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16/2014 - Brüchige Pfade der Hoffnung
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Ungelesen , 10:36
Brüchige Pfade der Hoffnung

Die Lebenskunst der Auferstehung ist nicht zu haben ohne die eigene Verwundbarkeit, ohne das Ringen mit Kräften, die in den Tod hinein ziehen.


Von Hildegund Keul


„Alles, was du liebst, wird sterben.“ Diese unheilvolle Botschaft verkündete kürzlich die Werbung für einen ziemlich blutigen Kriminalroman. Tatsächlich stirbt alles Lebendige auf Erden. Aber das Osterfest ergänzt diese Erkenntnis durch einen entscheidenden Punkt: Alles, was du liebst, wird auferstehen. Die Liebe ist eine Macht, die den Tod überwindet. Dies geschieht manchmal eher mühsam, manchmal aber auch leichtfüßig, und immer ganz und gar überraschend.
Diese österliche Botschaft hört sich vielleicht utopisch an. Aber nichts schadet Ostern mehr als eine utopische Konstitution, die die Auferstehung allein nach dem Tod ansiedelt. „U-Topien“, Nicht-Orte, sind ortlos. Sie vertrösten mit einer Jenseitslehre, statt eine Lebenspraxis in und für die Gegenwart zu eröffnen. Ein garstig breiter Graben droht den armutsbewegten „historischen Jesus“ vom strahlenden „Christus des Glaubens“ zu trennen. Besonders prekär ist eine solche Utopisierung im Blick auf die drängenden Armutsfragen der Gegenwart. So entstehen Orte wie der Bahnhofssozialdienst, wo die Armut bekämpft wird – und Orte der Liturgie, wo man die Auferstehung feiert.

Auf(er)stehen aus der Armut

Diese drohende Trennung gilt es alltäglich in Theorie und Praxis zu überwinden. Denn wo sonst, wenn nicht mitten in bedrängenden Erfahrungen von Armut, ist Auferstehung gefragt? Die Ostergeschichten der Bibel zeigen, dass die Auferstehung nicht jenseits von Armut und Gewalt, Verwundung und Tod verortet werden kann. Das theologische Fachwort „Auferstehung“ wird in den Evangelien von alltäglichen Erfahrungen des Aufstehens her entwickelt. Zu Boden fallen, erniedrigt werden und Aufrichtung erfahren sind hier durchgängiges Thema. Aufstehen und auferstehen sind biblisch sogar dasselbe Wort. Jesus zeigt sich als jemand, den Not und Bedrängnis seiner Mitmenschen zutiefst bewegen. Nach christlicher Überzeugung ist es Gott selbst, der in Jesus Christus Mensch wird, der sich verwundbar macht und „bückt“, damit die zerschlagene Menschheit Aufrichtung erfährt.
Mit dem Tod Jesu wurden auch die Hoffnungen gekreuzigt, die mit seinem Wirken verbunden waren. Mit seiner Auferstehung konnten auch diese Hoffnungen wieder erstehen, die den Machtzugriff der Armut überwinden und das Leben beflügeln. Eindrucksvoll steht hierfür Maria Magdalena, die im Grab den toten Körper Jesu sucht, aber in der Begegnung mit dem Auferstandenen selbst Auferstehung erfährt. Die Weinende, die schluchzend am Grab stand, wandelt sich zur Lebenskünstlerin, die aus der Geistkraft der Auferstehung lebt.

Sozial prekäre Arrival Cities

Im Glauben an die Auferstehung liegt die Stärke des Christentums. Denn Auferstehung bewegt und setzt Tatkraft frei. Sie bringt Menschen dazu, auch unscheinbaren Zeichen der Hoffnung zu folgen und Projekte in Angriff zu nehmen, die zu groß, zu schwer, zu unerreichbar erscheinen, die aber Leben öffnen und Gerechtigkeit schaffen.
Allerdings ist es nicht selbstverständlich, dass sich in Armutsfragen Perspektiven der Auferstehung erschließen. Vielmehr eröffnet die Bibel hierzu einen konfliktträchtigen Diskurs, der auch in der Gegenwart ansteht. Auch in jüngster Zeit führt die berechtigte Frage nach Armut und Reichtum zu prekären Turbulenzen in Kirche und Gesellschaft. Ostern schärft in diesem Diskurs den Blick für Orte, die von Armut gezeichnet sind und zugleich Hoffnungspotentiale entwickeln. Ein solcher Ort findet sich in dem, was der Journalist und Migrationsforscher Doug Saunders 2010 „Arrival City“ genannt hat.
Arrival Cities sind jene sozial prekären Stadtviertel, die die globale Migrationsbewegung am Rand von wohlhabenden Kernstädten erzeugt. Etwa ein Drittel der Menschheit ist derzeit migrierend unterwegs. Menschen ziehen vom Land in die Stadt, weil sie im Dorf keine Zukunft haben und für sich selbst und für ihre Familien andernorts ein besseres Leben erhoffen. Arrival Cities zeichnen sich durch eine hohe Fluktuation „nach oben“ aus, in eine besser gestellte soziale Schicht hinein. Weil aber ständig neue Menschen hinzukommen, fällt der Wegzug von außen nicht auf.
In Arrival Cities nehmen Menschen einen Alltag voll unglaublicher Entbehrungen auf sich. Sie bewegen sich auf überaus brüchigen Pfaden der Hoffnung. Fehlende Gesundheitssorge, Schlafentzug, harte Arbeit und das Hantieren mit giftigen Stoffen belasten extrem. Aber mit Findigkeit und Durchhaltevermögen werden die Ankömmlinge zu Lebenskünstlern. Den größten Teil ihrer Verdienste geben sie ihren Familien zuhause an den Orten ihrer Herkunft. Wenn Nichten und Neffen aus ihren Dörfern in den Ankunftsstädten eintreffen, so werden sie mit offenen Armen empfangen. Der Wohnraum ist überfüllt, aber man rückt noch enger zusammen. Das Essen ist rar, aber man teilt es. Obwohl sie selbst wenig haben, etablieren Menschen hier eine Kultur des Teilens. Sie werden zu Kulturschaffenden, indem sie ihre eigene Verletzlichkeit wagen.
Ganz anders verhalten sich die Bewohnerinnen und Bewohner der Kernstädte. Sie nehmen die Trabantenstädte, die heimlich, illegal und rasant wachsen, als Bedrohung wahr. Daher machen sie gern die Schotten dicht und verweigern den Zugang. Sie schützen sich durch Mauern und kommen irgendwann mit Bulldozern. Wie Herodes in der Weihnachtsgeschichte wollen sie sich vor Verwundung schützen, indem sie Andere der Verwundbarkeit aussetzen.
Wenn aber die Kernstädte den Arrival Cities nachhaltig den Zugang verwehren, so rutschen diese ab in Verelendung, Apathie und Zerstörung. Jederzeit kann hier Gewalt ausbrechen und auf die gesamte Stadt zugreifen. Wie sich Kern- und Ankunftsstadt zueinander verhalten, das entscheidet über eine friedliche Zukunft. Wenn sich beide aufeinander einlassen, wenn sie Brücken bauen, in Form von Straßen, Strom- und Wasserleitungen, Brücken, die Überschreitungen eröffnen, so haben sie beide die Chance, zu Orten des Aufbruchs zu werden.

Widerständige Lebenskunst

Arrival Cities sind ein signifikanter Ort der heutigen Zeit. Sie sind nicht spezifisch christlich, sondern multireligiös und zugleich säkular. Trotzdem kann man von ihrer Lebenskunst lernen, was Auferstehung heute bedeutet. Wenn man den Spuren der Auferstehung folgen will, kann man den Orten der Armut nicht ausweichen. Die Lebenskunst der Auferstehung ist nicht zu haben ohne das Ringen mit Kräften, die in den Tod hinein ziehen. Sie ist nicht zu haben ohne die Widerständigkeit, die ein offenes Wort wagt, gerade dort, wo dies nicht erwünscht ist. Sie ist nicht zu haben ohne das Wagnis der Verwundbarkeit, das Jesus Christus eingeht – bis in den Tod am Kreuz.
Der Glaube an die Auferstehung ist eine widerständige Lebenskunst. Zwar gibt es immer etwas, das zu Resignation und Verzweiflung, Hass und Gewalt rät. Wer an die Auferstehung glaubt, kann dem jedoch widerstehen: den Zwiespalt aushalten zwischen dem ungeheuren Ausmaß der Armut und der Wirksamkeit der eigenen kleinen Schritte; vor der eigenen Verwundbarkeit nicht zurückschrecken, sondern sie aufs Spiel setzen; sich den Mut und die Beharrlichkeit nicht nehmen lassen und zupacken, wo immer es nötig ist; Kraft schöpfen aus der Liebe zu anderen Menschen und zur Schöpfung. Auf den brüchigen Pfaden der Hoffnung wird der Glaube an die Auferstehung zur Lebenskunst.


Die Autorin ist Leiterin der Arbeitsstelle für Frauenseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz.

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  06:46:00 07.18.2005