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21/2014 - Vom Zauber der Zeichen
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Ungelesen , 09:59
Vom Zauber der Zeichen

Nach mehr als fünf Jahrhunderten Buchdruck und mehr als einhundert Jahren Schreibmaschine lebt die Handschrift immer noch.

Von Evelyne Polt-Heinzl


Geraten kulturelle Techniken oder Ausdrucksformen durch neue Entwicklungen in die Krise, passiert immer zweierlei: Pessimisten prophezeien ihren finalen Untergang, während sich im bedrohten Feld neue Potenziale auszubilden beginnen. Als die Fotografie der realistischen Malerei das Wasser abgrub, gingen die Impressionisten neue Wege, als der Film der Literatur das Geschichtenerzählen streitig machte, entstanden die großen Romane der Moderne.
Gerade die Schriftkultur hat noch jeden Medienwechsel als existenziell wahrgenommen. Verlustängste sind schon einem alten Gründungsmythos eingeschrieben. Als Thot, der ägyptische Gott der Schrift, der auch als Erfinder von Mathematik, Astronomie sowie des Brett- und Würfelspiels gilt, König Thamus seine Novitäten zur Beurteilung vorlegte, fand jene der Schrift wenig Anklang. Zumindest berichtet das Platon in seiner Philippika gegen die Schrift, die nur „Vergessenheit in den Seelen derer schaffen wird, die sie lernen“.

Das Buch als kultureller Niedergang

Auch das gedruckte Buch wurde als kultureller Niedergang verstanden. Der Renaissancefürst Federigo von Urbino, so Jacob Burckhardt, hätte sich geschämt, in seine Bibliothek, eine der größten privaten Handschriftensammlungen der Zeit, ein gedrucktes Buch einzustellen. In der europäischen Kultur verhalf aber just dieses Konkurrenzmedium der Kalligraphie zu einem neuen Aufschwung. Ihr Prestige verdankt sie in allen Kulturkreisen dem Abschreiben heiliger Texte. Da das Christentum kein Bilderverbot kannte, hatten sich die Mönche in den klösterlichen Schreibstuben künstlerisch zunächst vor allem auf Bildbeigaben wie Initialverzierungen konzentriert, auch um die Lesbarkeit der Texte zu gewährleisten. Nun aber wandte man sich verstärkt der Ausgestaltung der Schrift selbst zu.
Schreiben ist immer technologischen Diktaten unterworfen. „Verschwenderisch ergießt man sich auf Papier. / Wer in Stein schreibt, / wird sparsam mit Lettern“, heißt es in Christine Bustas Gedicht „Schrift und Inschrift“. Doch die Lebens- bzw. Dominanz-Zyklen eingeführter Techniken werden auch in der Schriftkultur immer kurzlebiger. Der Siegeszug des Gänsekiels begann mit dem Pergament, dessen Oberfläche sensiblere Schreibgeräte verlangte als der Papyrus, und sein Zeitalter währte 1000 Jahre.
Schreibgewohnheiten werden aber nicht nur durch große Veränderungen beeinflusst, oft passiert das vergleichsweise unspektakulär. Für das Alltagsverhalten der Menschen zentral war etwa die Perfektionierung des Bleistifts oder die Emanzipation vom Tintenfass durch die Erfindung der Füllfeder und dann des Kugelschreibers, der sich seinerseits von den Launen der Anfangszeit zu problemloser Dauerbetriebsbereitschaft entwickelte. Über viele Jahrhunderte bedeutete Schreiben auch, mit der unzulänglichen Funktionstüchtigkeit der verfügbaren Werkzeuge umzugehen. Nun aber war alles jederzeit in praktisch jeder Lebenslage notierbar. Der Radiergummi wiederum stellte zumindest im Machtbereich des Bleistifts die phänomenale Perfektionierung eines Löschsystems dar. Eine völlig neue Qualität brachte hier erst die delete-Funktion. Läuft kein eigenes Programm mit, ist damit Getilgtes für die Welt final und spurenlos verloren. Am meisten leiden darunter die Philologen, was zu völlig neuen Editionspraktiken bis hin zu den Faksimileausgaben handschriftlicher Manuskripte geführt hat.
Trotz mehr als fünf Jahrhunderten Buchdruck und mehr als einhundert Jahren Schreibmaschine blieb die Handschrift in unserer Kultur etwas Alltägliches. Das scheint sich mit den digitalen Portables gerade zu ändern. Kontaktdaten per Hand zu notieren, wirkt heute schon reichlich antiquiert. Doch selbst in die neuen Medien ist die Handschrift mit dem Digitizer eingedrungen wie ein Tribut an die Tatsache, dass jahrhundertelange Einübung Gewohnheiten mit sich bringt, die nicht so rasch abzulegen sind. Schrift ist, so der Medientheoretiker Christoph Türcke, ein „Anthropologicum“. Allen neuen Medien zum Trotz kommt der Mensch von ihr nicht los; sie ist im Bild vom genetischen Code ebenso enthalten wie im Triple-A Rating oder dem Markenkult, der die Schrift an ein profaniertes Numinoses zurückbindet.

Aura des Müßigen und Zweckfreien

Und je mehr sich jenes Schreiben, das unter dem Diktat beruflicher oder alltagspraktischer Notwendigkeiten steht, mit Knopf- und Tastendruck erledigen lässt, umso mehr kann sich die Schreibtätigkeit per Hand zu sich selbst befreien. Sie erhält unversehens eine Aura des Müßigen, Zweckfreien und Authentischen. Nicht zufällig sind mit der Beliebtheit von Dichterlesungen Signierstunden wieder gefragt – persönliche Widmungen in Bücher schreiben, das ist ein konkurrenzloses Terrain der Handschrift. Genauso wie das weite Feld des Kritzelns. Doodling ist das schöne englische Wort dafür, von to doodle, Männchen malen. Aus diesen „Freuden der Langeweile“ (Ernst Gombrich) können ,unter der Hand‘, wenn die Aufmerksamkeit aus der Konzentration entlassen und die Motorik nicht länger diszipliniert ist, wahre Kunstwerke entstehen. Dafür eignet sich alles, was in der Hand liegt und – wie der Stift in der Seance – unbewusst über ein Blatt Papier schlendern kann. Die Tastatur ist dafür eher unbrauchbar.
1970 schrieb Roland Barthes, angeregt durch eine Japanreise, seine Studie „Das Reich der Zeichen“, in der er nach der Korrelation von Bildschrift und Schriftbild bzw. Verhaltensweise und Weltbild fahndet und für eine Rückeroberung der sinnlichen Komponenten des Schreibens plädiert. Und Handke wünscht sich „Bleistifte und Füllfedern ..., die schreiben nur bei einer gewissen Langsamkeit“. Die Rasanz der gesellschaftlichen wie technologischen Entwicklungsschübe produziert das Bedürfnis nach Entschleunigung und sensibilisiert für ein neues Nachdenken, auch über die Kulturtechnik des Schreibens. Seit geraumer Zeit erfassen die Retrowellen der Konsumindustrie auch die Schreibwarenbranche. Niemand „braucht“ heute einen Bleistiftverlängerer oder ein ledernes Tintenwischerl, aber es gibt sie wieder zu kaufen. Und jeder, dem es gegeben ist, bedeutsame Verträge zu unterzeichnen, besitzt eine gediegene Füllfeder aus dem Luxussegment.

Schulen für Schrift

Sogar (Lehr-)Bücher über Kalligrafie und Kunstschriften werden aktuell überraschend viele angeboten. In Pettenbach im oberösterreichischen Almtal wurde 1992 das Museum für Schriftkunst und Exlibris eröffnet, an Kunstschulen wie in Wansbeck und Hildesheim gibt es Dozenturen für Kalligrafie und 1991 gründete Martin Andersch die Hamburger „Schule für Schrift“. Zwanzig Jahre später war es allerdings gerade Hamburg, das als erstes deutsches Bundesland den Grundschulen freistellte, ob sie Schreibschrift überhaupt noch unterrichten wollen oder nur die Druckschrift. In Nischen aber lebt die Schrift-Kunst fort. Die Kirche hat ihre Rolle als Hüterin der Kalligrafie aufgegeben, Auftraggeber sind heute Gemeinden, Feuerwehren, Innungen, Ämter, Firmen und Privatpersonen, die Urkunden, Chroniken und Stammbäume anfertigen lassen. Jenseits von allen praktischen Aspekten wird also das ästhetische Vergnügen am ,Zauber der Zeichen‘ überleben.

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