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19/2014 - Medien voller Angst und Bangen
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Ungelesen , 11:36
Medien voller Angst und Bangen

Nach der Kartellklage gegen Google bekennt ein Verleger Angst vor dem Goliath, während das Geschäftsmodell hinter dem Journalismus zerbricht.

Von Peter Plaikner

Panik ist angesagt. Wenn Mathias Döpfner „Angst vor Google“ bekennt, lässt die Furcht des Primus die Branche noch mehr zittern. Der Vorstandsvorsitzende von Axel Springer gilt als Visionär für den Wandel vom analogen Verlag zum digitalen Geschäft. Soeben hat er ein paar Traditionszeitungen verkauft. Gerade noch ist er von Umsatz- zu Gewinnrekord geeilt. Nun antwortet er „als Größter unter den Kleinen“ in der Frankfurter Allgemeinen (FAZ) auf Eric E. Schmidt, den CEO von Google.
Der amerikanische Goliath macht den 15-fachen Umsatz und 20-mal soviel Gewinn wie der deutsche David. Doch Springers Profit von 454 Millionen Euro (EBITDA 2013) ist noch so hoch wie der Umsatz von Österreichs größten Verlagshäusern Styria und Mediaprint. Die von Döpfner beklagten globalen Entwicklungen sind einige Nummern zu groß für die heimischen Platzhirsche. Sie können im nationalen Wettbewerb nur Mitläufer weltweiter Trends sein. Die Frage bleibt: In welchem Rennen?
Hierzulande gilt der Standard als führende Tageszeitung in der Transformation vom Papier auf den Bildschirm. 400.000 Leser und 230.000 User pro Tag bestätigen ihm Media- und Web-Analyse. Kein anderer Titel verzeichnet eine anteilsmäßig so große Internet-Gemeinde. Dazu kommen 150.000 Fans im Facebook und 50.000 Follower auf Twitter: Das „Politometer“ sieht den Standard als einflussreichsten Sender in Social-Media-Kanälen – vor Armin Wolf.

Erst der Nachruf, dann der Konkurs

Doch der Erfolg beim Publikum findet nicht genügend Entsprechung im Werbemarkt. Statt Jubel über Zuwächse dominiert Wehklagen zu einem Sparprogramm: Nach der Presse trennt auch der Standard sich von Mitarbeitern. Unglücklicher kann der Zeitpunkt kaum sein: Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) expandiert nach Österreich. Projektleiter ist Michael Fleischhacker – zuvor Chefredakteur der Presse und Chef vom Dienst des Standard, zuletzt Autor des Buches „Die Zeitung. Ein Nachruf“ (vgl. dazu Seite 5).
Für die Provokation des Titels gibt es bereits eine Entsprechung auf dem Markt. Seit dem Konkurs der KTZ in Kärnten verfügt Österreich nur noch über 16 Tageszeitungen. Schweden hat fünf-, die Schweiz viermal so viele Blätter. Schweden gewährt fünfmal, die Schweiz doppelt so viel Presseförderung. Österreich kürzt sie. Nur die Hälfte der Einsparung wird durch das Ende der KTZ kompensiert. Doch durch Änderung der Kriterien verliert auch die SVZ in Salzburg ihre Subvention. Der nächste Kandidat.
Nun sind KTZ und SVZ nicht die besten Beispiele, um die Bedeutung der Qualitätspresse für die Demokratie zu diskutieren. Das gilt auch fürs Volksblatt der ÖVP in Linz, den letzten Mohikaner. Ende der 1980er-Jahre, als deutsche Konzerne wie Springer und Westdeutsche Allgemeine (WAZ) sich an Standard und Tiroler Tageszeitung, Krone und Kurier beteiligen, stellt das Genre der Parteigazetten noch neun von 20 Tageszeitungen. Folgerichtig ist die Presseförderung nie höher als 1990.
1975 als kommunizierendes Gefäß zur Parteienförderung installiert, wird der Medientopf anfangs besser gefüllt als die Politikkasse. 2013 klafft es mehr denn je umgekehrt auseinander: 46 gegenüber elf Millionen Euro für die Tagblätter; in einem Wettbewerb, den auch andere Subvention verzerrt. Das beginnt mit der staatseigenen Wiener Zeitung, die durch Zwangsinserate in ihrem Amtsblatt existiert, und endet beim ORF, der 600 Millionen Rundfunkgebühr erhält – sich daneben aber noch 200 vom Werbekuchen holt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass die NZZ als zweiten Mann für ihr Österreich-Projekt den mit fast allen Parteien erfahrenen Berater Rudolf Fußi engagiert?
Mangelnde und mangelhafte Politik ist negativ konstitutiv für Österreichs duales – privatwirtschaftliches und öffentlich-rechtliches – Mediensystem, das sich später als alle anderen in Europa aus dem staatlichen Monopol auf Hörfunk und Fernsehen entwickelt hat. Deshalb führt der ORF nicht nur bei Radio mit einem Marktanteil von drei Viertel, während der größte Mitbewerber kaum zehn Prozent erreicht. Soviel schaffen im TV-Sektor die fünf Privatprogramme zusammen gegenüber noch einem Drittel für den ORF.

Wettbewerbsverzerrung und Marktversagen

Dazu sichern diesem fast eine Million Nutzer von Teletext und 725.000 tägliche Besucher der Internet-Homepage die Marktführerschaft auf allen Bildschirmen – noch ungeachtet von Zusatzpräsenz auf Facebook und Twitter. Dass die ORF-Nachlese mit 450.000 Lesern eines der größten Monatsmagazine ist, wirkt da wie eine Petitesse.
Während Springer „als Größter unter den Kleinen“ seine Angst vor Google thematisiert, fürchten diese Kleinen längst ihren Größten – so wie Österreichs Winzlingen bange vor dem öffentlich-rechtlichen Koloss-Zwerg ist. Das Medienmatch Verleger kontra ORF wirkt aber derart ökonomisch geprägt, dass hier die Diskussion des journalistischen Niveaus zu kurz kommt. Jürgen Habermas’ Sorge um die seriöse Presse, 2007 formuliert in einem Essay für die Süddeutsche, hat dies so wenig geändert wie 2010 Peter Kruses Appell zur digitalen Gesellschaft im deutschen Bundestag.
Habermas mahnt – abgesehen von öffentlich-rechtlichen Medien: „Keine Demokratie kann sich ein Marktversagen auf diesem Sektor leisten.“ In einem Staat, wo direkte Presseförderung verpönt ist, denkt er an eine solche sogar bis hinein in die Eigentümerkonstruktionen. Kruse hingegen ortet „eine grundlegende Machtverschiebung vom Anbieter zum Nachfrager“ und prophezeit „extrem starke“ Kunden, Mitarbeiter, Bürger. Sein Aufruf zur Veränderung an die Politik gipfelt gelassen: „Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Geduld.“ Vor allem in Österreich.

Über die Debattenhoheit aus der Quotenfalle

Seit der Verhinderung von SPÖ-Mann Niko Pelinka zum Büroleiter von Generaldirektor Alexander Wrabetz ist vom Kampf der ORF-Redakteure um Unabhängigkeit kaum etwas zu hören. Ihr Protest Anfang 2012 mit einem YouTube-Video zeigt aber, wie schnell sich David-Goliath-Positionen verändern. Nicht nur im Internet. Die Krone, vor einem Jahrzehnt auf ihrem Höhepunkt mit mehr als drei Millionen Lesern, hat heute rund 550.000 weniger. Über soviel Publikum verfügt die einst größte Tageszeitung Kurier gerade noch. Zusammen gehört ihnen zwar das reichweitenstärkste Privatradio KroneHit, doch beide hinken online dem Standard hinterher.
Wenn dieser mit der Presse und den gerade noch mehr in diese Richtung veränderten Salzburger Nachrichten täglich um die Debattenhoheit im Lande ringt, zeigt dies einen Weg von Qualitätsmedien aus der Quotenfalle. Nicht von ungefähr fürchtet sich Mathias Döpfner ausgerechnet in der FAZ vor Google. Springers Welt hat deren Plattformniveau nie erreicht. – Doch auch die FAZ muss Blattumfänge einsparen, während Döpfner Springer neu definiert – von einem in Europa an der Spitze stehenden multimedial integrierten Unternehmen zu „Der führende digitale Verlag“. Das verweist auf inhaltliche Rückbesinnung wie globale Expansion. Unterdessen erspart sich Österreich eine Grundlage solcher Entwicklung: Die oft verkündete Breitbandmilliarde für schnelles Internet gibt es vorerst nicht. Das Infrastrukturministerium lässt lieber Tunnel bauen.


Der Autor ist Medienberater und Politikanalyst

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