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21/2014 - „Die Schrift spricht mit“
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Ungelesen , 10:23
„Die Schrift spricht mit“

Handschriften von Dichtern und Schriftstellern: Sie werden in Archiven gesammelt und erforscht – und geben Rätsel auf.


Von Johann Holzner


Als seine Schwester Dorothea Salome ihren ersten Liebesbrief aufsetzen wollte und sich deshalb an ihn wandte mit der Frage, wie denn das am besten zu bewerkstelligen sei, antwortete ihr Gotthold Ephraim Lessing kurz und bündig: „Schreibe wie Du redest, so schreibst Du schön.“ Man schrieb das Jahr 1743; eine Hoch-Zeit für Briefsteller, die Anleitungen vermittelten, höflich und galant zu schreiben. Lessing hielt davon wenig. Sein Maßstab hieß: Authentizität.
Dass Authentizität, die Übereinstimmung von Schein und Sein, sich auch in der Hand-Schrift äußert, diese Einsicht setzt sich wenig später, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mehr und mehr durch. Mit seinen „Physiognomischen Fragmenten, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe“ eröffnet der Schweizer Gelehrte Johann Caspar Lavater schließlich das Tor zur so genannten Chirographignomik, die aus der Handschrift eines Menschen Rückschlüsse zieht (besser gesagt: Rückschlüsse glaubt ziehen zu dürfen) auf dessen Alter und Geschlecht – wie auch auf seine Charakter- und Gemüts-Eigenschaften. Wer schon einmal in einem Nachlass die Spuren der Schrift verfolgt hat, der weiß allerdings, dass es nach wie vor nicht leicht fällt, den Verlockungen, sich auf eine physiognomische Typisierung einzulassen, schließlich doch zu widerstehen.
Norbert Conrad Kaser (1947-1978), um hier gleich ein prominentes Beispiel anzuführen, galt und gilt in manchen Kreisen immer noch als „ein rebellischer Südtiroler Dichter“ (Wikipedia). Diese Rolle spielte er tatsächlich auch nicht ungern, wenn er in der Öffentlichkeit auftrat. Aber die Gedichte in seinen Notiz- und Kalender-Büchern sprechen eine ganz andere Sprache: Sie kritisieren gesellschaftliche Entwicklungen und Auswüchse aus einer Position heraus, die durchaus auch konservative Züge aufweist; und seine Handschrift verrät, dass Schönschreiben dem Dichter und Lehrer N. C. Kaser ganz offensichtlich ein wichtiges Anliegen gewesen ist.

Nicht entzifferbare Geheimschrift


Die „Mikrogramme“ des schweizerischen Schriftstellers Robert Walser (1878-1956) sind von ihrem ersten Kommentator Carl Seelig noch als „nicht entzifferbare Geheimschrift“ bezeichnet worden. Inzwischen längst entziffert und auch publiziert, wird Walsers Miniatur-Variante der Kurrentschrift auch nicht mehr (lediglich) als Ausdruck der psychischen Konstitution des Autors (der diese Texte in der Heil- und Pflegeanstalt Herisau verfasst hat) interpretiert; sie wird vielmehr im Zusammenhang gesehen mit der Entwicklung seiner Arbeitsweise, mit seiner „Bleistiftmethode“: Mit dem Bleistift nämlich, entdeckt Walser, schreibt er „träumerischer, ruhiger, behaglicher, besinnlicher“, und was auf dem „Bleistiftgebiet“ festgehalten ist, behält nicht zuletzt den Charakter des Entwurfs, es zeigt an, das letzte Wort sei noch nicht gesprochen.
Musil, Kafka, auch Kurt Tucholsky und Walter Benjamin zählten Robert Walser zu ihren Lieblingsautoren. Auch Peter Handke bewundert ihn; wer je die Manuskripte seiner Erzählungen und Romane in der Hand gehabt hat, fein säuberlich Seite für Seite mit stets gespitztem Bleistift geschrieben, als wäre dies im Zeitalter der elektronischen Datenübertragung noch immer das Selbstverständlichste von der Welt, wird vielleicht nicht zuletzt an die Selbsteinschätzung des älteren Kollegen erinnert, dessen Heimatstadt Biel seit 1978 literarische Erstlingswerke aus den Originalsprachen Deutsch und Französisch mit dem Robert-Walser-Preis auszeichnet. Gestochen scharf: so haben auch schon Klopstock, Wieland, Novalis, Grillparzer und Stifter geschrieben, später u. a. Marie von Ebner-Eschenbach, Thomas Mann, Hermann Broch, ganz besonders Rainer Maria Rilke. Radikal anders Else Lasker-Schüler, deren Briefe oft so stark mit Ornamenten geschmückt sind, dass sie alle Spielregeln, sich zu einer lesbaren Schrift aufzuraffen, außer Kraft setzen.
Nicht zu vergessen: Goethe. Als der Dichterfürst, schon ziemlich alt geworden, anlässlich eines Besuches im Elternhaus seine eigenen Briefe aus der Studentenzeit durchblätterte, erschrak er über „das Äußere“ dieser Schriftstücke, vor der „unglaublichen Vernachlässigung der Handschrift“. Goethe hat sich denn auch eine Autographen-Sammlung angelegt, um aus den Handschriften bedeutender Menschen Einsichten zu gewinnen, die anders am Ende gar nicht zu haben wären: „Natur- und Kunstwerke lernt man nicht kennen, wenn sie fertig sind; man muß sie im Entstehen aufhaschen, um sie einigermaßen zu begreifen.“
Das hat viel für sich und ist einer der gewichtigsten Gründe dafür, dass Literaturarchive seit dem 19. Jahrhundert nicht nur Autographen, sondern ganze Nachlässe, seit einigen Jahren auch Vorlässe bedeutender Schriftsteller (mit Manuskripten, die oft verschiedene „Textstufen“ enthalten) sammeln und erschließen. Auch Hand- oder Arbeitsexemplare, also mit Annotationen versehene (d. h. nicht: verunstaltete) Bände aus Autoren- oder Gelehrtenbibliotheken zählen dazu: Schon Sophie von Anhalt-Zerbst, besser bekannt als Katharina II. von Russland, hat die Bedeutung derartiger Sammlungen richtig eingeschätzt, als sie die ca. 7000 Bände umfassende Bibliothek Voltaires erwarb und anordnete, die Bücher, die zahllose Lesespuren aufwiesen, in der St. Petersburger Eremitage unterzubringen. Die Handexemplare der „Kinder- und Hausmärchen“, die viele eigenhändig eingetragene Korrekturen und Kommentare von Jacob und Wilhelm Grimm enthalten (und unter der Adresse www.grimms.de heute auch leicht zugänglich sind), gehören seit 2005 sogar zum Weltdokumentenerbe der UNESCO.

Mit dem „Bleystift“ der Geliebten


Die „Schrift spricht mit“ (Rilke). Die Schrift, das Papier, das Schreibgerät: alles spricht mit, alles kann beitragen zur Auratisierung eines Datenträgers, eines Briefes zum Beispiel, oder umgekehrt eben auch dazu, dass man den Wert desselben gering schätzt. Ein Schreiben auf handgeschöpftem Büttenpapier wirkt anders als eine E-Mail-Kopie. HAP Grieshaber, dessen Malbriefe inzwischen auf dem Kunstmarkt als Teile seines Werkes gehandelt werden, hat auch gerne vietnamesisches Reispapier verwendet. Feder, Füllfeder, Kugelschreiber, die Geräte können ebenso wie die Wahl des Papiers allerhand aussagen. Nietzsche, der kurzsichtig war, versuchte eine Zeit lang, eine mechanische Schreibhilfe zu nutzen, eine frühe Form der Schreibmaschine, die Mallingsche Kugel; bald jedoch musste er einsehen: „Das Schreibwerkzeug arbeitet mit an unseren Gedanken.“
Das Schreibgerät ist ein Kommunikations-Signal, doch keineswegs ein eindeutiges, sondern erst im Umfeld aller Materialitäten angemessen zu verstehen. Auch Beethovens berühmter Brief an die „Unsterbliche Geliebte“ ist mit Bleistift geschrieben. Aber in diesem Fall verweist das Gerät nicht auf den vielleicht immer noch vorläufigen Charakter des Geschriebenen, vielmehr auf die Beziehung des Komponisten zur Adressatin; Beethoven schreibt (und er betont das ausdrücklich) mit dem „Bleystift“ der Geliebten.
Das wichtigste Element der Kette von Zeichenbeziehungen in Manuskripten bleibt nach wie vor die Handschrift. Nichts anderes gibt so viele Rätsel auf wie sie. Und dies nicht nur, weil sie gelegentlich schwer entzifferbar ist, wie etwa die Handschrift Karl Wolfskehls, die sogar zur Gründung einer (dem George-Kreis nahestehenden) „Gesellschaft der Berliner Empfänger Wolfskehlischer Briefe“ Anlass gegeben hat; das Hauptgeschäft der Gesellschaft sollte es sein, die Briefe Wolfskehls an den Absender „unbesehen zurückzuschicken“ (und doch die Freundschaft mit ihm weiter zu pflegen). Manche Rätsel sind, anders als die handschriftlich überlieferten Zeugnisse von Robert Walser oder Karl Wolfskehl, nie eindeutig zu lösen: Warum schreibt Trakl die ersten Verse seines berühmtesten Gedichts, „Grodek“, das auf der Rückseite seines Testamentsbriefs zu finden ist, in lateinischer Schreibschrift, die letzten elf Zeilen hingegen, so wie den an Ludwig von Ficker gerichteten Brief, in der (von ihm fast immer bevorzugten) deutschen Kurrentschrift? Es gibt darüber viele Spekulationen. Sie alle sind längst verblasst. Anders als Trakls Gedicht, das keinen in Ruhe lässt, der je die Handschrift des Dichters gesehen hat.

Der Autor war Leiter des Forschungsinstituts Brenner-Archiv in Innsbruck.

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  16:01:43 07.16.2005