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18/2014 - Die Kunst später Lebendigkeit
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Ungelesen , 11:36
Die Kunst später Lebendigkeit

Altsein ist nicht besonders romantisch. Umso bedeutsamer wird die Kultivierung des Gefühls, sich trotz aller Zumutungen lebendig zu fühlen.


Von Peter Strasser

Langsam sollte ich, Jahrgang 1950, beim Thema „Alter“ mitreden können. Nun muss ich gestehen, dass mir mein Alter nicht recht einleuchtet, was keineswegs bedeutet, dass ich mich sonderlich jung fühle. Ich kenne tausend kluge Sprüche über das Alter: Spare in der Zeit, dann hast du in der Not. Genieße deine Jugend, sie kommt nicht wieder. Carpe diem. Mit dem Alter ist es wie mit dem Wein, je älter, desto besser. Das alles mag stimmen, aber…
Blicke ich auf mein bisheriges Leben zurück, so glaube ich zu wissen, dass manches gelang und anderes schiefging. Als Heranwachsendem war mir häufig, infolge sozialer und geistiger Wirrungen, unbehaglich zumute. Nun, Jahrzehnte später, eingebettet in eine Familie, die mehrere Generationen umfasst, angeregt durch meine Lehrtätigkeit und halbwegs angestachelt durch den Ehrgeiz des Schreibens, fühle ich mich – summa summarum – eigentlich weder jung noch alt. Ich habe auch, ehrlich gesagt, kein richtiges Gespür fürs Erwachsensein.
Würde mich jemand, ungeduldig geworden, fragen: „Ja, wie fühlst du dich dann?“, so käme mir vor, ich sollte am besten erwidern: „Lebendig!“ Sicher, eine solche Antwort würde den Fragenden womöglich unbefriedigt lassen. Denn sind wir nicht alle, indem wir leben, lebendig? Vor einigen Jahren jedoch wurde ich ermuntert, ein Buch mit der Titelfrage „Was ist Glück?“ zu schreiben. Damals wählte ich einen Untertitel, der sich als Antwort lesen ließ: „Über das Gefühl, lebendig zu sein“ (München 2011). Daraus ergibt sich meines Erachtens eine wichtige Pointe für das Glück im Alter: Dieses Glück besteht nicht in der Jagd nach Glücksgefühlen, die der Jugend vorbehalten sind, sondern in der Kultivierung eben des Gefühls, lebendig zu sein.
Jenes Gefühl ist freilich abstrakt kaum zu fassen. Es zeigt sich in konkreten Alltagsereignissen, es siedelt – ohne Kitschvorbehalt gesprochen – bei den „einfachen Dingen des Lebens“: Ereignissen, die keine Solitäre sind, uns vielmehr wieder und wieder begegnen. Vor allem lässt sich jenes Gefühl unmöglich darauf reduzieren, dass man lebendig ist, weil man lebt. Viele leben heute auf hohem Wohlstandsniveau und haben den deprimierenden Eindruck, nicht wirklich zu leben. Solche Menschen fühlen sich ausgebrannt, irgendwie tot – so, als ob sie un-
fähig seien, zum wirklichen Leben durch-
zudringen.

Existenziell erhebliche Stimmung

Der nagende Verdacht, man führe eine Art Zombie-Existenz, lässt sich selbst dadurch nicht zerstreuen, dass man von der Umgebung beneidet wird. Trotzdem ist es verführerisch, die Glanz- und Höhepunkte des Daseins, jene Momente im Durchschnittseinerlei, in denen man aus einer riskanten Unternehmung schadlos hervorgeht oder einen außergewöhnlichen Erfolg verbucht – und sei es einen banalen Lottogewinn –, als Beweis eigener Lebendigkeit zu missdeuten. Hierher gehört auch der Erlebnistyp jenes Erregungssüchtigen, der sich immer näher an die Todesgrenze einer Extremsportart heranwagt, um nicht in quälender Langeweile oder nervöser Empfindungstaubheit zu versinken.
Demgegenüber ist das Gefühl, lebendig zu sein, weniger ein Gefühl im üblichen Sinne. Es handelt sich eher um eine – ich würde im Anschluss an Heidegger sagen – existenziell erhebliche Stimmung, die das rein Psychologische überschreitet. Zu ihr gehört eine Anschauungs- und Handlungsweise, welche die Unwägbarkeiten und Wechselfälle des eigenen Lebens auf einen übergeordneten Sinn zu beziehen vermag, selbst wenn dieser, in Zeiten des Hedonismus und der Dekonstruktion, einer authentischen Sprache entbehrt.
Denn wir spüren, dass eine Sicht, die alles Lebendige ableiten möchte aus leblosem Stoff und Energie, denen weder Wert noch Bedeutung innewohnen, unser Erleben eigentümlich fahl werden lässt: leblos noch im Reich der Wohlfühlparadiese und jener Destinationen, wo man angeblich „die Seele“, an die man ohnehin nicht mehr glaubt, „baumeln“ lässt. Jene Fahlheit bedroht auch das Alter, ja das Alter ganz besonders. Was ihm an objektiver Sinnhaftigkeit fehlt, wird zu einem Kampf um späte Lust. Der Lustgreis liefert das Grundbild dieser Störung, die mittels Sozialstaat nicht lösbar ist, auch nicht durch die kostenlose Abgabe von Potenzmitteln.
Was soll der Einzelne tun, dem jede – man wagt kaum zu sagen – transzendente Perspektive des Lebens fehlt? Ernst Jünger erwog in seinem Tagebuchzyklus „Siebzig verweht“, ob es nicht angebracht wäre, für Menschen, die das sechzigste Lebensjahr überschritten haben, bestimmte Drogen freizugeben. Jünger, gelegentlicher Drogenkonsument, glaubte an die Realität von Welten, durch deren Erschließung die Beengungsnot des Lebens gelindert werden könnte. Der greise Psychonaut dachte an Bewusstseinserweiterung, wir hingegen denken spontan an schmerzdämpfende Pharmazeutika, bis hin zu jenen Mitteln, die das Lebenselend ein für alle Mal beenden.
Mir liegt es fern, das Alter zu romantisieren. Alter ist eine Zumutung: Je länger es dauert, umso stärker macht es uns zu Sklaven des Lebenstriebs, während die Hochleistungsmedizin tausenderlei Mittel offeriert, die das Elend des Nichtsterben-Könnens ins schier Endlose verlängern. Und weil es im hohen Alter, über viele Schicksalsschläge hinweg – umringt von lieben Menschen, die bereits tot sind –, immer schwieriger wird, die versiegenden Glücksquellen zu nutzen, erhält der Umstand, sich dennoch lebendig zu fühlen, ein immer größeres Gewicht. Ja, man möchte leben, aber nicht bloß überleben!

Gelassenheit als gut gemeinte Lüge

Dazu bedarf es einer Sensibilität, die im Rahmen all der Lehren kaum zu kultivieren ist, welche insgesamt das „naturalistische Weltbild“ formen. Derlei Lehren reduzieren das Humane letztlich auf genetische und hirnphysiologische Prozesse, welche dem alten Menschen – sofern gerontologisch robust genug – einige Lebenslust gewähren, wozu eine freundliche Umwelt zweifellos mit beiträgt. Trocknen indes die hormonellen Rinnsale des Glücks aus, bleibt nur noch der Zwang zum Durchhalten, „bis es vorbei ist“.
Auch wenn ich mich (jedenfalls an guten Tagen) lebendiger als in meinen jungen, oft unsicheren, verquälten Jahren fühle, so möchte ich nicht von der Gelassenheit des Alters reden. Sie ist bestenfalls eine gutgemeinte Lüge. Immer noch fällt es mir schwer, jenen gegenüber, die dem Leben jede Symbolkraft und Schöpfungstiefe absprechen, mit dem Motto zu begegnen: „Umdrehen und weggehen!“ Außerdem weiß ich um die möglichen Schrecken des Alters. Dagegen gibt es kein Heilmittel, es sei denn, ich würde mich tatsächlich als Teil eines größeren Ganzen, das nicht beim Genom oder Hirn endet, unverlierbar geborgen fühlen. Hierfür, fürchte ich, fehlt mir im Ernstfall der Glaube.
Ich hatte einen betagten Brieffreund, Arzt im Ruhestand, der sich vor den Gräbern seiner Lieben dessen gewiss war, mit den Dahingeschiedenen bald wieder vereint zu werden. Er hatte Lust, mir das zu erläutern – von den Archetypen C. G. Jungs war viel die Rede. Mir hingegen schien, er legte Blumen auf Gräber, die ihm zu Quellen eines trostreich-trauersamen Gefühls geworden waren: des Überlebendengefühls, lebendig zu sein.


Der Autor ist Professor für Philosophie an der Karl-Franzens-Universität Graz

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