weiß, dass hier Beziehungen entstehen und Interesse geweckt wird – sowohl am Schutz exotischer Tierarten als auch an heimischen Wildtieren.

Die Rückkehr des Bartgeiers

Das Engagement von Tiergärten für den Schutz bedrohter Arten endet nicht an den Tiergartentoren. Zoos beteiligen sich auch an vielen Freilandprojekten, die Unterstützung in unterschiedlichster Form benötigen. Sie stellen finanzielle Mittel, Sachmittel und Tiere aus Erhaltungszuchtprogrammen zur Verfügung, bieten eine Plattform für Öffentlichkeitsarbeit und bringen Expertenwissen von Tierpflegern, Zoologen und Veterinärmedizinern ein. Darüber hinaus betreiben Zoos gemeinsam mit anderen Institutionen Forschung, deren Erkenntnisse in die Pflege der Tiere einfließen und auch den Artgenossen im Freiland zugute kommen.
Ein entscheidender Beitrag zum Erhalt der biologischen Vielfalt wird durch international agierende Erhaltungszuchtprogramme geleistet. Kernpunkt der Erhaltungszuchtstrategie ist das Zusammenspiel zwischen Zucht im Zoo (ex situ) und Schutzmaßnahmen in den jeweiligen Heimatländern der Tiere (in situ). Koordinierte Zuchtprogramme dienen daher nicht nur zum Selbstzweck zoologischer Gärten, Tierbestände in Zoos können direkt zum Überleben einiger Arten beitragen, indem sie den Kern für die Neubildung oder Verstärkung von Populationen in der Natur darstellen. Die erfolgreiche Wiederansiedlung des Przewalskipferdes, des letzten Urwildpferdes, in der Mongolei oder des Bartgeiers im Alpenraum sind nur zwei erfolgreiche Beispiele dafür.
Der Bartgeier war einst in fast allen Gebirgen Südeuropas und in den Alpen beheimatet. Obwohl er ein harmloser Aas- und Knochenfresser ist, wurde ihm nachgesagt, er würde Gämse und Lämmer reißen und selbst vor Kindesraub nicht zurückschrecken. So wurde aus dem Bartgeier ein „Lämmergeier“, der gnadenlos verfolgt wurde und Ende des 19. Jahrhunderts im Freiland ausgerottet war. Zuchterfolge und Forschung im Alpenzoo Innsbruck haben den Anstoß zur Wiederansiedelung gegeben, die 1986 mit der Freilassung der ersten jungen Bartgeier im Nationalpark Hohe Tauern begann. Seither wurden rund 200 Zoovögel ausgewildert, die ihrerseits wieder für Nachwuchs sorgten. Heute ist der Bartgeier wieder über den gesamten Alpenbogen verbreitet.
Im Jahr 2012 hat die Weltnaturschutzorganisation eine Liste der 100 am stärksten bedrohten Tierarten veröffentlicht. Bei fünf Arten dieser Liste ist der Tiergarten Schönbrunn nicht nur Überlebensraum, sondern unterstützt auch Schutzmaßnahmen, um sie zu retten.
Eine davon ist der Waldrapp, der in Europa schon Anfang des 17. Jahrhunderts ausgestorben war. Heute leben nur noch etwa 200 Tiere in Marokko und ein paar wenige Vögel in Syrien. In Zoos werden diese schwarzen Ibisvögel erfolgreich gezüchtet; nun sollen sie in Europa wieder angesiedelt werden. Das Waldrapp-Team zieht seit 2002 jedes Jahr Waldrapp-Küken aus Zoos mit der Hand auf und zeigt ihnen mit Ultraleichtflugzeugen die Flugroute in ein geeignetes Wintergebiet.
Seit 2011 gibt es die erste freilebende, migrierende Waldrapp-Gruppe in Europa – rund 400 Jahre nach der Ausrottung. Nun soll ein stabiler Bestand aufgebaut werden. Immer wieder gibt es bei Wiederansiedlungen jedoch Rückschläge. Beim Waldrapp fielen mehrfach Vögel Jägern zum Opfer. Mit ein paar Schüssen wurde jahrelange, wertvolle Arbeit vernichtet. Deshalb beziehen moderne Konzepte im Artenschutz auch den Menschen mit ein, denn die Akzeptanz der lokalen Bevölkerung ist entscheidend.

Rettung vor dem Kochtopf

Der Tiergarten Schönbrunn engagiert sich auch für das Überleben der Nördlichen Batagur Flussschildkröte, eine der drei seltensten Schildkröten der Welt, von der weltweit nur noch etwa 20 Individuen bekannt waren. In Kooperation mit Partnerorganisationen wurde in Bangladesch ein Schutzzentrum errichtet. Dorthin wurden die letzten Tiere, die vor den Kochtöpfen gerettet werden konnten, gebracht, damit sie sich geschützt vermehren können. In der Zwischenzeit sind bereits 84 Jungtiere geschlüpft. Damit wurde die Population dieser Art innerhalb von drei Jahren vervierfacht. Das ist zwar ein erster Erfolg, aber es wird noch viele Anstrengungen brauchen, um das Überleben dieser Art langfristig zu
sichern.
Egal, ob Batagur Flussschildkröte oder Waldrapp: Jede der 100 am stärksten bedrohten Arten ist einzigartig, ein Ausdruck der Vielfalt der Natur und repräsentiert eine evolutionäre Lösung für ganz spezielle Umweltbedingungen. „Wir schulden es uns selbst und ihnen, auf diesem Planeten Raum für sie alle zu finden. Wenn sie verschwinden, kann kein Geld der Welt sie zurückholen“, warnt Ellen Butcher, Co-Autorin der Liste. Noch bestehe die Chance, die bedrohten Arten zu retten, wenn man sofort handle. Erfolgsgeschichten wie diese zeigen, dass gezielte Maßnahmen greifen, wenn wir Verantwortung übernehmen. So kann es auch gelingen, selbst Arten, die vor dem sicheren Aussterben standen, eine Überlebens-
chance zu geben.


Die Autorin ist seit 2007 Direktorin des Tiergarten Schönbrunn in Wien

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