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21/2014 - Schönschreiben? War einmal …
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Alt 21.05.2014, 09:16
Schönschreiben? War einmal …

Massenhaft Zierleisten und Noten für die „äußere Form der Arbeiten“ sind in den Schulen längst Vergangenheit. Geben heute Laptops und Handys der kindlichen Feinmotorik den Rest?

Von Doris Helmberger

Heuer haben die Achtklassler des De La Salle-Gymnasiums in Wien-Strebersdorf noch Glück gehabt: Zumindest ihre Deutsch-Matura durften die Schülerinnen und Schüler noch wie gewohnt in den Laptop hacken – eine Form des Arbeitens, die ihnen nach vier Oberstufenjahren als Notebook-Klasse längst in Fleisch und Blut übergegangen ist. In Englisch und Französisch hingegen wurden die Uhren bereits in Richtung Handschrift zurückgedreht, um für die Zentralmatura im kommenden Jahr gerüstet zu sein. Zwar ist es laut Bundesinstitut für Bildungsforschung (BIFIE) grundsätzlich in allen Fächern möglich, bei der Matura einen Laptop zu verwenden, wenn dies auch zuvor im Unterricht möglich war – jedoch unter der Voraussetzung, dass alle Rechtschreibkorrektur- und Wörterbuchoptionen sowie Internetzugänge ausgeschaltet wurden. In der Praxis unmöglich, wie man an der De La Salle-Schule weiß. Die Folge sind Schülerinnen und Schüler, die bei der wichtigsten Prüfung ihres Lebens zum ungewohnten Kuli greifen müssen.

Verkrampfte Rückkehr zur Handschrift

„Für die Schüler ist das sehr schwierig“, klagt Julia Müller, Deutsch- und Geschichte-Professorin an der De La Salle-Schule. „Am Computer sind sie es gewohnt, drauflos zu schreiben und Textteile zu verschieben. Die Handschrift erfordert eine ganz andere Schreibweise. Dazu kommt, dass sich die Feinmotorik zurückentwickelt hat und viele einen Krampf in der Hand bekommen.“ Das sei überhaupt kein Plädoyer gegen die Handschrift, betont die Lehrerin: „Die gehört in der Unterstufe gefördert, wie Kreativität generell. Doch in der Oberstufe sollen sie mit Laptops arbeiten, weil das die Zukunft ist.“
Feinmotorische Probleme gibt es freilich nicht nur bei Maturanten, sondern auch bei Taferlklasslern. Die Gründe dafür liegen in diesem Alter freilich auch anderswo: „Das grundlegende Übel ist, dass viele Kinder zu wenig Bewegung machen, nicht mehr klettern können und diese Mängel in der Grobmotorik in die Feinmotorik übergehen“, glaubt Luzia Thumser, Professorin für Deutsch-Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Wien.
Wie sehr Sprache und Motorik zusammenhängen, haben zahlreiche Studien gezeigt. Durch das Schreiben mit einem Stift würden „motorische Gedächtnisspuren“ angelegt, die das Erkennen des Buchstabens und später das Lesen erleichtern würden, schreibt der Hirnforscher Martin Spitzer in „Digitale Demenz“. Bei Tippbewegungen sei das nicht so, weil sie in keiner Beziehung zur Buchstabenform stünden.
Wohin das in der Praxis führen kann, hat die Kalligrafin Claudia Dzengel erlebt. Es habe ihr „in den Augen weh getan“, als sie einmal in der Wiener Volksschulklasse ihres Sohnes die Kinder simple Schwünge schreiben ließ, erzählt sie. „Viele konnten nicht einmal Meereswellen zeichnen, die haben sich dabei die Hand verdreht.“ Zahlreiche Lehrer älterer Kinder hätten ihr zudem berichtet, dass sie die Schrift ihrer Schüler nicht mehr lesen könnten. Für Dzengel eine logische Folge fehlender Schreibpraxis – und schwindender Wertschätzung für das Schreiben als hohe, individuelle Kunst.
Tatsächlich hat die „saubere Handschrift“ in der Schule massiv an Wichtigkeit verloren. Bereits seit 1963 gibt es „Schönschreiben“ nicht mehr expressis verbis im Lehrplan; 1994 wurde in den Zeugnissen zudem die Kopfnote „Äußere Form der Arbeiten“ abgeschafft. Und auch das Schreiben von Zierzeilen ist längst nicht mehr up to date. 1995 wurde nach zehnjähriger Vorarbeit auch eine neue, einfachere Schulschrift („Ausgangsschrift“) eingeführt (s. oben). Die ältere Version von 1969 sei mit ihren Schlingen nicht mehr zeitgemäß gewesen, hieß es. Bis heute können Lehrerinnen zwischen diesen beiden Varianten wählen.

Schreibschrift vor Druckschrift?

Fast alle Pädagogen wählen die neue, nüchternere Schrift. Die allermeisten beginnen beim Schreibenlernen auch mit den Druckbuchstaben und wenden sich erst danach der – feinmotorisch schwierigeren – Schreibschrift zu. Nicht so Veronika Linsbauer-Willer, die seit 1981 an der Privaten Volksschule Maria Regina in Wien-Döbling unterrichtet. „Wir schreiben von Anfang an Schreibschrift und lesen Druckschrift“, erklärt sie. Die Schreibschrift sei schließlich die endgültige Schrift der Kinder. Zudem würde sie manchen legasthenen Anflügen entgegenwirken, weil bei ihr „b“ und „d“ nicht so leicht zu verwechseln seien.
In Deutschland zeigt sich hingegen ein gegenläufiger Trend. Hamburg und Bremen haben sich dafür entschieden, statt Schreib- und Druckschrift die „Grundschrift“ einzuführen – eine spezielle Form der Druckschrift, bei der an die Buchstaben kleine Bögen gehängt werden, um sie besser verbinden zu können. Die Kritik daran war und ist heftig. „Die sogenannte Grundschrift ist schlecht in den Proportionen und das Wesentliche einer Handschrift, ihr Rhythmus, fehlt ganz“, schreibt etwa der namhafte, deutsche Kalligraf Gottfried Pott.
Wie er plädiert auch Claudia Dzengel dafür, die kindliche Lust am kreativ-erfinderischen Schreiben zu fördern – abseits des zwanghaften „Schönschreibens“ von früher. In zahlreichen Workshops (und in ihrem prächtigen Buch „Kalligrafie und kreatives Schreiben für Kinder“) gibt sie dazu zahlreiche Anregungen. „Schrift und Bild, das heißt Schreiben und Bilden, sind wurzelhaft eins“, wird darin Paul Klee zitiert. Vielleicht könnte man dieses Zitat 2015 zur Erörterung bei der Deutsch-Matura geben.


Kalligrafie und kreatives Schreiben für Kinder
Von Claudia Dzengel. Mit 20 Übungen zum Selberschreiben. G&G Verlagsgesellschaft,
Wien 2013, 48 Seiten, geb., € 18,00.

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