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16/2014 - Die Rede des toten Charles Péguy vor dem Thron Gottes
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Ungelesen 16.04.2014, 09:54
Die Rede des toten Charles Péguy vor dem Thron Gottes

Ein fiktiver Monolog unter Verwendung von Motiven aus dem Leben und den Schriften von Charles Péguy (1873–1914) über die Hoffnung, „diese herrliche, unerhörte Unordnung“.


Von Hubert Gaisbauer

Mein Name ist Charles Péguy. Geboren in Orleans. / Schriftsteller, Buchhändler und Verleger. / Ja, mein Herr: und Sozialist! / Als ich am 5. September des Jahres 1914 an der Spitze meiner Kompanie an der Marne über ein abgeerntetes Weizenfeld stürmte, / wurde ich von einer deutschen Gewehrkugel / mitten in die Stirn getroffen.

Ja, mein Herr, / seitdem bin ich tot. / Aber tot ist ja nicht tot, wer wüsste dies besser als Sie …

Ich bin jetzt nur auf der anderen Seite des Weges.

Ja, mein Herr, hier stehe ich, nicht wie einst der blinde Ödipus, / der die Hand des Mädchens Antigone in seiner Hand hält, ich halte die Hand des kleinen Mädchens Hoffnung – / oder besser: sie hält meine Hand …

Ja, mein Herr, meine Antigone heißt Espérance – Hoffnung, / und sie ist meine kleine Schwester, / die, die mich begraben hat / auf dem Schlachtfeld – / auf der anderen Seite des Weges.

Ja, mein Herr, als ich jung war, hatte ich eine konfessionslose Frau geheiratet. / Die Kinder nicht getauft. Kirche, Klerus und Katechismus abgelehnt. / Dann plötzlich, wie ein Schuld*bekenntnis, sagte ich zu einem Freund: / „Ich habe den Glauben wiedergefunden.“ / Den Glauben, mein Herr! / Nicht das Dogma, nicht den Klerus, nicht den Katechismus! / Aber das Katholische, ja, das liebe ich, solange ihm die Kleriker / nicht die Mystik austreiben. / Und die Hoffnung, die Hoffnung, die Hoffnung.

Ich habe mir meine Hoffnung nicht zusammengedichtet, / ich habe sie mir nicht zusammengereimt, ich habe sie mir zusammen-geglaubt! / Denn: der Glaube, den ich am liebsten mag, ist die Hoffnung. / Wer das gesagt hat? / Sie, mein Herr, er*innern Sie sich nicht?

Sie haben dieses kleine Mädchen mit einem Kopfschütteln betrachtet, / nein sowas, haben Sie gesagt: / Das wundert mich über die Maßen, / diese kleine Hoffnung, die so nach gar nichts aussieht, / dieses kleine Mädchen Hoffnung. – Unsterblich!

Aber schauen Sie doch: / Jetzt macht es sich gerade fertig, dieses Mädchen Hoffnung, / für die Prozession, / für die Prozession der lebendigen Worte.

Lässt sich von ihren großen Schwestern, dem Glauben und der Liebe, eine Krone ins Haar flechten, eine Krone aus grünem Laub. / Ganz ohne Dornen, / ganz für das Heute, geflochten, aus Knospen und Blüten, / wie sie ein schöner Apfelbaum trägt, / ganz duftend, ganz ewig, ganz künftig, / für diese Prozession der lebendigen Worte:

An der Spitze der Prozession schreiten die drei Gleichnisse: / die Parabel vom verlorenen Schaf, / die Parabel von der verlorenen Münze, / die Parabel vom verlorenen Sohn. / Es sind die Parabeln, in denen alles auf den Kopf gestellt wird: / Die eine verlorene Münze ist so viel wert, / dass das ganze Haus umgekrempelt wird, / das eine verirrte Schaf mehr als neunundneunzig fromme, / der eine Sohn, der herumvagabundiert war, mehr als jener, der zuhause geschuftet hat.

Sehen Sie nur, wie das kleine Mädchen Hoffnung / zwischen diesen Gleichnissen umherspringt, / vertraut nimmt sie einmal dieses an der Hand und dann jenes – und dann nimmt sie wieder mich an der Hand, / das kleine Mädchen Hoffnung! / In seine warme, kühle Hoffnungshand.

Wo steht denn geschrieben / (habe ich mit dieser meiner Hoffnungshand geschrieben), / wo steht denn geschrieben, / dass Gott den Menschen in der Sünde verlässt, wo steht denn das geschrieben, dass er das verirrte Schaf / in den Dornen oder in der Grube blöken lässt?

Nein, mein Herr, ich habe mich von meiner Frau, / der Mutter meiner Kinder, wegen der Religion nicht trennen lassen, / nicht von ihrem laizistischen Starrsinn – / und nicht von dem klerikalen Eifer meiner Freunde, / die sagten: Wie kannst du nur …
Ja, mein Herr: so sind mir eben die Sakramente verwehrt.

Aber besser, der Mensch kommt ohne Sakramente / aber mit seinem Nächs*ten beim lieben Gott an, / als mit den Sakramenten und ohne seinen Nächs*ten.

Als mein Kind sterbenskrank lag, bin ich zu Fuß und in der Hitze drei Tage lang zu Unserer Lieben Frau nach Chartres gepilgert. / Und mein Sohn wurde gesund, / ja, mein Herr.

Nein, mein Herr: die Gebete kann uns ja doch keiner verwehren. / Das Vater unser, das Ave Maria, das Salve Regina. / Die gebe ich nicht her. Nicht für den ganzen Thomas von Aquin.

Es ist die Hoffnung, diese herrliche, unerhörte Unordnung, / die sich gegen die Gerechtigkeit auflehnt …

Es geht doch nicht darum, wie sehr Gott dem Menschen fehlt, / sondern wie sehr der Mensch Gott fehlt!

Was ich geschrieben habe, mein Herr, steht nicht im Katechismus: / Dass es Gott ist, der damit angefangen hat, / angefangen zu hoffen, angefangen, auf den Menschen zu hoffen, / sodass es nun am Menschen liegt, ob Gottes Hoffnung enttäuscht wird / oder erfüllt …

Bringen wir es auf den Punkt: / Gott – mein Herr! – Gott hofft auf uns, die Menschen. / Das heißt: es hängt von uns ab, / dass wenigstens die Hoffnung nicht lügt in der Welt.

Und so habe ich geschrieben und geschrieben, / „das Tor zum Mysterium der Zweiten Tugend“ habe ich es genannt, / damals, vor 100 Jahren, da hat es eigentlich keiner lesen wollen.

Doch nicht nur von der Hoffnung habe ich geschrieben, sondern auch von der Angst, von der größten Angst, von der Angst Gottes. / Von Gottes Angst, einmal das verirrte Schaf nicht mehr zu finden, von Ihrer Angst mein Herr, von Ihrer Angst.

Und von meiner Angst.

Ich, mein Herr, ich habe Angst, / Angst vor einer Zeit, / in der diese Worte und Parabeln vielleicht noch in Bibliotheken bewahrt werden, geschützt vor Luftzug und Feuchtigkeit, / aber nicht mehr am Leben sind. / Der, von dem diese Worte und Parabeln stammen, / der hat keine Worte / in einem Safe hinterlassen, / keine Relikte, Reliquien, die wir einbalsamieren müssten, / er hat uns lebendige Worte gegeben, / damit wir sie nähren, diese Worte, in uns wärmen und nähren, / hat er sie uns „ans Herz gelegt“.

Ja, mein Herr, in seinem Namen stehe ich vor Ihnen / mit meinem Manifest an die Menschen: / Wir müssen Gott retten aus seiner Angst, dass er uns verlieren könnte!

Schließlich haben wir doch ein Recht auf die Vision, dass die Erde die Pforte zum Himmel sei. / Wir haben ein Recht darauf, dass das Tor zum Geheimnis der Hoffnung nicht länger verrammelt bleibt. / Dass wir das aufstrahlende Licht aus der Höhe sehen / – Osterlicht!

Und den Saum Ihres Gewandes, mein Herr, / die bebenden Torflügel und die Serafim: / die einander zurufen: SANCTUS – heilig, heilig, heilig ist der Herr. / Von seiner Herrlichkeit – KABOD – / ist die ganze Erde erfüllt.
Ja, mein Herr. / Ja, mein Herr. / Ja, mein Herr.

Vor hundert Jahren, am 5. September 1914, ist der französische Philosoph und Dichter Charles Péguy in einer der ersten Schlachten des Ersten Weltkriegs gestorben, als ihn eine Gewehrkugel mitten in die Stirn traf. Sein bekanntestes Werk ist das fast 200 Seiten lange Gedicht „Le Porche du Mystère de la Deuxième Vertu“, in der deutschen Übersetzung auch „Das Mysterium der Hoffnung“ genannt.
Péguy war ein unkonventionell gläubiger Katholik, der sich aus Solidarität zu seiner atheistischen Frau der Teilnahme an den Sakramenten enthielt. Ursachen der fortschreitenden „Entchristlichung“ seines Landes sah er vor allem im starren Auftreten des Klerus.
Charles Péguy zählte zu den Lieblingsschriftstellern von Thomas Bernhard; in mancher Textpassage Bernhards glaubt man, die insistierende Sprachwiederholung Péguys zu hören.



Verwendete Literatur:
Charles Péguy: „Das Tor zum Geheimnis der Hoffnung“ (Übers.: Hans Urs von Balthasar), Taschenbuch, Johannes Verlag Einsiedeln 2007,
€ 14,90.-
Die alte Übertragung von Oswalt von Nostitz („Das Mysterium der Hoffnung“, Herold Verlag 1952) ist nur mehr antiquarisch erhältlich. Eine gültige Interpretation findet sich in Hans Urs von Balthasar, „Herrlichkeit – Eine theologische Ästhetik“, Band II, Teil 2, Einsiedeln 1962/1984, S. 769 ff.

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