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17/2014 - Das Rennen gegen die Schuldenfalle
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Ungelesen , 10:38
Das Rennen gegen die Schuldenfalle

Jeder zehnte Österreicher ist zahlungsunfähig. Was die hohe Verschuldung mit den Betroffenen macht, zeigt ein Besuch bei der Schuldnerberatung der Stadt Wien.

Von Sylvia Einöder


Im Warteraum der Schuldnerberatung im dritten Wiener Bezirk sitzt eine junge Frau und sieht sich mit ernstem Blick ihre Unterlagen durch. Sie trägt ausgewaschene Jeans, alte Turnschuhe und hat die braunen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Anna Trimmel (Name von der Red. geändert) ist hier, weil sie auf einem Schuldenberg von rund 70.000 Euro sitzt. Die Krankenschwester hatte mit ihrem Ex-Mann auf Kredit ein Haus gebaut, aus dem inzwischen beide ausgezogen sind.
Nun bereitet sich die 31-Jährige auf die Verhandlung mit den Gläubigern vor. „Ich kann maximal 120 Euro monatlich zahlen und hoffe sehr, dass die Gläubiger diesen Zahlungsplan akzeptieren“, erzählt sie. Im Falle eines Privatkonkurses hingegen würde immer wieder der Exekutor vor der Tür stehen. „Selbst Geschenke für die Kinder ab einem Wert von 20 Euro müsste ich abgeben“, sagt Trimmel.
Laut Schuldenreport 2013 haben 780.000 Österreicher Zahlungsschwierigkeiten. Die meisten Menschen sind bereits lange verschuldet, bevor sie den Weg zur Schuldnerberatung schaffen. Auch für Anna B. war es ein großer Schritt. „Wenn man im Warteraum sitzt, geniert man sich schon. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal in diese Lage gerate“, betont sie.
Die Schuldnerberater versuchen ihre Klienten zu entlasten und ihnen die ersten Schritte aus der Schuldenfalle aufzuzeigen. „Wenn sie sich an unsere Ratschläge halten, funktioniert das auch zu 99,9 Prozent. Allerdings hält sich nur etwa die Hälfte daran“, berichtet Alexander Maly, Leiter der Schuldnerberatung der Stadt Wien. Bei manchen dauert es ein halbes Jahr bis zur Schuldenregulierung, andere müssen bis zur Pension warten. „Die Schulden werden meist in jungen Jahren gemacht, dann mitgeschleppt und nie mehr weggebracht“, erklärt Maly.
Oft ist die finanzielle Notlage der Klienten auch mit einer Trennung verbunden. Trimmel befindet sich seit zwei Jahren in einem Scheidungskrieg mit ihrem Ex-Mann. Die Anwaltskosten belaufen sich schon auf 26.000 Euro. Eigentlich sollte sie monatlich pro Kind 225 Euro an Alimenten erhalten. „Weil mein Ex-Mann im Privatkonkurs ist, bekomme ich aber nicht die vollständigen Alimente“, kritisiert die zweifache Mutter. Die Kinder leben aber bei ihr. „Allein durch die Nachmittagsbetreuung sind die Alimente gleich wieder verbraucht.“
Trimmel arbeitet 30 Stunden die Woche und würde gerne noch mehr Überstunden machen. „Leider ist das wegen meiner angeschlagenen Bandscheiben nicht möglich“, erklärt sie. Für viele verschuldete Menschen sind die Bestimmungen um die Lohnpfändung aber enorm demotivierend. „Viele haben das Gefühl, in ein Loch hinein zu arbeiten“, berichtet Maly. „Sie sagen sich, das Arbeiten hat eh keinen Sinn mehr.“

Zurückstecken für die Kinder

Besonders weh tut es der zweifachen Mutter, ihren Buben nicht viel bieten zu können. „Nicht einmal ein Camping-Urlaub am Meer ist für die Kinder drin.“ Pro Monat versucht Trimmel zehn oder zwanzig Euro zur Seite zu legen, damit die Burschen an schulischen Aktivitäten teilnehmen können. Oft steckt sie selbst für die Kinder zurück: „Ich schaue schon, dass ich zuerst ihnen was kaufe. Jetzt werden sich die Leute denken: ‚Naja, die lässt sich ordentlich gehen!‘ Aber für Dinge wie Haare schneiden und färben habe ich einfach nicht das Geld“, sagt sie schulterzuckend.
Von ihrer Schuldnerberaterin wurde Trimmel vorgewarnt, dass jederzeit der Exekutor vor der Tür stehen kann. „Er hat um halbsechs Uhr früh sturmgeläutet, und ich habe im Pyjama aufgemacht. Meine beiden Buben waren ganz fertig. Er hat sich in allen Zimmer umgesehen, aber war binnen einer Viertelstunde wieder weg, weil eh nichts zu holen war.“
Jährlich gibt es in Österreich über 850.000 Anträge auf Exekution und über 700.000 Anträge auf Lohnpfändung. Gerne arbeiten die Gläubiger mit dem Schüren von Ängsten. „Etwa wird mit dem Zugriff auf die Wohnung gedroht, obwohl das nicht rechtens ist. Wenn der Gerichtsvollzieher kommt, geraten die Leute oft in Panik, lassen sich auf eine Ratenvereinbarung ein, aber können ihre Miete nicht mehr bezahlen“, weiß Maly. Die Schuldnerberatung hingegen rät, alle Zahlungen außer den nötigen Lebenskosten einzustellen.
Paradoxerweise ist die Nachfrage bei der Schuldnerberatung seit Beginn der Finanzkrise 2008 leicht rückläufig. Der Grund: Die Finanzanbieter sind in ihrem Kapital eingeschränkter. „Dieser Tod auf Raten wurde vor 2008 von den Banken kräftigst unterstützt: Es wurde immer wieder umgeschuldet und umgeschuldet“, kritisiert Maly. „Bis 2008 haben die Kreditgeber ihre Produkte auf Teufel komm raus verkauft. Ob das Produkt den Menschen umgebracht hat, war ihnen egal.“ Noch immer vergeben die Banken leichtfertig Kredite an Leute, die bereits verschuldet sind. „Da frage ich mich, wozu es den Kreditschutz-Verband gibt, wo Personen registriert sind, die einen Kredit aufgenommen haben“, schüttelt Maly den Kopf.

Österreich – Schuldenfalle Europas

In keinem anderen Land in Europa ist die Gesetzeslage so zu ungunsten des Kreditnehmers gestaltet wie in Österreich. Auch in den USA etwa ist eine zahlungsunfähige Person spätestens nach drei Jahren schuldenfrei – hierzulande kann es bis zu zehn Jahren dauern. „Bei uns werden zwar Kredite mit viel Druck verkauft wie in den USA, aber die Notausgänge viel kleiner gehalten“, kritisiert Maly. „Deshalb sind in Österreich einkommensschwache Menschen wesentlich höher verschuldet als in anderen Ländern.“
Trotz eines strengen Finanzplanes muss Trimmel immer wieder mit Engpässen kämpfen: Die Familienbeihilfe erhält sie nur alle zwei Monate, die Rechnungen müssen aber monatlich bezahlt werden. Die Eltern greifen ihr finanziell unter die Arme. „Ich versuche sowenig wie möglich zu fragen, aber sie machen dann halt mit den Kindern Ausflüge oder bringen sie neu eingekleidet zurück“, erzählt sie. Mit den Freunden unternimmt Trimmel nur mehr Dinge, die nichts kosten, etwa Spieleabende daheim. „Natürlich ist mir das unangenehm, aber sie wissen ja, dass ich das Geld nicht versoffen oder verspielt habe.“
Der Schuldnerberater und Sozialarbeiter Maly kritisiert das gesellschaftliche Bild von verschuldeten Menschen: „Plötzlich zeigt die Gesellschaft mit dem Finger auf die Verschuldeten und sagt: ‚So ein Halunke!‘ Kurz zuvor war er noch der umschmeichelte Kunde, der doch bitte die ‚persönliche Einkaufsreserve‘ ausnützen möge.“
In sieben Jahren wird Trimmel endlich schuldenfrei sein – die Gläubiger haben den Zahlungsplan akzeptiert. „Dann möchte ich endlich wieder mit meinen Burschen auf Urlaub fahren“, sagt sie und lächelt tapfer. Ob sie ihrer Situation irgendetwas Positives abgewinnen kann? „Ich bin im Beurteilen und Verurteilen anderer vorsichtiger geworden.“

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  11:13:01 07.17.2005