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15/2014 - „Fest auf der Erde stehen“
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Ungelesen , 11:42
„Fest auf der Erde stehen“

Wildniskurse stoßen auf wachsendes Interesse. Was aber bringt Menschen dazu, sich dem
Spurenlesen und der Vogelsprache zuzuwenden? Begegnungen mit zwei Wildnis-Trainern.


Von Martin Tauss


„Die Wildnis beginnt nicht in irgendeinem Naturreservat, sondern direkt vor der eigenen Haustür“, sagt Roland Maurmair bedächtig, blinzelt in der Frühlingssonne und zieht an seiner selbstgedrehten Zigarette. Der 39-jährige Tiroler interessiert sich dafür, der Wildnis auf den Fersen zu sein, egal, wo er gerade ist. Soeben von einer Bergtour aus den Kalkalpen zurückgekehrt, wird er schon bald in die grün überwucherten Sumpfgebiete des polnischen Bialowie˙za aufbrechen, den letzten Tiefland-Urwald Europas. Wildnis aber findet sich auch mitten in der Stadt. „In der Nähe meiner Wohnung in Wien-Ottakring wachsen viele essbare Pflanzen und wilde Heilkräuter, zum Beispiel Beinwell oder Schöllkraut“, bemerkt Maurmair. „Vieles davon aber nehmen wir gar nicht wahr, weil wir in Gedanken versunken sind und zu fixiert auf unseren Tagesablauf.“
Roland Maurmair ist Künstler und unterrichtet an der Akademie für Angewandte Kunst – und ebenso als Wildnis-Lehrer. Besser gesagt als Mentor, denn in dem in den USA entwickelten Programm des „Coyote-Teaching“ geht es darum, Personen zur Selbsterfahrung anzuleiten und dabei fast unmerklich Lernprozesse in Gang zu setzen (siehe Kasten). Entscheidend ist die Frage, womit der ureigene Forschergeist eines Menschen geweckt werden kann: Ist es das Spurenlesen oder die Vogelsprache? Ist es das Kräutersuchen oder die Kunst des Pirschens und Tarnens? In den Wildniskursen sind die Mentoren gefragt, das herauszufinden. Die Einschätzung des Mentors wiederum bleibt der gesunden Kritikfähigkeit des Schülers überlassen.

Am Anfang war das Spurenlesen

Solch wildes Wissen steht zweifellos am Ursprung unserer Kultur: Das Spurenlesen ist wissenschaftlich unter Verdacht, der eigentliche Grund zu sein, warum der Mensch lesen und schreiben lernte. Denn im Aufnehmen einer Fährte mussten unsere Vorfahren eine ganze Reihe von Zeichen entschlüsseln, bis am Ende eine nachvollziehbare Geschichte entstand, die dann den Weg zur Beute wies. Und die in Erzählungen zum künftigen Nutzen der Gemeinschaft weitergegeben werden konnte.
Vor rund zwei Jahrzehnten wurden in Österreich erste Wildniskurse angeboten. Die Szene blieb bis heute klein und familiär, wiewohl vor einigen Jahren eine verstärkte Nachfrage und eine Zunahme der Angebote zu beobachten ist. Ehemalige Wildnis-Schüler entschlossen sich, selbst Projekte anzubieten. Dies war auch bei Roland Maurmair der Fall, der seinen starken Naturbezug in der Kindheit, später auch in der Zeit beim Alpenverein begründet sieht. Die Initialzündung aber sei vor fünf Jahren erfolgt, als er beschloss, erstmals an einem Wildniskurs teilzunehmen: „Nach meiner Promotion hatte ich genug von theoretischen Texten. Da wollte ich einfach nur raus in die Natur, mit beiden Füßen fest auf der Erde stehen und handwerklich etwas machen.“ Nach dem Grundkurs in den Tiroler Alpen sei er richtig süchtig nach Wildnis geworden, berichtet Maurmair – abhängig im positiven Sinn: „Mein Leben ist ungemein spannender geworden aufgrund der intensiveren Naturverbindung und der dadurch bedingten Steigerung der Wahr-nehmung.“
Die individuelle Empfänglichkeit für den Ruf der Wildnis ist oft in den frühesten biografischen Schichten angelegt. So auch beim Niederösterreicher Michael Schreyner, der sich ebenfalls der Vermittlung von wildem Wissen verschrieben hat. „Ich habe als Kind wirklich genug ‚Zeit im Gatsch‘ verbracht“, sagt er mit Bezug auf einen Begriff des amerikanischen Journalisten Richard Louv, der in seinem Buch „Das letzte Kind im Wald?“ die Naturentfremdung der heute aufwachsenden Generation kritisiert hatte. Wie das mediale Echo zeigt, wurde damit offenbar ein brennendes Thema in den USA angesprochen.

Verbindung mit der Natur

Louv ging davon aus, dass die moderne Kultur mit ihren verlockenden virtuellen Welten an einem „Natur-Defizit“ krankt. Dieses sei mit stärkerem Stresserleben sowie steigenden Raten an Aufmerksamkeitsstörungen und affektiven Erkrankungen verbunden, während das freie Spielen in der Natur eine geradezu therapeutische Wirkung auf zivilisatorisch bedingte Fehlentwicklungen entfalten kann: allesamt Thesen, denen Michael Schreyner viel abgewinnen kann. Vor kurzem hat er eine Anfrage von einem SOS-Kinderdorf erhalten, ein Angebot für schwer erziehbare Jugendliche zu gestalten. Denn die Notwendigkeiten, mit denen man in der freien Natur konfrontiert ist, gelten als heilsam, um selbstbezogenen Teenagern mehr Kooperationsfähigkeit zu vermitteln.
In seiner Jugend hatte sich Schreyner nur für militärisch geprägte „Survival“-Techniken interessiert. Dabei habe ihm immer etwas gefehlt, das er erst später, in seiner Ausbildung zum Wildnistrainer, auf den Punkt bringen konnte: der wertschätzende Umgang mit der Natur, wie er in vielen nativen Kulturen überliefert ist. „Wo die Wildnis nicht als Bedrohung gesehen wird, ist Naturverbindung eine Schlüsselerfahrung“, erklärt er ruhig, während eine Hummel unter seinem breiten Hut über die Stirn krabbelt. „Das Benennen ist oft der erste Schritt einer Beziehung zur lebendigen Umwelt: Wenn ich einer Amsel einen Namen gebe, wird sie zu einem Individuum und ich sehe plötzlich Merkmale, die andere Amseln nicht haben.“
Wer einen Wald betritt, taucht in ein unüberschaubares Netzwerk wilder Beziehungen ein. Vögel geraten in Alarmbereitschaft und leiten ihre Warnsignale an die Tiere des Waldes weiter – ein Grund, warum man diese meist nicht zu Gesicht bekommt. Verharrt man dann ruhig auf einem Platz, beginnt sich das natürliche Umfeld zu entspannen. „Diesen Effekt kann man auch aktiv als Biofeedback einsetzten“, erläutert Schreyner, nachdem die Hummel endlich von ihm abgelassen hat. „Wenn man immer wieder einen Platz aufsucht, dort zur Ruhe kommt und lauscht, wird man von der Natur schneller akzeptiert. Dann steigt auch die Zahl der Tierbegegnungen.“ Auf den „geheimen Platz“ gehen, heißt diese Übung im „Coyote Teaching“. Sie zielt darauf ab, mit einem Ort wirklich vertraut zu werden und tief sitzende Barrieren abzubauen.
Letzteres ist jedenfalls ein großes Thema bei den Besuchern von Wildniskursen. Schreyner erinnert sich an eine 20-jährige Studentin, die bei Tarnübungen schlammüberdeckt ausrief: „Gestern noch hat es mich geekelt, barfuß über die Wiese zu gehen, heute sitze ich im Dreck und es macht sogar Spaß!“ Ein bisschen Erdung ist ganz offensichtlich heilsam.

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