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18/2014 - Alt und Jung unter einem neuen Dach
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Ungelesen , 11:40
Alt und Jung unter einem neuen Dach

Das Beispiel „Pomali“ im niederösterreichischen Oberwölbling zeigt, wie verschiedene Generationen durch „Cohousing“ voneinander lernen und profitieren können.

Von Julia Theresa Ortner

Die 72-jährige Lilian Pardun ist Mutter dreier Kinder, hat Kunstgeschichte und Französisch auf Lehramt studiert und mit 55 Jahren eine selbstständige Tätigkeit gestartet. Heute genießt sie ihren Ruhestand und lebt ohne ihre drei Kinder und Enkelkinder, jedoch mit einer selbst ausgesuchten Familie. Ihre neuen Bezugspersonen sind jene 29 Erwachsenen und 20 Kinder von „Pomali“ (Praktisch, Oekologisch, Miteinander, Achtsam, Lustvoll und Integrativ), mit denen sie in einer neu errichteten Wohnanlage im niederösterreichischen Oberwölbling lebt. Jeder hat hier seinen eigenen Wohnbereich, gleichzeitig sorgen mehrere Gemeinschaftsräume für den sozialen Zusammenhalt – etwa durch ein gemeinsames Essen pro Woche. Generationenübergreifendes Zusammenleben wird groß geschrieben, und so genießen in „Pomali“ auch viele ältere Menschen die Vorteile eines Familienverbundes – nun freilich ohne die persönliche Verantwortung gegenüber den vielen Kindern.

„Kommunen“ mit Privatsphäre

Das Konzept des sogenannten „Cohousing“ wurde in den 1960er-Jahren in Dänemark entwickelt. Die Bewohnerinnen und Bewohner der Anlagen besitzen dabei eigene Wohneinheiten und können zusätzlich zusammen finanzierte Gemeinschaftsräume nutzen. Während diese Form des Zusammenlebens vor allem in den USA, Skandinavien und auch in Norddeutschland häufig praktiziert wird, ist sie in Österreich eher rar: Neben kleineren Projekten haben sich vor allem die „Sargfabrik“ und das „Wohnprojekt Wien“ sowie „Der Lebensraum“ in Niederösterreich hervorgetan. Ein weiteres Cohousing-Projekt in Wien sowie eine Siedlung namens „Garten der Generationen“ in Niederösterreich sind derzeit in Planung.
„Pomali“ wurde von Martin und Petra Kirchner gegründet. Zehn Jahre lang arbeiteten sie an ihrer Idee, bis Ende des letzten Jahres schließlich die ersten Bewohner einziehen konnten. Neben dem Wunsch, täglich mit Freunden zusammenzutreffen, ohne dafür extra Termine zu planen, war auch der Gedanke der gegenseitigen und generationenübergreifenden Unterstützung leitend: „Immer mehr ältere Menschen vereinsamen“, erklärt Martin Kirchner. „Gleichzeitig gibt es immer mehr junge Eltern, die überfordert sind.“
Die Einsamkeit war auch für den 57-jährigen Wolfgang Polak ausschlaggebend, in die Wohngemeinschaft zu übersiedeln. Seine Familie wurde immer kleiner, er hatte Angst, irgendwann alleine zu leben. „Pomali“ ist für ihn wie eine eigene Familie, die ihm immer wieder Glücksmomente beschert: „Einmal bin ich von der Arbeit nachhause gekommen und habe mich müde in meinen Sessel gesetzt“, erzählt er. „Auf einmal kommt einer von den kleinen Buben zu mir, und obwohl er mich noch gar nicht gut gekannt hat, hat er sich zu mir gekuschelt und umarmt. Das hat mich sehr berührt.“

Flucht vor dem Alleinsein

Auch die 57-jährige Anja Spahr ist vor der Einsamkeit geflüchtet: „Ich habe in einer Umgebung gelebt, wo es kaum mehr Kinder gab. Ich hatte zwar durch die Arbeit soziale Kontakte, aber in der unmittelbaren Wohnumgebung gab es kaum jemanden.“ Christine Kitzwegerer, der ältesten Pomali-Bewohnerin, hat das Alleinsein früher keine großen Probleme bereitet. Heute schätzt aber auch sie den Zusammenhalt in ihrer neuen Heimat: „Es ist einfach schön, Menschen in der Nähe zu haben und mit ihnen gute Gespräche führen zu können“, sagt die 74-Jährige. „Erstaunlich, welche Intensität und Wärme in so kurzer Zeit zwischen uns entstanden ist.“
Im Gegensatz zu Polak und Kitzwegerer hat Lilian Parduns Entscheidung für „Pomali“ nichts mit Einsamkeit zu tun: „Wenn ich mit Menschen meines Alters rede, fühle ich mich oft nicht verstanden und löse meinerseits Unverständnis aus. Die 40- bis 50-Jährigen verstehen mich aber gut. So kommt es, dass ich gerne mit Jüngeren zusammen bin und an ihren Ideen teilhabe.“ Die 72-Jährige fühlt sich noch überaus lebendig, für ihre vielfältigen Interessen wie Philosophie, Kunst oder auch Kochen findet sie unter den „Pomalis“ immer Gesellschaft. Die körperliche Arbeit hingegen fällt ihr schon schwer, aber auch hier findet sie Hilfe unter ihren Mitbewohnern: „Einen Permakultur-Garten kann ich nicht mehr selbst anlegen, aber ich habe das Bedürfnis, dabei mitzuhelfen“, sagt sie.
Dieses Geben und Nehmen prägt das gesamte Leben der Gemeinschaft: So kümmern sich die Jüngeren um den Einkauf oder Transport der älteren Bewohner, und diese betreuen im Gegenzug ab und zu deren Kinder. Auch von den Kleinsten können die Älteren profitieren: „Ich bewundere die Offenheit der Kinder – und dass sie in jungen Jahren schon so viel wissen“, sagt Christine Kitzwegerer. „Ich kann von den Jüngeren lernen, genauso wie sie von meinen Erfahrungen lernen können.“
Diese Gefühl kennt auch Wolfgang Polak: „In meiner Wohnung sind oft viele Kinder. Zu sehen, wie selbstständig sie schon sind, begeistert und motiviert mich.“ Neben den abendlichen Arbeitskreisen, die ihre „Zellen wach und lebendig“ halten, nehmen die Kleinen auch bei Lilian Pardun eine zentrale Rolle ein: „Das helle Lachen am Morgen wirkt besser als jede Medizin“, ist sie überzeugt.

Arbeiten an der Konfliktkultur

Dass das bunte Treiben durch die 20 Kinder auch anstrengend sein kann, weiß Pardun. Grund für Streit ist so etwas nicht, sie
ziehe sich dann einfach ihre eigene Wohnung zurück. Wie in einer Familie, so ist auch bei den Pomalis das Zusammenleben nie völlig konfliktfrei. „Wo Menschen sind, menschelt es“, sagt Hemma Rüggen, die in Kürze gemeinsam mit ihrem Mann eine Wohnung der Gemeinschaft beziehen wird. „Wir sind perfekt unperfekt.“ Durch die vielfältigen Berufe in der Nachbarschaft – darunter Supervisoren, Psychotherapeutinnen oder Sozialarbeiter – sei es aber gelungen, eine gute Konfliktkultur zu etablieren. Entscheidungen werden zudem „soziokratisch“ gefällt: Jeder und jede kann mitgestalten, es gibt eine Hierarchie der Kompetenz, nicht der Macht. Laut Wolfgang Polak könnten sich die älteren Bewohner vor allem punkto Konfliktkultur an den Jüngeren orientieren: „Sie können ihre Gefühle viel selbstverständlicher zeigen. So etwas nimmt einem Konflikt die Spitze und dadurch kann er leichter gelöst werden.“
Dass Konzepte generationen-übergreifenden Zusammenlebens in der Zukunft verstärkt angenomen werden, darüber sind sich die „Pomalis“ jedenfalls einig. „Es ist einfach gut, als älterer Mensch irgendwo teilhaben und etwas mitgestalten zu können, das wirklich Sinn macht“, meint Christine Kitzwegerer. „Und besser als im Altenheim sitzen ist es sowieso.“

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